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«Irrsinn», «ausser Kontrolle», «Anzeichen von Demenz»: Ist Donald Trump verrückt?

Es ist verführerisch, mächtige Politiker geistesgestört zu nennen. Doch oft sind psychiatrische Diagnosen politisch motiviert. Auch Fachleute raten davon ab, selbst wenn sie Trumps Verhaltensauffälligkeit sehen.

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Als Zeichen von Trumps Empathielosigkeit gedeutet: Bei einem Treffen zur Senkung von Medikamentenpreisen bricht ein Teilnehmer im Oval Office zusammen, was Trump nicht zu kümmern schien. 6. November 2025.

Andrew Harnik / Getty

Nachdem Donald Trump ein Bild von sich als Jesus gepostet hatte, um danach zu behaupten, es stelle ihn als Arzt dar, kursierte in den sozialen Netzwerken ein Meme. Es zeigt den amerikanischen Präsidenten neben Jack Nicholson und Will Sampson (alias Häuptling Bromden) im Film «Einer flog über das Kuckucksnest». Alle drei tragen die Kleidung der Irrenanstalt. Nicholson fragt: «Warum bist du hier?» Trump antwortet: «Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich Jesus oder ein Arzt bin.»

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Das Bild brachte es für viele auf den Punkt. Seit Tagen dominierte Trump die Schlagzeilen mit seinem Verhalten und seinen Aussagen. Die Medien kamen mit dem Einordnen kaum nach. Trump drohte damit, die Iraner in die Steinzeit zu bomben und eine ganze Zivilisation auszulöschen. Eine Warnung an die Mullahs an Ostern beschloss er mit einem «Gelobt sei Allah». Kurz darauf legte er sich mit Papst Leo an. Höhepunkt der wütenden Aktionen war das Bild von sich als Messias.

Da ging fast unter, dass er sich auch noch dabei filmen liess, wie eine Kurierin ihm eine Lieferung von McDonald’s ins Weisse Haus bringt. Seines Lieblingsessens, Fast Food. Es war eine PR-Aktion dafür, dass die Trinkgeld-Steuer abgeschafft wird. In einer kuriosen Szene fragt Trump die Frau vor Reportern, ob sie ihn gewählt habe und was sie «von Männern im Frauensport» halte. Sie antwortet ausweichend.

Erratisches Verhalten, wirre Reden

Für Kommentatoren, Journalisten, Late-Night-Comedians und politische Gegner steht endgültig fest: Der Mann ist verrückt geworden. Und zwar in einem psychiatrischen Sinn. Schon während Trumps erster Amtszeit gab es immer wieder Spekulationen über seinen geistigen Zustand. Doch dieses erratische Verhalten im Krieg mit Iran, die unkontrollierten Ausbrüche, auch Versprecher und Verwechslungen in seinen Reden – darin sieht man nun etwas eindeutig Pathologisches.

Selbst ehemalige Unterstützer wie die Republikanerin Marjorie Taylor Greene oder die rechten Podcaster Candace Owens oder Alex Jones wollen beim Präsidenten eine neue Stufe von «Irrsinn» erkennen. Trump klinge mit seinem «Geplapper» so, als funktioniere sein Gehirn nicht richtig.

Auch die Demokraten verfügen nun über medizinische Kenntnis, die ihnen bei der Beurteilung von Joe Biden noch gefehlt hat. Nancy Pelosi, von einem Journalisten danach gefragt, warum Trump das Jesus-Bild wohl gepostet habe, sagte nur: «Fragen Sie einen Psychiater. Das braucht eine Diagnose, kein Gespräch.»

Auch iranische Psychologen «besorgt»

Tatsächlich lassen sich Fachleute darauf ein und beurteilen Trumps mentale Fitness. So kam der Psychologe John Gartner, ein ehemaliger Professor an der Johns-Hopkins-Universität, schon vor ein paar Wochen zum Schluss: Der «rapide mentale Niedergang» von Trump sei unübersehbar. Der 79-Jährige zeige eindeutig «klinische Zeichen von Demenz». Demenzkranke würden oft «zu den schlimmsten Versionen ihrer selbst». So wie Trump.

Die Debatte lassen sich nicht einmal die Iraner entgehen. Vergangene Woche haben die Iranian Psychological Society und die Psychology and Counseling Organization of Iran einen offenen Brief an ihre amerikanischen Kollegen formuliert.

Sie fordern sie darin auf, die psychische Eignung von Trump zu prüfen. Er stelle eine «Gefahr für den Weltfrieden» dar. Seine Impulsivität, die fehlende Empathie und der Narzissmus deuteten auf eine Persönlichkeitsstörung hin, schrieben sie sinngemäss.

Während die «Sorge» der Iraner um Trump Teil der Propaganda im Krieg mit den USA ist, würde auch in der restlichen Welt kaum jemand mehr bezweifeln, dass Trump ausgeprägt narzisstisch ist, vielleicht sogar mit bösartigen Zügen. Für eine Amtsenthebung, wie sie vielfach gefordert wird, reicht dieser Befund allerdings nicht aus.

Keine Ferndiagnosen!

Doch erneut arbeiten sich Fachleute an Trump ab. Dabei halten sie sich nicht an berufsethische Standards. In den USA gilt die sogenannte Goldwater-Regel: Eine Psychiaterin, ein Psychotherapeut muss eine Person persönlich sehen, bevor er ihr eine Störung diagnostiziert. Man sollte keine Ferndiagnosen vergeben.

Die Regel geht zurück auf das Jahr 1964, als in einer Umfrage über tausend vor allem linksliberale Psychiater den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater als geistig zu krank für das Amt bezeichneten. 2017 fügte die American Psychiatric Association (APA) den Zusatz an, dass überhaupt jede Aussage über die mentale Verfassung bekannter Leute, die man nicht behandelt hat, zu unterlassen sei.

Der Psychiater Allen Frances hat schon während Trumps erster Amtszeit davor gewarnt, den Präsidenten im Sinne einer klinischen Diagnose für verrückt zu erklären. Frances weiss, wovon er spricht: Er hat die Kriterien der narzisstischen Persönlichkeitsstörung verfasst, die ins Diagnose-Handbuch psychischer Störungen DSM-5 aufgenommen wurden und bis heute gültig sind.

Man solle politisch problematisches Verhalten nicht vorschnell pathologisieren, sagte Frances 2018 im Gespräch mit der NZZ. Trump möge narzisstisch sein, er sei jedoch nicht psychisch krank: Dafür leide er zu wenig an seinem Zustand. Wer zu sorglos mit psychiatrischen Begriffen hantiere, um Trump zu diskreditieren, unterschätze ihn und lenke von den Gefahren seiner Politik ab, so Frances.

Mit anderen Worten: Mit der Psychologisierung wird ein Verhalten immer auch entschuldigt. Erklärt man jemanden für verrückt, entlastet man ihn von der Verantwortung für sein Tun.

Der Blick in eigene Abgründe

Eine politisch unliebsame Person lässt sich schnell in der Irren-Schublade versorgen. So kann man sich maximal von ihr abgrenzen. In seinem Buch «Amerika auf der Couch» schreibt Frances: «Es wirkt beruhigend, sieht man Präsident Donald Trump als Verrückten, als Ausrutscher, als Ausnahmefall, und nicht als Spiegelbild unserer selbst oder unserer Demokratie.» Statt Trump für krank zu erklären und das Problem damit zu beseitigen, sei es hilfreicher, sich zu fragen, wie es zu dessen Aufstieg gekommen sei.

Daran sind die Trump-Kritiker nicht interessiert. Sie sehen es als ihre Pflicht, vor psychisch derangierten Politikern zu warnen, die ihrer Meinung nach viel Schaden anrichten. Die 27 Psychiater und Psychologen, die 2017 am Buch «The Dangerous Case of Donald Trump» mitschrieben, fanden Trumps Reden, Tweets und Auftritte ausreichend, um ihm ein «manisches Temperament», eine «wahnhafte Loslösung von der Wirklichkeit» und «paranoide Hyperempfindlichkeit» zu bescheinigen.

Sind solche Ferndiagnosen politisch motiviert, ist zweifelhaft, wie objektiv sie sind. Auch Ärzte können Aktivisten sein. Allen Frances kritisiert zudem, dass damit echtes psychisches Leiden verharmlost werde. So verliere die Psychiatrie ihre Glaubwürdigkeit.

Johnson war manisch, Lincoln depressiv

Die Gesundheit und damit die Tauglichkeit für das Amt wurde bei amerikanischen Präsidenten schon immer öffentlich verhandelt. Meist geht es dabei um die körperliche Fitness. Der geistige Zustand einer Person ist schwerer fassbar. Kaum je dringen neutrale Informationen an die Öffentlichkeit. Leibärzte sind loyal.

Das hinderte Forscher der Duke-Universität schon 2006 nicht daran, nach psychischen Störungen bei allen bisherigen Präsidenten zu fragen und 37 ausfindig zu machen. Zehn von ihnen zeigten angeblich Symptome, als sie im Oval Office sassen. So soll Lyndon B. Johnson unter einer bipolaren Störung gelitten haben und Abraham Lincoln an Depressionen. Bei Ronald Reagan wird gemutmasst, dass es schon während seiner Amtszeit Anzeichen für seine Alzheimer-Erkrankung gegeben hat.

Ein hoher Politiker wird auch einmal niedergeschlagen sein oder Angst verspüren. Das sagt noch nichts darüber aus, ob dies seine Arbeit beeinträchtigt. Bei Trump ist neu, dass ihm unterstellt wird, von Sinnen zu sein. In diesem Fall wäre er tatsächlich eine Gefahr: Dank dem Zugang zum Atomkoffer könnte er die Welt in Brand stecken.

Dabei haben das Etikett «geistesgestört» bisher vor allem Diktatoren erhalten. Hitler, Stalin, Mussolini, der ugandische Gewaltherrscher Idi Amin oder Muammar al-Ghadhafi in Libyen verbindet, dass sie als impulsiv, grössenwahnsinnig und paranoid gelten. Aber auch bei ihnen fehlt eine gesicherte Diagnose.

Die Freiheit des Narren

Bei Trump weiss man nicht recht, wie sehr ihm die Diagnose, verrückt zu sein, sogar gefällt. Hinter seinem «Irrsinn» könnte sich eine Strategie verbergen.

Richard Nixon, dem während des Watergate-Skandals ebenfalls eine psychische Instabilität vorgehalten wurde, sprach von einer «Theorie des Wahnsinns»: Indem ein politischer Führer sich unberechenbar und irrational verhält, schüchtert er seine Gegner ein. Diese werden nachgiebig, gehen kein Risiko ein. Allerdings war auch für Nixons Berater nicht immer klar, ob sein erratisches Verhalten nur gespielt war.

Trump nutzt eine Narrenfreiheit, mit der er die Maga-Anhänger bestens unterhält. Ein Präsident, der mitten in der Nacht einen wild-wütenden Post nach dem andern abfeuert, wirkt für sie nicht wahnhaft, sondern wahrhaftig. So ist er halt. Trump selbst soll seinem einstigen Justizminister William P. Barr gesagt haben, er wisse, was das Geheimnis eines guten Tweets sei: «Genau die richtige Dosis Wahnsinn.»

Dennoch dürfte nicht alles an Trumps «Wahnsinn» berechnend sein. Dafür wehrt er sich zu vehement, wenn man ihm unterstellt, er sei geistig nicht auf der Höhe. Er verweist auf seine Bestnoten bei kognitiven Tests, die zur Früherkennung von Demenz verwendet werden, und streicht bei jeder Gelegenheit hervor, wie gesund er in jeder Hinsicht sei.

So hat er sich selbst als «geistig sehr stabiles Genie» bezeichnet. Das klingt nicht so, als meinte er es nicht ernst.

29 Kommentare

Ute Hoberg Kaufmann

Trump ist nicht plötzlich verrückt geworden, er war schon immer so! Hat sich denn niemand mit der Vita dieses erbärmlichen Subjekts befasst.

Stefan Altenburger-Kessler

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Wenn die Unfähigkeit, reale Probleme zu lösen eine psychische Krankheit wäre, müsste man 99% aller Politiker damit diagnostizieren.

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