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Interview

«Die Medizin schafft Leben, geliebtes Leben» – «Für mich ist das Menschenhandel»: Zwei Konservative streiten über Leihmutterschaft

Der CDU-Politiker Jens Spahn hat eine internationale Debatte über Leihmutterschaften ausgelöst. Die Publizistin Birgit Kelle will diese verbieten – der Medienanwalt Ralf Höcker hat sie selber in Anspruch genommen.

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«Es kommt zu übelsten Beschimpfungen, auch der Kinder, die als ‹Frankenstein-Kinder› tituliert werden»: ein Vater mit seinem Baby.

Stephen Zeigler / Getty

Er ist Medienanwalt und war Mitglied der CDU und des Vereins Werteunion, sie schreibt erfolgreiche Bücher und ist als konservative Publizistin bekannt: Ralf Höcker und Birgit Kelle treffen sich mit ihren Ansichten in vielen Bereichen. Sie sind auch miteinander befreundet. Beim Thema Leihmutterschaft nehmen sie aber komplett gegensätzliche Positionen ein, die sie auch mit persönlichen Erfahrungen begründen. Die vierfache Mutter Kelle hat ihren Standpunkt bereits in ihrem Buch «Ich kauf mir ein Kind. Das unwürdige Spiel mit der Leihmutterschaft» (2024) erläutert. Höcker hat mit seinem Mann drei Kinder aus Leihmutterschaft. Beim Online-Streitgespräch lassen sie den anderen reden, manchmal mühsam beherrscht – sie vor blauem Hintergrund, er vor einem Gestell voller Kinderspielzeug.

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Frau Kelle, Herr Höcker, seit der homosexuelle CDU-Politiker Jens Spahn bekanntgegeben hat, er sei Vater eines von einer Leihmutter ausgetragenen Kindes geworden, ist über Deutschland hinaus eine Diskussion entbrannt. Spahn hat viel Kritik geerntet. Zu Recht?

Birgit Kelle: Spahn hätte seiner eigenen Partei die Wahrheit sagen müssen, schon während er das Kind in Produktion hatte. Er ist Fraktionsvorsitzender der CDU und nicht irgendein Hinterbänkler. Hätten seine Kollegen gewusst, dass er sich über Parteitagsbeschlüsse hinwegsetzt – die CDU ist ja immer noch gegen Leihmutterschaften –, wäre er vielleicht nicht gewählt worden. Als Volksvertreter hat er auch eine Vorbildfunktion. Man kann nicht Gesetze machen und dem Volk verkünden: Haltet euch daran, um dann selber das Gesetz im Ausland zu umgehen. Er hat nicht nur die Würde seines Amtes verletzt, sondern auch eine Doppelmoral offenbart, weil er sich offiziell gegen Leihmutterschaft ausgesprochen hat. Das Grundproblem ist für mich aber, dass er Leihmutterschaft überhaupt nutzt.

Ralf Höcker: Ich mache Spahn keine solchen Vorwürfe. Erstens hat er kein Recht umgangen, denn es gibt kein Verbot in Deutschland, das sich an Eltern oder an die Leihmütter richtet. Es wird ihnen bloss indirekt unmöglich gemacht, weil es Ärzten verboten ist, Leihmutterschaften zu unterstützen. Darum musste er ins Ausland gehen. Zweitens muss man einem Menschen das Recht zugestehen, seine Meinung zu ändern. Er hat sich vor vielen Jahren ablehnend zur Leihmutterschaft geäussert. Offenbar hat ein Erkenntnisprozess stattgefunden. Er hat sich wohl mit dem Thema auseinandergesetzt und ist zu einem anderen Ergebnis gekommen. Genauso war es bei mir.

Die Publizistin und Buchautorin Birgit Kelle.

Kerstin Pukall

Der Medienanwalt Ralf Höcker.

Dennis Williamson

Sie sind selber mit einem Mann verheiratet und haben drei Kinder, die von einer Leihmutter ausgetragen und geboren wurden. Hätten Sie sich das früher nicht vorstellen können?

Höcker: Mit ungefähr zwölf habe ich verstanden, dass ich eher auf Männer als auf Frauen stehe, hatte aber bis achtzehn ein grosses Problem damit. Ich fand es unnatürlich und unangenehm, wenn ich zwei Männer sah, die sich küssten. Heute betrachte ich schwule Beziehungen als normal, da passieren die gleichen Dinge wie in einer heterosexuellen Beziehung. Mit den Familien, die dank Leihmutterschaften entstehen, ist es ganz ähnlich: Von aussen mag es unnatürlich wirken, von innen betrachtet sind wir eine normale Familie. Wie jeder Vater sage ich den Kindern, sie sollten sich anständig an den Tisch setzen, wir spielen zusammen, und sie rufen meinen Mann «Papi». Vom Gefühl her ist es dasselbe wie in der Familie, in der ich aufgewachsen bin. Und die war sehr traditionell.

Wie erleben Sie die derzeitige Diskussion? Als Spahn kritisiert wurde, war schnell von Homophobie die Rede.

Höcker: Es kommt leider ein Dreck nach oben, den ich kaum für möglich gehalten habe. Da wird unterstellt, Schwule würden Kinder zeugen, um sie sexuell zu missbrauchen. Es kommt zu übelsten Beschimpfungen, auch der Kinder, die als «Frankenstein-Kinder» tituliert werden. Stellen Sie sich vor, wenn sie das irgendwann lesen. Man kann gerne problematische Aspekte der Leihmutterschaft thematisieren, aber das geht zu weit.

Frau Kelle, Sie haben vier leibliche Kinder. Ist das, was Herr Höcker hat, für Sie eine richtige Familie?

Kelle: Ralf ist ohne Zweifel ein richtiger Vater. Er ist der leibliche Vater seiner drei Kinder. In seiner Familie gibt es aber keine Mutter. Natürlich haben diese Kinder eine Mutter, die sie geboren hat. Die natürlichste Umgebung eines Kindes sind die Mutter und der Vater, die das Kind gezeugt haben. Das ist hier nicht gegeben. Es ist ein Mischmasch.

Was geht Ihnen durch den Kopf, Herr Höcker, wenn Sie Frau Kelle reden hören?

Höcker: Ich muss vorausschicken, dass Birgit und ich befreundet sind. Sie kennt auch meinen Mann und meine Kinder. Ich weiss nicht, ob sie das ernsthaft so sieht, dass mein Mann nicht der Vater der Kinder ist. Adoptiveltern sind doch auch richtige Eltern. Mein Mann war im Kreisssaal, hat sich von Anfang an um die Kinder gekümmert. Selbstverständlich ist er ihr Vater, und die Kinder sehen das nicht anders. Darauf kommt es an.

Kelle: Sicher, Ralf und sein Mann sind sehr bemüht, gute Väter zu sein, das kann ich auch respektieren und anerkennen. Gleichzeitig gibt es für mich einen wesentlichen Unterschied zwischen Leihmutterschaft und Adoption.

Nämlich?

Kelle: Bei Adoptionen ist die Ausgangslage meist eine ganz andere: Ein Kind hat wegen Schicksalsschlägen und schwieriger Umstände keine Eltern, also sucht man für dieses Kind eine hoffentlich liebevolle Familie. Es geht nicht darum, dass jemand sagt: «Hey, lass uns ein Kind haben», das nach der Geburt von der Mutter getrennt wird. Genau darum geht es bei der Leihmutterschaft: Man führt absichtlich einen Schicksalsschlag herbei, eine Trennung des Kindes von der Mutter. Ohne sich zu fragen, was das für Folgen für die Beteiligten hat, und als ob Kinder kein Recht hätten, bei ihrer Mutter aufzuwachsen. Deshalb muss das bestehende Verbot in Deutschland verschärft werden.

Höcker: Die Frage ist doch: Reicht es für ein Totalverbot der Leihmutterschaft aus, auf Nachteile zu verweisen, die es zweifellos gibt, die aber nicht die Regel sind? In den USA, wo unsere Kinder ausgetragen wurden, wird darauf geachtet, dass weder die Spenderin der Eizelle noch die Leihmütter in einer Notlage sind und die Kinder ein Recht haben, mit ihnen Kontakt zu haben. In Birgits Buch «Ich kauf mir ein Kind» sind viele schlimme Fälle aufgelistet, das will ich nicht bestreiten. Aber daraus ein Totalverbot abzuleiten, ist falsch. Es gibt ein Grundrecht, sich fortzupflanzen und selber über seinen Körper zu bestimmen. In einem freiheitlichen Rechtsstaat muss man für Eingriffe in die Grundrechte von erwachsenen, selbstbestimmten Menschen gute Gründe haben.

Das heisst, Sie sind einverstanden mit der Fast-Verfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf, die kürzlich gesagt hat, ein Verbot sei ein Eingriff in das Recht der Frau, selber über ihren Körper zu bestimmen?

Höcker: Absolut, das würde nicht nur ich, selbst der konservativste, gläubigste Verfassungsrechtler würde es nicht bestreiten. Das ist Grundrechtsvorlesung, erstes Semester.

Kelle: Du sprichst immer von Rechten von Erwachsenen, aber niemals von Rechten, die deine Kinder haben. Vor allem das Recht auf ihre Mutter. Hier wird über das Leben eines dritten Menschen entschieden! Es gibt kein Recht auf erfolgreiche Fortpflanzung, es wäre auch wahnsinnig, wenn der Staat das gewährleisten müsste. Niemand hat das Recht auf ein Kind. Da es um einen globalen Markt geht, ist es auch gar nicht möglich, das in einem Land zu regeln. Nehmen wir ein Kind einer Leihmutter aus Georgien, das in Zypern geboren wird, im Auftrag eines deutschen Paares. Welches Recht gilt dann? Es ist alles darauf zugeschnitten, die Rechte der Besteller und der Agenturen abzusichern, gegen die Leihmütter.

Herr Höcker, Sie haben die Eigenverantwortung der Leihmütter angesprochen. Blenden Sie damit nicht den finanziellen, psychischen und physischen Druck aus, dem Leihmütter in armen Ländern ausgesetzt sind?

Höcker: In den USA habe ich das nicht so erlebt. Die Frauen leben nicht in prekären Verhältnissen. Alle Leihmütter, mit denen ich gesprochen habe, haben einen festen Job. Sie haben ein eigenes Haus, und ihre Familienplanung ist abgeschlossen. Ich möchte zum Schutz meiner Familie nicht über allzu persönliche Dinge reden. Nur so viel: Die Leihmutter meiner beiden Jungs war gerade zum zweiten Mal bei uns in Köln, sie erhält die Verbindung zu uns aufrecht. Sie geht einer geregelten Arbeit nach und hat eigene Kinder. Diesen will sie mit den Leihmutterschaften ein gutes Leben ermöglichen.

Kelle: So argumentieren alle Hochglanzbroschüren der Branche. Es sind genug Fälle bekannt, in denen Frauen ausgebeutet werden, manche Paare wollen ihr Kind wegen einer Behinderung nicht einmal abholen. Selbst wenn eine Leihmutter freiwillig handelt, stellt sich ja immer noch die Frage, ob ein Mensch das darf. Darf eine Mutter ihr Kind verschenken oder verkaufen? Sie entscheidet nicht nur über ihren eigenen Körper, sondern auch über das Leben eines weiteren Menschen. Und genau hier wird es kompliziert. Erwachsene schieben ein Kind hin und her. Man nimmt es seiner Familie weg, trennt es von seiner Mutter und Geschwistern, ohne die psychischen Folgen zu bedenken. Überhaupt sind die gesundheitlichen Risiken in keiner Weise erforscht. Die Folgen werden wir erst in 20, 30 Jahren sehen. Wir machen hier ein grosses gesellschaftliches Experiment mit weltweit über 100 000 Kindern. Wenn man sieht, welche Schwierigkeiten Adoptionskinder haben, selbst wenn sie in liebenden Familien aufwachsen, oder mit welcher Verzweiflung Samenspenderkinder nach ihren Vätern suchen, dann bekommt man ein ungefähres Gefühl dafür, was da noch auf uns zukommt.

«Er hat die Würde seines Amtes verletzt»: der CDU-Politiker Jens Spahn (links) und sein Mann Daniel Funke 2025 in Berlin.

Imago

Was sind die gesundheitlichen Risiken für Leihmütter und Kinder, die auf diesem Weg geboren werden?

Kelle: Das betrifft ja nicht nur Leihmütter und Kinder, auch die Eizellenspenderin, die Erste in dem Kreislauf, ist Risiken ausgesetzt. Deshalb ist die Eizellenspende in vielen Ländern verboten. Diese Frauen werden mit Hormonen hyperstimuliert, damit sie mehr Eier produzieren und man die Eierernte – das heisst wirklich so – mit möglichst zehn, zwölf Eiern einfahren kann. Frauen können dadurch unfruchtbar werden, aber auch das Risiko für Schlaganfälle, Nierenversagen oder innere Blutungen ist erhöht. Auch die Leihmütter müssen hormonell vorbereitet werden und sind ähnlichen Risiken ausgesetzt. Der Körper muss eine Schwangerschaft simulieren, dann setzt man den Embryo ein. Ein fremdes Ei eingesetzt zu bekommen, ist zusätzlich gefährlich, weil das ja eine komplett fremde DNA ist. Damit verdoppelt sich sofort das Risiko der Schwangerschaftsvergiftung. Der Körper betrachtet den Embryo wie bei einem Spenderorgan als Fremdkörper, was wieder einen massiven Einsatz von Medikamenten bedingt. Fehlgeburten sind an der Tagesordnung.

Warum nimmt man nicht die Eier der Leihmütter, sondern ist zusätzlich eine Eizellenspenderin beteiligt?

Kelle: Das ist heute aus verschiedenen Gründen der Standard. Die Frau soll nicht ihre eigenen Gene austragen, denn dann hätte sie in fast allen Rechtssystemen als biologische und genetische Mutter des Kindes Ansprüche auf das Kind. Sie muss nicht einmal die Klügste sein noch die richtige Hautfarbe haben, nur gebärfähig muss sie sein. Die guten Eier mit den richtigen Eigenschaften – klug, schön, richtige Hautfarbe – sucht man in einem anderen Katalog aus. Es gibt Fälle, da inszenieren sich zwei weisse Männer auf Instagram mit ihrer schwarzen Leihmutter, die ihnen ein weisses Baby geboren hat. Man nimmt die billige Frau aus Afrika, befruchtet sie aber mit einem weissen Ei, weil man natürlich ein weisses Kind haben möchte. Das ist Kolonialismus pur.

Höcker: Deswegen bin ich für Regulierung statt für ein Totalverbot. Man kann und muss die Nachteile der Leihmutterschaft identifizieren, sie beseitigen oder zumindest massiv abmildern. In den Auswahlgesprächen wird darauf geschaut, dass bei den Frauen keine Zwangslage ausgenutzt wird. Man kann die Frauen psychologisch betreuen. Man kann darauf achten, dass sie eine psychische Konstitution haben, bei der sie eben nicht eine so enge Beziehung zu dem für sie genetisch fremden Kind aufbauen, worunter sie später leiden. Es gibt mit Sicherheit Frauen, für die Leihmutterschaft nicht das Richtige ist. Für andere ist es problemlos, und die haben danach keine psychischen Probleme.

Sie fürchten also auch nicht, dass Ihre Kinder psychisch auffällig werden aufgrund ihres Lebensbeginns, wie dies Frau Kelle prophezeit?

Höcker: Nein, und die ganze bisherige Studienlage, die es sehr wohl gibt, zeigt es: Die Kinder aus Leihmutterschaften leiden nicht, wenn sie in eine stabile familiäre Situation kommen. Sie unterscheiden sich hinsichtlich psychischer Gesundheit, Bindung oder sozialer Entwicklung nicht von Vergleichsgruppen. Das liegt auch daran, dass diese Kinder meistens sehr gewünscht sind. Ich bin absolut dafür, dass man sich ein gründliches Regelwerk überlegt. Aber auch dann wird man den Idealzustand nicht erreichen. Diesen erreichen aber auch viele heterosexuelle Paare nicht, die auf traditionellem Weg Kinder kriegen. Manche Paare sollten meiner Meinung nach keine Kinder haben.

Kelle: Da wärst du der Erste, der sagt, sie haben aber ein Recht darauf.

Höcker: Richtig, auch sie haben ein Recht darauf. Die verfassungsrechtliche Situation ist unbestreitbar. Da können wir uns nachher bei Chat-GPT informieren. Wir reden hier über einen Eingriff in die Grundrechte von Leihmüttern und Wunscheltern. Im Recht kann man nicht mit Ethik und Moral argumentieren. Erst wenn dieses geschützte Recht im einzelnen Fall mit dem Risiko gesundheitlicher Gefährdung einhergeht, muss man sich überlegen, wie die Gefahr abzumildern oder zu beseitigen ist.

Kelle: Jeder Organhändler würde jetzt sagen: Warum verbieten wir dann Organhandel?

Befürworter von Leihmutterschaften führen oft altruistische Beweggründe der Leihmütter ins Feld. Ist das nicht Wunschdenken in einem Markt, in dem 2023 rund 14 Milliarden Euro umgesetzt wurden?

Höcker: Da sind wir bei der Frage: Ist die altruistische der kommerziellen Leihmutterschaft vorzuziehen? Ich halte es für unfair, einer Leihmutter zu sagen, dass das, was sie tut, kein Geld wert sei. Die Frauen erbringen ein Opfer für andere. Bei allen diesen Frauen ist auch ein starkes altruistisches Motiv dabei. Keine Frau macht so etwas nur des Geldes wegen. Das habe ich von den Leihmüttern immer wieder gehört, und ich glaube es ihnen: Es ist für sie extrem befriedigend und ein grosses Glück, einer Familie zu ermöglichen, ein Kind zu haben. Natürlich spielt auch das Geld eine Rolle, also sollen sie als Gegenleistung eine angemessene Bezahlung erhalten.

Kelle: Es geht nicht darum, ob etwas altruistisch passiert oder gegen Geld. Sondern darum, dass ein Kind wie ein Objekt behandelt wird. Es wird produziert, man macht Verträge, zu wem es gehören soll. Sein natürliches Recht, bei seinen Eltern zu sein, wird überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Dieses Grundproblem lässt sich nicht auflösen. Und zur Frage des Geldes: Wenn Leihmütter ein Kind verkaufen, um mit dem verdienten Geld das Leben ihrer anderen Kinder zu finanzieren, so entsetzt mich das als Mutter. Du wirst jetzt sicher sagen, die Frau verkaufe ja nicht das Kind, sie werde nur für die Schwangerschaft bezahlt. Das ist Schwachsinn. Denn auch du hättest keine gut 100 000 Euro dafür ausgegeben, dass jemand schwanger wird, ohne dass du das Kind anschliessend mitnehmen kannst. Niemand bezahlt eine Leihmutter dafür, dass sie das Kind nicht aushändigt. Also ist es Menschenhandel. So sehen es auch die Uno und die EU.

Höcker: Bei der regulierten Leihmutterschaft handelt es sich nicht um Menschenhandel, weder nach deutschem noch nach internationalem Recht. Menschenhandel liegt vor, wenn jemand in ein armes afrikanisches Land fährt, eine Frau schwängert, die in prekären Verhältnissen lebt, und ihr das Kind abkauft. Es wundert mich, dass du hier Begriffe missbrauchst, wie das sonst Linke tun: Man nimmt einen negativen Begriff wie Rassismus und weitet ihn künstlich aus, bis auch Kritik am Islam rassistisch ist. Das Gleiche machst du mit dem Begriff Menschenhandel, um alle Leihmutterschaften zu stigmatisieren. Das ermutigt andere dazu, von «Frankenstein-Kindern» und anderen fürchterlichen Dingen zu sprechen.

Kelle: Für mich bleibt es Kinderhandel, selbst wenn man versucht, ethische Massstäbe einzuführen. Es wird ein Kind bestellt, bezahlt und abgeholt. Denkst du, es ist in Ordnung, ein Neugeborenes von seiner Mutter zu trennen? Hat es nicht das Recht, bei seiner Mutter zu sein?

Wäre es Ihrer Meinung nach besser, wenn diese Kinder gar nicht erst geboren würden?

Kelle: Sie sollen nicht gezeugt werden, denn in dem Moment, wo sie gezeugt werden, schaffen wir eine problematische Situation, allen voran die gespaltene Mutterschaft, die auch der Hauptgrund ist, warum Leihmutterschaft in Deutschland verboten wurde. Wir schaffen Probleme, die wir nicht lösen können.

Höcker: Du willst die Rechte von Kindern schützen, die gar nicht leben sollen, weil du zu wissen glaubst, dass ihr Leben furchtbar sein wird? Das finde ich krass. Wer die Reproduktionsmedizin nutzt, schafft Leben. Es entsteht menschliches Leben, geliebtes Leben!

Stimmt es Sie nicht milder, Frau Kelle, wenn Sie Herrn Höckers Familie sehen, in der alles gut zu laufen scheint?

Kelle: Wie gesagt, die Kinder sind da, und ich schätze die Bemühungen von Ralf und seinem Mann, sich gut um sie zu kümmern. Aber es bleibt für mich eben ein Grundproblem, dass die Mutter fehlt. Ein Kind hat ein Recht auf seine Mutter, dabei bleibe ich bis zum Ende meines Lebens.

Höcker: Birgit, ich stelle dir eine hypothetische Frage: Würdest du, wenn keiner der Beteiligten jemals leidet, anerkennen, dass es in Ordnung gewesen ist, was wir gemacht haben?

Kelle: Dieser hypothetische Fall wird nie eintreten, du baust dir ein Wolkengebilde. Für mich bleibt es in jedem Fall ein menschliches Drama.

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