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China und die USA kämpfen um ihren Einfluss in der neuen Weltordnung. Entscheidend ist Technologie

Technologie bedeutet Macht. Sie wird in der multipolaren Welt noch wichtiger, wie das Beispiel künstliche Intelligenz zeigt. Eine Analyse an drei Schauplätzen.

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China gewinnt dank Technologie an Einfluss in den Entwicklungs- und Schwellenländern: Ein Arbeiter montiert Handys in einer chinesischen Fabrik in Uganda.

Luke Dray / Getty

Es war kurz nach Kriegsbeginn zwischen Grossbritannien und dem Deutschen Reich am 4. August 1914, als das Kabelschiff «Alert» von Dover aus zu einer geheimen Mission aufbrach. Der Auftrag: fünf Telegrafenkabel im Ärmelkanal zu kappen, die Deutschland mit dem Rest der Welt verbinden. Es war der Beginn der sogenannten «Cable Wars», den militärischen Auseinandersetzungen um Telegrafenkabel im Ersten Weltkrieg.

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Bei Kriegsausbruch kontrollierte Grossbritannien grosse Teile des weltweiten Telegrafennetzes. Sein «All Red»-Kabel führte von England aus über Südafrika, Indien, Australien und Kanada – alles Teil des British Empire – einmal um den Globus. Das gab dem Empire einen strategischen Vorteil. Die Briten konnten selbst Nachrichten neutraler Staaten mithören.

Technologien sind ein geopolitischer Faktor. Das gilt heute noch viel stärker als vor 110 Jahren. Was zu Beginn des Ersten Weltkriegs die Telegrafenkabel waren, sind heute die Glasfaserkabel am Meeresgrund. Sie bilden zusammen mit den Rechenzentren der Cloud-Provider das weltweite Kommunikationsnetz, über das die Internetdaten fliessen und das die Anwendungen der künstlichen Intelligenz antreibt.

Wer diese Infrastruktur kontrolliert, ist im Vorteil. Wie bei den Telegrafenkabeln. Technologien bedeuten politische Macht.

Die neue Weltordnung

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Die USA waren seit dem Aufkommen des Internets lange die dominierende Macht in der digitalen Welt. Doch China hat in den vergangenen Jahren stark aufgeholt. Es setzt bewusst auf eigene Unterseekabel, hat eigene potente Cloud-Dienste und erschütterte mit dem eigenen KI-Modell Deepseek vor einem Jahr die westliche Tech-Welt. In der digitalen Welt sind nicht nur Kabel entscheidend, sondern auch Software, Online-Dienste und KI-Modelle.

Derzeit entsteht eine neue Weltordnung. Darin wird China eine mächtige Rolle spielen. Entscheidend dafür ist der technologische Fortschritt des Landes. Deswegen begann vor zehn Jahren der Technologie-Konflikt zwischen den beiden Ländern. Im Kern geht es dabei um die globalen Machtverhältnisse der Zukunft.

Im technologischen Machtkampf zwischen den USA und China gibt es derzeit drei Schauplätze. Auf ihnen ringen die beiden Grossmächte um Einfluss und damit um die Stellung als künftige Weltmacht.

1 – Europa: Kann es unabhängiger von den USA werden?

Welche politischen Risiken die technologische Abhängigkeit mit sich bringt, zeigt sich momentan in Europa. Der Kontinent hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten technologisch stark von den USA abhängig gemacht. Am augenfälligsten ist dies im IT-Bereich, wo Europa etwa bei Cloud-Anwendungen stark auf amerikanische Tech-Firmen setzt.

Seit Präsident Donald Trump sein Amt angetreten hat, wird diese Abhängigkeit als Risiko wahrgenommen. Die Befürchtung ist, dass die USA einzelne Online-Dienste abstellen könnten, um Druck auf ein Land oder eine Organisation auszuüben. Das gilt nicht nur für den zivilen, sondern auch für den militärischen Bereich, wo die Nato von amerikanischer Technologie abhängig ist.

Wenn politische Allianzen ins Wanken geraten, wird die technologische Vernetzung zum Risiko.

Dass die europäischen Befürchtungen berechtigt sind, zeigen erste Beispiele. Im März hat die amerikanische Regierung die Weitergabe von Aufklärungsdaten an Kiew vorübergehend eingestellt, um Druck auszuüben. Diese Informationen über russische Aktivitäten und mögliche Ziele in Russland beruhen grösstenteils auf der überlegenen Technologie der Amerikaner im Bereich Satelliten und anderer Sensoren.

Im zivilen Bereich hat die amerikanische Machtpolitik den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) getroffen. Im Mai wurde bekannt, dass der Chefankläger keinen Zugang mehr auf sein E-Mail-Konto bei Microsoft hatte, weil die Trump-Regierung Sanktionen gegen den ICC erlassen hatte. Der Strafgerichtshof will nun seine Microsoft-Produkte durch offene Alternativen ersetzen.

Mit der zunehmend konfrontativen Politik der USA gegenüber Europa gerät die langjährige transatlantische Partnerschaft ins Wanken. Das ist in erster Linie ein Problem für die europäischen Staaten. Es kann längerfristig aber auch für die USA zum Nachteil werden. Denn Europa ist ein wichtiger Markt für die Tech-Konzerne. Nur dank den europäischen Kunden konnten sie zu ihrer heutigen Grösse aufsteigen.

Chinesische Produkte wären für Europa eine mögliche Alternative. Allerdings gelten sie aus politischen Gründen als mindestens so heikel. Die Furcht vor Spionage durch China ist gross und hat sich in den letzten Jahren noch verstärkt. Zusätzlich gibt es politischen Druck der Amerikaner, chinesische Produkte und Lösungen zu meiden.

Inzwischen gibt es gewisse Bemühungen Europas, stärker auf eigene Software und Cloud-Provider zu setzen. So haben zum Beispiel SAP und der französische KI-Anbieter Mistral kürzlich eine Zusammenarbeit lanciert. Doch abseits von Behörden und öffentlichen Einrichtungen dürften es solche Souveränitätsbestrebungen zumindest kurzfristig schwer haben.

Deutschland möchte im Weltall unabhängiger werden: Eine Rakete des deutschen Startups Isar Aerospace explodiert nach dem Start in Norwegen im März 2025.

Isar Aerospace / PD

Europa dürfte auch in Zukunft in der technologischen Einflusssphäre der USA bleiben. Allerdings werden die europäischen Staaten versuchen, in gewissen Schlüsselfähigkeiten unabhängiger von amerikanischen Lösungen zu werden, auch wenn das erst mittelfristig gelingt.

Ein Beispiel dafür ist die Satellitentechnologie, die militärisch wie zivil eine zentrale Rolle spielt. Es zeugt deshalb vom nötigen Selbstvertrauen und Willen, dass Deutschland kürzlich eine Sicherheitsstrategie für den Weltraum vorgelegt hat, um in diesem Bereich unabhängiger zu werden.

2 – «Globaler Süden»: Wie viel Einfluss erhält China?

Chinesische Technologie stösst in den USA und in Europa zunehmend auf Skepsis. Es gibt Sicherheitsbedenken und Konkurrenzängste. Für Peking sind deshalb die Schwellen- und Entwicklungsländer entscheidend, um die eigenen Produkte zu verbreiten. China hat dort grössere Einflussmöglichkeiten.

China ist daran, ein eigenes IT-Ökosystem aufzubauen, in Konkurrenz zum Silicon Valley. Das Regime treibt diesen Plan seit Jahren mit grosser Konsequenz voran. Diese eigenen Systeme sind gerade für autoritäre Staaten oder ärmere Länder eine willkommene Alternative zu westlichen Produkten. Peking interessiert sich nicht für Demokratie- und Menschenrechtsfragen. Politische Positionen bestimmen die technologischen Allianzen.

Dieser Faktor spielt seit Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 zwischen China, Russland, Iran und Nordkorea. Diese Staaten haben ihre Kooperationen unter anderem im technologischen Bereich verstärkt. Es ist vor allem Pragmatismus und ihre antiwestliche, autokratische Haltung, die sie eint. Doch in Zukunft könnte sich daraus auch eine autokratische Allianz entwickeln.

Der Kreml hat sich durch seinen Angriff auf die Ukraine gar in eine weitgehende technologische Abhängigkeit von China begeben. Die russische Kriegsmaschinerie ist bei der Drohnenproduktion auf chinesische Lieferungen angewiesen. China liefert zudem fortschrittliche Satellitenaufklärung, hochpräzise Werkzeugmaschinen oder Fahrzeuge nach Russland. Die militärische Weltmacht Russland ist zu einem Juniorpartner Chinas geworden – unter anderem wegen ihrer technologischen Rückständigkeit.

China verfolgt mit der Digital Silk Road (DSR) seit zehn Jahren ein Programm, um seine Technologien weltweit zu verbreiten. Die DSR ist Teil der erfolgreichen Belt-and-Road-Initiative (BRI), des geopolitischen Grossprojekts, mit dem Peking vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern investiert und gleichzeitig seinen politischen Einfluss vergrössert.

Im digitalen Bereich fördert diese Initiative den Vormarsch chinesischer Firmen wie Alibaba, Baidu, Huawei oder China Telecom. Dabei geht es auch darum, westliche Wettbewerber – insbesondere aus den USA – auszustechen. Der Erfolg lässt sich etwa am Handymarkt ablesen. 2024 waren chinesische Telefone besonders in Südostasien und Afrika weit verbreitet.

Die Ausbreitung chinesischer Technologie bedeutet einen wachsenden wirtschaftlichen Einfluss, was meist zu politischer Macht führt. Es entsteht zudem eine direkte Abhängigkeit von der Verfügbarkeit chinesischer Online-Dienste. Und für China bieten sich durch die Lieferung von Kommunikations- und IT-Technologie auch Möglichkeiten zur Spionage. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer könnten schon bald ähnlich abhängig von China werden, wie es Europa heute von den USA ist.

China unterstützt mit seiner Technologie auch die politische Kontrolle in Ländern mit autoritären Tendenzen. So hat etwa Pakistan ein chinesisches Überwachungssystem eingeführt, um den Internetverkehr zu filtern. Auch Kambodscha und Myanmar sollen mithilfe Pekings ein System ähnlich der «Great Firewall» in China zur Kontrolle des Internets aufgebaut haben. Thailand arbeitet bei Überwachungsmassnahmen mit chinesischen Firmen zusammen. Indem sie chinesische Technologie zur politischen Überwachung einsetzen, machen sich die autokratischen Machthaber direkt vom Wohlwollen des chinesischen Regimes abhängig

3 – Künstliche Intelligenz: Wer dominiert die Technologie?

Der Wettstreit zwischen China und den USA fokussiert sich mittlerweile stark auf die künstliche Intelligenz. Sie gilt als Technologie der Zukunft. Derzeit sind amerikanische KI-Anbieter führend, und sie sollen es dank Sanktionen bei den Hochleistungschips auch bleiben. Doch wer das beste KI-Modell hat, ist in Zukunft möglicherweise gar nicht mehr entscheidend.

Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Modellen werden geringer. Dann spielen zwei andere Faktoren eine wichtigere Rolle: Verbreitung des Modells und die Qualität der Trainingsdaten. Diese Faktoren können künftig den Ausschlag geben, wer dank seinen KI-Produkten einen geopolitischen Vorteil hat. Und in diesen Bereichen haben die USA Konkurrenz.

China hat begriffen, wie wichtig eine grosse Verbreitung seiner eigenen KI ist. Es setzt deshalb auf offene Modelle, die kostenlos heruntergeladen werden können. Den Auftakt machte Deepseek, das sein Modell R1 ausgerechnet am 20. Januar publiziert, am Tag der Inaugurationsfeier Donald Trumps. «Das war kein Zufall, sondern ein deutliches Zeichen», sagt Jovan Kurbalija. Er ist Geschäftsführer der DiploFoundation in Genf und hat ein Buch über die Geschichte von Diplomatie und Technologie geschrieben.

In der Entwicklung des Internets waren zum Beispiel offene Technologien entscheidend gewesen. Kurbalija zählt dazu die grundlegenden Internetprotokolle TCP/IP und die Sprache HTML zur Erstellung von Webseiten. Weil sich jeder kostenlos dieser Standards bedienen konnte, entstand ein weltweites Netz von Websites.

Bei KI könnten offene Modelle nun ebenfalls die Grundlage für künftige globale Standards legen. China hat dies bereits erkannt und ist führend bei den sogenannten Open-Weights-Modellen.

Nun hat auch die amerikanische Regierung die Vorteile von kostenloser KI erkannt. Offene Modelle hätten einen geostrategischen Wert, schreibt sie in ihrem AI-Action-Plan vom Juli, weil sie zu globalen Standards werden könnten. Die Regierung will deshalb diese Modelle begünstigen.

Wenn sich die Fähigkeiten der Modelle angleichen und diese vermehrt kostenfrei verfügbar sind, wird die Qualität der Informationen dahinter plötzlich wichtig. Und da könne Europa wieder eine Rolle spielen, glaubt Kurbalija, wegen seines Bildungssystems. «Die grossen KI-Firmen wollen das Wissen der europäischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen.» Dann sei es entscheidend, ob europäische Daten auf amerikanischen oder chinesischen Servern gespeichert seien. Für beide Grossmächte sei Europa deshalb auch bei der KI-Entwicklung interessant.

Fazit: Der Tech-Konflikt verschärft sich auch mit Europa

Technologie verleiht Macht. Und diese Macht wollen die USA nicht teilen. Das macht Donald Trump in seiner Strategie für nationale Sicherheit von vergangener Woche klar: Die USA müssten technologisch das fortschrittlichste Land bleiben, um andere Länder durch Stärke abzuschrecken, um globalen Einfluss zu haben und um die wirtschaftliche und militärische Überlegenheit zu behalten.

Damit wird auch klar: Der Technologie-Konflikt der USA mit China wird in den nächsten Monaten und Jahren zunehmen. KI wird den Wettstreit noch verschärfen.

Für Europa sind die Aussichten ungemütlich. Denn der EU droht ein zusätzlicher Konflikt mit den USA um die Technologie-Regulierung. Die EU hat mit der Digital Service Act (DSA) von 2024 den Versuch gestartet, ausländische Online-Plattformen wie Facebook, X oder Tiktok im eigenen Gebiet zu regulieren. Das zieht den Zorn der Trump-Regierung auf sich.

Das zeigte sich vergangene Woche, als die EU-Kommission eine Busse von 120 Millionen Euro gegen die Plattform X verhängte. Der amerikanische Aussenminister schrieb von einem Angriff auf das amerikanische Volk und von Zensurmassnahmen.

Den Vorwurf, dass die EU mit ihrer Regulierung der sozialen Plattformen die freie Rede zensiere, hat die amerikanische Regierung schon früher erhoben. Er taucht auch in der Strategie für nationale Sicherheit wieder auf. Die EU muss hier mit einem weiteren Konflikt rechnen. Die privaten amerikanischen Tech-Konzerne sind am Ende auch nur ein Mittel der Grossmachtpolitik Trumps.

Europa braucht Alternativen. Denn die transatlantische Achse bröckelt unter der Trump-Regierung. Deshalb muss sich der Kontinent auf seine Stärken besinnen, etwa in der Forschung oder mit seinen hochspezialisierten Technologiefirmen, den sogenannten «hidden champions». Er muss selbstbewusster werden. Denn weil die europäischen Länder ein wichtiger Markt für die amerikanischen Tech-Konzerne sind, ist die wirtschaftliche Abhängigkeit gegenseitig.

Für den Ernstfall braucht Europa bei gewissen sicherheitskritischen Schlüsseltechnologien eigene Systeme. Das ist eine Lehre aus den «Cable Wars» während des Ersten Weltkriegs. Die Briten konnten dank ihrer Kontrolle der Telegrafenkabel eine Depesche des Auswärtigen Amtes in Berlin abfangen, in der es Mexiko ein Bündnis vorschlagen wollte. Bei einem Kriegseintritt sicherte Deutschland den Mexikanern zu, bei der Rückeroberung ehemals mexikanischer Gebiete im Süden der USA mitzuhelfen.

Die Briten machten den Inhalt bekannt. Das Telegramm trug massgeblich dazu bei, dass die USA am 6. April 1917 dem Deutschen Reich den Krieg erklärten. Eine Spionageaktion brachte eine wichtige Wende im Ersten Weltkrieg – dank technologischer Überlegenheit.

5 Kommentare

Uwe Pilgram

Technologie ist sicher wichtig, wenn es um die Entwicklung von neuen Gütern und Dienstleistungen oder um mehr Unabhägigkeit von anderen Wirtschaftsräumen geht. Allerdings würde das "Europa" oder der EU wenig nützen. Ein Kontinent Europa, wo 500 Mio. Menschen Leben und der politisch nicht in der Lage ist, seine 44 Nationalstaaten zu einer Zusammenarbeit zu bringen, die China, Russland oder die USA ernst nehmen und mit denen wir auf Augenhöhe reden könnten. Und von die EU, die nichts weiter als eine Freihandelszone organisiert, ganz zu schweigen.

Hanspeter Schaub

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Entscheidend ist die Technologie - genau. Europa inkl. Schweiz hat sein Bildungssystem in den letzten 50 Jahren sehr einseitig auf Sozialwissenschaften und Kunst umgestellt, dies zeigt der Blick in die Lehrpläne der Schulen, speziell Gymnasien, und auf die Verteilung der Studierendenzahlen an den Hochschulen. Die U.S.A. und besonders China setzen dagegen in ihren Bildungswesen starke Akzente auf Natur- und Technikwissenschaften. Es ist deshalb keine Frage, wer das technologische Wettrennen in den nächsten 50 Jahrn verlieren bzw. gewinnen wird.

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