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Kommentar

Selenski hat den nationalen Zusammenhalt aufs Spiel gesetzt – zum Glück ist er lernfähig

Die Entlassung des Armeechefs Olexander Sirski ist der richtige Schritt. Selenski kommt mit einem blauen Auge aus der Affäre davon. Diese illustriert zugleich eine der grossen Stärken der Ukraine.

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Der demokratische Geist der Ukrainer ist ungebrochen: In den vergangenen Tagen kam es zu Protesten gegen die Entlassung des Verteidigungsministers Michailo Fedorow.

Maria Derhachova / Getty

Wenn zwei sich streiten, kommt der Dritte unter Druck. So lässt sich die Situation zusammenfassen, in die Wolodimir Selenski in den vergangenen Tagen geraten ist. Gestritten hatten sich der Armeechef Olexander Sirski und der Verteidigungsminister Michailo Fedorow über die Prioritäten der Kriegsführung. Laut Selenski waren die Differenzen zwischen den beiden unüberbrückbar geworden. Also entliess er vergangene Woche Fedorow, der erst seit sechs Monaten im Amt war. Dann kam der Aufschrei.

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Selenski hatte unterschätzt, wie viel Rückhalt der erst 35-jährige Politiker im Volk und in Teilen der Armee hat. Tausende Ukrainer gingen auf die Strasse, um gegen die Absetzung Fedorows zu protestieren. Am Dienstagabend knickte Selenski ein und entliess auch den Oberbefehlshaber Sirski.

Der Schritt ist richtig. Nicht, weil Sirski ein unfähiger General gewesen wäre – im Gegenteil. Die Ukraine hat ihm viel zu verdanken. Der Wechsel an der Armeespitze ist richtig, weil damit ein Konflikt beigelegt wird, der inmitten des Krieges den nationalen Zusammenhalt und die Moral der Streitkräfte gefährdet hat.

Selenski ist kein Alleinherrscher

Seit über sieben Jahren konnten die Ukrainerinnen und Ukrainer nicht mehr wählen. Sie akzeptieren das, weil sie wissen, dass das in Kriegszeiten gesetzlich nicht möglich ist. Dennoch ist ihr demokratischer Geist ungebrochen.

In den vergangenen Jahren sind Strassenproteste deshalb zu einem wichtigen Ventil für die öffentliche Meinung geworden. Das zeigte sich schon im vergangenen Jahr, als Selenski versucht hatte, die Antikorruptionsbehörden zu entmachten, und schliesslich zu einem Rückzieher gezwungen wurde.

Es stimmt, dass der ukrainische Präsident immer wieder autoritäre Reflexe zeigt und zu Kurzschlussreaktionen neigt. Trotzdem ist Selenski kein rücksichtsloser Alleinherrscher. Er braucht den Rückhalt des Volkes, der Soldaten, der Freiwilligen, die den Abwehrkampf gegen die russischen Invasoren bis heute weitgehend geschlossen mittragen. Selenski hat bislang diesen Rückhalt. Aber er kann es sich nicht leisten, ihn aufs Spiel zu setzen.

Es ist nicht so, dass der Präsident nun einfach vor der Strasse kapituliert hat. In den vergangenen Tagen hatte er sich mit Dutzenden von hohen Offizieren zusammengesetzt, ihnen zugehört und schliesslich feststellen müssen, dass der Missmut gegen General Sirski – und wohl auch gegen Selenskis Handeln – innerhalb der Armee zum Teil gross ist. Diese Lernfähigkeit zeugt von Führungsstärke.

Aber eigentlich hätte Selenski schon vor dem Streit zwischen Fedorow und Sirski die Stimmung in der Armee und im Land kennen müssen. Der Eklat deutet darauf hin, dass sich der Präsident zu sehr abgeschottet hat.

Die Ukraine schöpft Hoffnung

Selenski kommt nun mit einem blauen Auge davon. Aber die Ukraine geht im besten Fall gestärkt aus der Affäre hervor. Mit Michailo Drapati übernimmt ein fähiger General das Oberkommando der Streitkräfte. Er gehört einer jüngeren Generation von Offizieren an und gilt als offen gegenüber technologischen Innovationen. Derweil wird wohl auch Michailo Fedorow seine Talente als Modernisierer und Förderer des Drohnenprogramms weiterhin einsetzen können. Das ist ermutigend.

Fedorow ist massgeblich an den jüngsten ukrainischen Erfolgen auf dem Schlachtfeld beteiligt. Dank den Drohnenangriffen auf russische Nachschublinien, Raffinerien und Exportrouten befindet sich die Ukraine in der besten strategischen Lage seit langem. Aus Sicht vieler Demonstranten steht Fedorow für eine Strategie, die weniger ukrainische Leben kostet, während Sirski vermeintlich nach sowjetischer Doktrin blindlings Soldaten in den Tod schickte.

Diese Darstellung ist arg verkürzt. Drohnen sind wichtig, aber es wird auch künftig Infanteristen brauchen, die sich in der Todeszone dem russischen Vormarsch entgegenstellen. Daran kann auch der neue Oberbefehlshaber Drapati nichts ändern. Stattdessen kann und muss Wolodimir Selenski dafür sorgen, dass die Zusammenarbeit zwischen der Regierung und der Armeeführung produktiv ist. Es wird auch in Zukunft wieder Konflikte geben – da wird es Führungsstärke brauchen.

21 Kommentare

Jürg Simeon

1 Empfehlung
Etwas gar viel und vor allem lange russische Ablenkpropaganda in den letzten Beiträgen.

Agnes Juillerat

1 Empfehlung
Was geschieht eigentlich mit den, zutiefst gedemütigten und malträtierten Zwangsrekrutierten? Glauben die Befehlshaber, dass sie sich an der Front bis auf den letzten Blutstropfen hergeben würden? Verschwinden sie einfach in Gefängnissen, werden sie gefoltert? Diese Jagd auf Männer aus bescheidenen Bevölkerungsschichten, während sich die goldene Jugend an der Küste amüsiert? Die ukrainische Regierung stellt in perfekter Weise das oligarchische System dar: Oben korrupt und unten die Ausgebeuteten. Weiss unser Journalismus, ob die Frontsoldaten genügend zu essen bekommen? Es zirkulieren Gerüchte, wonach die Soldaten ihre Mahlzeiten rationieren, weil sie nie wissen können, wann die nächste Essenslieferung eintrifft. Zu einem Foto mit einem, bis auf die Knochen abgemagerten Soldaten, der zwar mit Namen genannt ist, aber trotzdem nicht als gesicherter Beweis gelten kann, folgender Kommentar: Vor drei Jahren sah ich in den Niederlanden polnische Konservendosen bei rumänischen Arbeitern mit der Aufschrift „Hilfe für die Ukraine“. Ich fragte sie, woher sie die hätten, woraufhin sie antworteten, dass man sie in Rumänien problemlos kaufen könne. So läuft das eben. Dass die Korruption auf allen Ebenen stattfindet, ist inzwischen gesichert.

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