
Ein Sommer-Crash an der Börse wäre keine Überraschung: Diese saisonalen Phänomene müssen Anleger kennen
In den Sommermonaten kommt es an den Aktienmärkten immer wieder zu Schwächephasen und Einbrüchen. Das sind die Gründe.

In den Sommermonaten braucht es nicht viel, um an den Börsen ein Gewitter auszulösen.
Matias Basualdo / Imago
Die Sommerferien sind da, und an der Börse ist die erste Halbzeit des Jahres vorbei. Trotz Iran-Krieg, einem Wechsel an der Spitze der US-Notenbank und unklaren Zollverhältnissen setzten die Börsen ihren Höhenflug im ersten Halbjahr fort – selbst die Angst vor einer KI-Spekulationsblase führte bisher nur zu kurzen Rücksetzern.
Wichtige Indizes wie der SMI oder der S&P 500 verbuchten in den ersten sechs Monaten ein Plus von rund 8 Prozent; der technologielastige Nasdaq stieg sogar um über 10 Prozent. Dank robusten Gewinnaussichten und der Hoffnung auf eine dauerhafte Waffenruhe im Nahen Osten tasten sich die Börsenindizes immer wieder an Höchststände heran.
Doch nun beginnt eine notorisch heikle Phase. Im Juli, August und September dünnen die Handelsvolumina merklich aus, Börsenhändler und Vermögensverwalter verabschieden sich in die Ferien. Bei dünner Liquidität reicht schon eine einzige schlechte Nachricht, um die Kurse einbrechen zu lassen.
Anleger haben ausserdem nach all dem Drunter und Drüber der letzten Monate «keinen Plan», wie es weitergehe, «auch darum gibt es eine Obsession mit der Saisonalität». Das beobachtet Christian Gattiker, Leiter Research bei der Bank Julius Bär. Doch wer diese typischen Sommereffekte kennt, lässt sich von den Launen des Marktes weniger aus der Ruhe bringen.
Der Halloween-Effekt
Seit langem steht fest: Nicht jede Jahreszeit wirft an der Börse gleich viel ab. Die wohl bekannteste Börsenmaxime lautet deshalb «Sell in May and go away», also «Verkaufe im Mai und geh dann weg». Gemäss diesem Spruch fallen die Renditen von November bis April höher aus als zwischen Mai und Oktober. In dieser Zeit könnte man Aktien verkaufen, um Verluste zu minimieren. Halloween markiert dabei den Übergang in den Winter Ende Oktober.
Gemäss diesem Spruch empfiehlt es sich aber auch, im Herbst wieder einzusteigen. Etliche akademische Studien haben diesen Effekt belegt, vor allem, wenn man weit zurück in die Vergangenheit geht. Er gilt auch für fast alle Börsen der Welt. Das bedeutet nicht, dass der Effekt jedes Jahr eintreten muss. Grundsätzlich gilt: Ist man im Winterhalbjahr investiert und lässt im Sommerhalbjahr die Finger von Aktien, könnten Anleger eine Überrendite erzielen.
Die Flaute: «summer doldrums»
Wertpapierhändler, Investoren und Vermögensverwalter machen in den Sommermonaten Juli und August gerne Ferien. In Ländern wie Italien, Frankreich oder Schweden sind die Büros leer, auch in den Banken. Die Handelsvolumen sinken, und an den Börsen macht sich eine Flaute breit – ähnlich wie bei einem Schiff, das in eine Windstille gerät («doldrums»).
Weil weniger Aktien umgesetzt werden, genügen bereits kleinere Bewegungen, um den gesamten Markt zu beeinflussen – entsprechend steigt die Volatilität, also die Schwankungsanfälligkeit. «Viele Effekte haben mit der geringen Liquidität im Sommer zu tun», sagt Gattiker. Faustregel: Im Sommer ist mit grösseren Schwankungen zu rechnen.
Schwacher September
Ein Grund, warum sich «Sell in May and go away» nachweisen lässt, hat damit zu tun, dass der September der schwächste Börsenmonat des Jahres ist. Seit Beginn der Erfassung zuverlässiger Marktdaten im Jahr 1926 ist er nicht nur der Monat mit der schlechtesten Performance, sondern auch der einzige mit einer durchschnittlich negativen Rendite. Das hat auch mit statistischen Ausreissern zu tun: Nach der Weltwirtschaftskrise wurde der September 1931 mit einem Minus von 29,6 Prozent zum schlimmsten Börsenmonat seit Beginn der Aufzeichnungen.
Über die Ursachen der Septemberschwäche rätseln die Experten. Manche vermuten einen Zusammenhang mit der Ferienabwesenheit vieler Marktteilnehmer, was zu weniger Handelsaktivität führt. Hinzu kommt, dass in den Sommermonaten oft die Nachrichten fehlen, die die Märkte sonst antreiben. Eine weitere Erklärung: Im September kehren Portfoliomanager zwar aus den Ferien zurück, sie schichten aber ihre Portfolios um und realisieren Gewinne – auch das übt Druck auf die Kurse aus.
Die Sommerkrise: «summer swoon»
Die geringe Liquidität hat zur Folge, dass kleinere Ereignisse grosse Wirkung entfalten können. Vor zwei Jahren kam es Anfang August zu einem kleinen Börsencrash, weil sogenannte Carry-Trades in japanischen Yen aufgelöst wurden. Ein Carry-Trade ist eine Anlagestrategie, bei der man Geld in einer Währung mit tiefen Zinsen aufnimmt und in einer höheren Zinsen anlegt, um von der Zinsdifferenz zu profitieren.
Für einen sommerlichen Schwächeanfall («summer swoon») brauchte es nicht viel. Die makroökonomische und geopolitische Ausgangslage war an sich stabil – trotzdem löste dieses technische Ereignis eine scharfe Abwärtskorrektur aus, die weltweit übernommen wurde. Wäre das Ereignis ausserhalb der Sommermonate geschehen, wären die Auswirkungen womöglich geringer ausgefallen.
Sommerkrisen sind meist von kurzer Dauer, sofern die Rücksetzer kein Symptom für ein tieferliegendes Problem sind. So kam es auch in diesem Frühsommer zu Einbrüchen bei Technologieaktien. Das ist ein Zeichen dafür, dass beim KI-Boom Angst vor einer Spekulationsblase herrscht. Gattiker: «Wir haben ein Tech-Jahrzehnt hinter uns. Die Sensitivität des Marktes ist hoch. Es ist plausibel, dass bei Aktien mit den grössten Kursgewinnen irgendwann auch eine grössere Korrektur kommt.»
Fraglicher Midterm-Effekt
Im November wird der US-Präsident Trump die Hälfte seiner Amtszeit hinter sich haben und sich den Midterm-Wahlen stellen müssen. Dabei werden das Repräsentantenhaus, ein Teil des Senats sowie die Mehrheit der Gouverneursposten neu gewählt. Gemäss dem Midterm-Effekt schwächelt die Börse in den Monaten davor, weil unklar ist, wie sich die politische Macht in den USA künftig verteilen wird. Nach den Wahlen soll dann meist wieder eine starke Börsenphase folgen. Der Effekt gilt als historisches Muster und liess sich während Trumps erster Amtszeit klar beobachten.
Nun, in seiner zweiten Amtszeit, scheint aber das Gegenteil der Fall zu sein. Zwar ist die Volatilität wegen Trumps erratischer Amtsführung erhöht, doch die amerikanischen Börsenindizes sind auf hohem Niveau und notieren nahe ihren Höchstständen. Je genauer man hinschaut, desto idiosynkratischer sind die Ursachen einer Börsenbewegung. In Trumps zweiter Amtszeit scheint der Midterm-Effekt bis jetzt jedenfalls nicht zu gelten.
Zu esoterisch?
Um sie zu sehen, muss man auch an die Muster glauben. «Für mich haben solche Effekte oft auch eine esoterische Komponente», sagt Gattiker – insofern, als es eine innere Überzeugung dafür brauche, auch wenn diese nicht immer äusserlich nachweisbar sei. Zudem verwässern sich die Muster, sobald sie im Markt bekanntwerden: «Lässt sich ein Effekt erhärten, beginnt er sich abzuschwächen», sagt er. Denn die Marktteilnehmer stellen sich darauf ein und handeln entsprechend.
Das macht es für den einzelnen Anleger schwierig, die eigenen Investitionsentscheide auf solche Effekte abzustützen. Überhaupt sei die Faktenlage zu dünn, um im grossen Stil auf diese Effekte zu setzen, sagt der Anlageexperte. «Man sollte sich nicht überschätzen und nicht zu opportunistisch handeln», ergänzt er. Das Risiko werde am besten entschädigt, wenn man investiert bleibe. Der Markt verarbeite Informationen sehr effizient. Das macht es so schwer, einen vermeintlichen Informationsvorsprung gegenüber anderen Marktteilnehmern zu seinen Gunsten zu nutzen.
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