Teil des Problems – oder Teil der Lösung
Moore haben eine wichtige ökologische Funktion und sind ein bedeutender Faktor im Kampf gegen den Klimawandel. In NRW gibt es nur noch kleinere Gebiete, weil viele Flächen in der Vergangenheit trockengelegt wurden. Nun sollen sie renaturiert werden.
Der Höhepunkt des Ministerbesuchs im Oppenweher Moor sieht so aus: Eine Mitarbeiterin der zuständigen Schutzstation führt den etwas besorgt dreinblickenden Oliver Krischer vom Pfad weg – hinein ins sumpfige Grün. Das Wasser schwappt ihm in die Schuhe, niemand hatte ihn gewarnt, dass Gummistiefel für seine Tour zu den Moorgebieten in NRW besser gewesen wären. Und dann steht er da, hin und her schwankend auf einem Untergrund, der die Konsistenz von Wackelpudding zu haben scheint. Die Entourage des NRW-Umweltministers lächelt, erheitert durch den Anblick ihres Chefs und erfreut über die offensichtlich intakte Natur. Dies sei ein sogenannter Schwingrasen, erläutert die Moorexpertin, der aus nichts anderem bestehe als aus Wasser und den darin schwimmenden Torfmoos-Pflanzen – keine Erde, kein Sand, kein fester Boden. Erstaunlich, dass der Minister nicht gänzlich in diesen riesigen Schwamm einsinkt.
Schwingrasen gibt es nur in intakten Moorlandschaften. Diese gigantischen Wasserspeicher stehen seit einiger Zeit im Fokus der Naturschutz-Politik. In Zeiten zunehmender Trockenphasen und Starkregenfälle wächst die Bedeutung der Moore als Regulatoren von Temperatur und Feuchtigkeit. Sie sind außerdem ein Hort der Artenvielfalt und bieten Lebensraum für viele bedrohte Pflanzen- und Tierarten. Und: Mit Mooren lässt sich das Klima schützen. Denn sie bestehen aus abgestorbenen Pflanzenresten, in denen große Mengen des Klimakillers Kohlendioxid gespeichert sind. Berechnungen des Bundesumweltamts zufolge sind siebeneinhalb Prozent der gesamten Emissionen von Treibhausgasen in Deutschland den Moorböden zuzurechnen.
Die einzige Methode, mit der sich diese Freisetzungen stoppen lassen: Man muss die intakten Moore erhalten und die Wasserstände in bereits entwässerten Moorböden wieder anheben, damit sich die Torfschichten nicht an der Luft zersetzen. Oder, wie Krischer bei seinem Besuch im Moor formuliert: „Entwässerte Moore sind Teile des Problems. Erhaltene Moore lösen das Problem.“
Deshalb beschloss die Bundesregierung im November 2022 eine Nationale Moorschutzstrategie. Damit sollen bis zum Jahr 2030 die jährlichen Treibhausgasemissionen aus Moorböden um mindestens fünf Millionen Tonnen gesenkt werden. In diesem Jahr wurde vom Bundesumweltministerium außerdem das „Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz“ auf den Weg gebracht. Bis 2028 stehen für verschiedenste Maßnahmen mehr als 3,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Wesentlicher Bestandteil des Programms: Wiederherstellung und Wiedervernässung von Mooren.
Auch wenn die deutschen Moorgebiete überwiegend in Niedersachsen, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern zu finden sind – es gibt sie auch in NRW, die größten liegen in der Tiefebene nördlich der Mittelgebirge: das Oppenweher Moor und das Große Torfmoor im Kreis Minden-Lübbecke; das Mettinger und das Recker Moor im Kreis Steinfurt; zwei Moorgebiete im Landkreis Borken. Dazu kommen noch die Venn-Gebiete im deutsch-belgischen Grenzland südlich von Aachen. Es gibt aber auch kleinere Moorgebiete.
Lediglich rund 1620 Hektar werden in NRW als europäische Moorschutzgebiete ausgewiesen, das ist eine Fläche, die nur rund dreimal so groß ist wie der Campus der Uni Bochum. Allerdings kommen laut einem Bericht des Landesumweltamts (Lanuv) mehr als 23.000 Hektar an „potenziell regenerierbaren Moorflächen“ hinzu.
Was es mit solchen „regenerierbaren“ Flächen auf sich hat, ist im Naturschutzgebiet Weißes Moor in Rahden zu besichtigen, nur wenige Kilometer entfernt vom Oppenweher Moor. Vor zwei Jahren sei die rund 45 Hektar große Fläche noch komplett mit Büschen und Sträuchern überwuchert gewesen, erklärt Sönke Tielbürger, Leiter des Kreis-Umweltamts. Aber eine rund 30 Zentimeter dicke Schicht aus Torf, den die Bewohner der Region früher als Brennmaterial gestochen hatten, war noch im Boden erhalten, „auch typische Moorpflanzen wie Torfmoose und Pfeifengras waren noch da“. Im vorigen Jahr taten sich Mitarbeiter des Umweltamts und der Biologischen Station Minden-Lübbecke zusammen, entfernten das Gehölz – und schon scheint hier das Moor, das dem Gebiet seinen Namen gab, wieder aufzuleben. Während Tielbürger erklärt, dass man im nächsten Schritt alte Gräben und Rohrdurchlässe schließen wolle, um das Wasser besser im Moor halten zu können, schreien die Kraniche, die für ihre Brut auf Flächen wie diese angewiesen sind.
Doch nicht nur in den Weiten Ostwestfalens, dicht an der Grenze nach Niedersachsen, lohnt es sich, um den Erhalt von Mooren zu kämpfen. Beispiele gibt es auch in den Ballungsgebieten – etwa im Gierather Wald am Stadtrand von Bergisch Gladbach, wo Hundebesitzer und Jogger ihre Runden drehen. Dass es hier früher einmal Moor gegeben haben soll, ist auf den ersten Blick nicht zu sehen. Dazu braucht es kundige Führung. Forstamtsleiter Stephan Schütte erklärt anhand einer Karte die Geologie des Waldstücks, das zur sogenannten Bergischen Heideterrasse gehört, einem 80 Kilometer langen Streifen oberhalb der Rheinebene. Früher gab es hier Sümpfe und Moore. Erst die preußische Verwaltung habe im 19. Jahrhundert die Böden trockengelegt, um Fichten anzupflanzen, erläutert Schütte. Die Entwässerungsgräben ziehen sich bis heute kreuz und quer durch den Wald.
Da es sich um einen Staatsforst, also Landesbesitz handelt, war es möglich, einer Arbeitsgruppe des Naturschutzbundes BUND den Auftrag für die Wiedervernässung von rund 16 Hektar im Gierather Wald zu erteilen. Alina Schulz leitet dieses Projekt, das im Wesentlichen aus der simplen Aufgabe besteht, hölzerne Spundwände in die preußischen Gräben einzusetzen, um das Wasser im Gelände zu halten. Im benachbarten Dünnwald ist man damit bereits fertig.
Schulz betont, dass es nicht darum gehe, ein Moor an Stellen „zu bauen“, wo keines war, „das hätte keinen Sinn“. Vielmehr orientiere man sich an Hinweisen im Gelände. Sie führt ihre Besucher zu einem Königsfarn, einer seltenen, besonders hoch gewachsenen Farnart, die auf sogenannten Niedermooren gedeiht. „Dieses Moor hier wurde zwar vor langer Zeit zerstört, aber der Königsfarn zeigt uns noch immer an, dass er hier seinen Lebensraum hatte.“
Im eingangs beschriebenen Oppenweher Moor in Minden-Lübbecke ist man mit den Bemühungen schon weiter. Aber auch hier ist das einst natürliche Gleichgewicht bedroht, weil die Auenwälder und Sümpfe, die einst wie ein Schutzgürtel um das Moor lagen, längst der Landwirtschaft weichen mussten. Über mehrere hundert Meter haben die Naturschützer Kunststoff-Spundwände zwei Meter tief in den Torfboden versenkt, um das Abfließen des Wassers ins Umland zu verhindern. Demnächst sollen weitere solcher Barrieren eingesetzt werden. Sonst könnte der Umweltminister schon bald trockenen Fußes durchs Moor gehen.