
Erklärt
Sollten wir Jugendlichen soziale Netzwerke verbieten? Ist das technisch überhaupt machbar? Und was sagt die Forschung über solche Verbote?
Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Altersgrenzen bei sozialen Netzwerken.

Süchtig? Oder kreativ? Eine Influencerin nimmt ein Video auf.
Jessica Hill / AP
Frankreich verbietet als erster EU-Staat die Nutzung von sozialen Netzwerken für Jugendliche und Kinder unter 15 Jahren. Die Abgeordneten der Nationalversammlung sowie des Senats haben dem Gesetz zugestimmt. Der Entscheid vom Juli 2026 dürfte Signalwirkung in weiteren europäischen Ländern entfalten. Denn auch andere Staaten wollen die Nutzung von digitalen Diensten für Kinder und Jugendliche einschränken.
Doch wie wird ein Verbot technisch umgesetzt, und was halten Wissenschafter und Jugendliche davon? Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Inhaltsverzeichnis
Welche Gründe sprechen für ein Verbot?
Befürworter eines Verbots argumentieren, dass es sich bei den Plattformen um Suchtprodukte handelt. Der Staat habe die Pflicht, Minderjährige vor solchen Substanzen zu schützen – ähnlich wie bei Alkohol oder Nikotin. Denn die Fähigkeit zur Selbstregulation sei bei Jugendlichen noch nicht vollständig ausgereift. Die Plattformen seien explizit darauf ausgelegt, das Belohnungssystem im Gehirn zu aktivieren, was zu einem zwanghaften Nutzungsverhalten führe. Die Tech-Konzerne trügen die Verantwortung, da sie wissentlich schädliche und süchtig machende Inhalte verbreiteten.
Man wisse aus Befragungen, dass die Nutzung von sozialen Netzwerken Schäden verursache, zum Beispiel beim Körperbild junger Frauen. Weiter würden die Plattformen Posts verbreiten, die Selbstverletzung, Gewalt, Pornografie, Mobbing und Falschinformationen propagieren.
Zudem vermuten manche Befürworter, dass die Plattformen Jugendliche isolieren, sie von echten Gesprächen abhalten. Sie befürchten, dass die Unternehmen so zur Spaltung der Gesellschaft beitragen. Ein Verbot würde den sozialen Druck und die Angst, etwas zu verpassen, reduzieren und somit Offline-Aktivitäten wie persönliche Gespräche wieder attraktiver machen.
Da sich die Tech-Unternehmen nicht an geltendes Recht halten und ethische Grundsätze missachten, sei ein staatlicher Eingriff nach zwanzig Jahren unregulierter Nutzung dringend erforderlich, sagen die Befürworter.
Interne Dokumente von Unternehmen zeigen: Die Betreiber von sozialen Netzwerken haben jahrelang darauf hingearbeitet, dass Jugendliche jeden Tag so viele Stunden wie möglich auf den Plattformen verbringen. Um ihr Geschäftsmodell zu stärken, scheinen die Firmen Nachteile für die Jugendlichen bewusst in Kauf zu nehmen.
Wie argumentieren die Gegner von Altersgrenzen?
Gegner eines Verbots argumentieren, dass man den Jugendlichen mit einer höheren Altersgrenze einen wichtigen Informationskanal wegnehmen würde. Gerade für Jugendliche, die sich in ihrem Offline-Umfeld allein fühlen – sei es aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Herkunft oder spezifischer Interessen – schafften soziale Netzwerke wertvolle Gefühle der Zugehörigkeit. Auch über das politische Geschehen informierten sich Jugendliche oft über soziale Plattformen.
Weiter sagen die Gegner, höhere Altersgrenzen würden die Nutzung für Jugendliche erst recht attraktiv machen. Dies könnte dazu führen, dass sie die Plattformen im Verborgenen nutzten. In diesem Fall wäre davon auszugehen, dass sich Jugendliche bei Problemen seltener an erwachsene Bezugspersonen wenden würden. Hätte ein Jugendlicher regelmässig Kontakt mit schädlichen Inhalten, könnte dies spät oder gar nicht erkannt werden.
Was ist der gegenwärtige Stand der Wissenschaft?
Die Studienlage ist nicht eindeutig. Sie deutet aber darauf hin, dass sowohl die Nutzungsdauer wie auch die konsumierten Inhalte relevant sind. Sie entscheiden, ob soziale Netzwerke einen negativen Einfluss haben auf das Wohlbefinden von Jugendlichen.
Eine kürzlich erschienene Studie aus Australien zeigt, dass der Komplettverzicht das Wohlbefinden nicht automatisch erhöht: Am besten fühlten sich Teenager, die soziale Netzwerke moderat nutzten. Sie fühlten sich besser als Jugendliche, die gar keine sozialen Netzwerke konsumierten.
Das Wohlbefinden sank allerdings deutlich, sobald sich die jungen Menschen täglich mehr als zwei Stunden in sozialen Netzwerken aufhielten. Anscheinend profitieren moderate Nutzerinnen und Nutzer von den positiven Aspekten, bei stärkerem Gebrauch scheinen die negativen Aspekte zu überwiegen. Als optimale Nutzungsdauer hat die Studie vier Stunden pro Woche für Mädchen und sechs Stunden pro Woche für Buben ergeben.
Eine Studie aus England zeigte zudem: Bei Mädchen führte eine anhaltend hohe Nutzung von sozialen Netzwerken zu geringerer Lebenszufriedenheit, weniger Glücksgefühlen und erhöhter Angst. Bei Jungen wurde ebenfalls ein Zusammenhang zwischen sehr häufiger Nutzung und psychischem Leid festgestellt, jedoch war er weniger stark.
Die Autoren der Studie interpretieren, dass die negativen Effekte bei Mädchen grösstenteils auf eine Kombination aus Cybermobbing, Schlafmangel und reduzierter körperlicher Aktivität zurückzuführen sind.
Der prominenteste Befürworter eines Verbots von sozialen Netzwerken für unter 16-Jährige ist der amerikanische Psychologieprofessor Jonathan Haidt, der Autor des Buchs «Generation Angst». In einem Essay räumt aber sogar er ein: Starke Beweise für die Schädlichkeit von sozialen Netzwerken gibt es nicht. Trotzdem hält er es für wahrscheinlich, dass die Plattformen wesentlich beitragen zum starken Anstieg von psychischen Leiden bei Jugendlichen. Bei der Interpretation der Studienlage ignoriert Haidt allerdings, dass wissenschaftliche Untersuchungen auch positive Auswirkungen sozialer Netzwerke feststellen.
Weiter liefert die Forschung keine eindeutigen Hinweise darauf, welches Alter geeignet wäre für den Einstieg in soziale Netzwerke. Aus der Hirnforschung weiss man: Der präfrontale Kortex – der Teil des Gehirns, der für Planung, Impulskontrolle und Entscheidungsfindung zuständig ist – ist bei den meisten Menschen erst mit etwa 25 Jahren vollständig ausgereift. Die Entwicklung emotionaler Reife ist sehr individuell und von Mensch zu Mensch verschieden. In der Tendenz gilt aber: je älter der Teenager, desto stärker seine Impulskontrolle.
Was sagen Jugendliche?
Unter Erwachsenen vieler Länder sind Altersgrenzen für soziale Plattformen populär. Aber auch viele Jugendliche sind dafür. Laut einer Umfrage des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) befürworten mittlerweile 47 Prozent der Jugendlichen ein Mindestalter von 16 Jahren bei sozialen Netzwerken.
In einer aktuellen Umfrage der Normungsorganisation BSI unter jungen Briten gab fast die Hälfte der 16- bis 21-Jährigen an, sie wären «lieber in einer Welt ohne Internet aufgewachsen».
Anekdotische Evidenz von 11- und 12-Jährigen in der Schweiz und aus einer deutschen Berufsschule zeigt, dass Kinder und Jugendliche soziale Plattformen differenziert betrachten. Die Mehrheit findet einen gesunden Umgang mit den Plattformen. Viele befürworten dennoch höhere Altersgrenzen.
Welche Altersbeschränkungen gelten bei Tiktok, Snapchat und Co.?
Wenn es keine spezifischen lokalen Regeln gibt, erlauben die meisten sozialen Netzwerke Kindern ab 13 Jahren, ein Konto zu eröffnen. Meist reicht die Eigenangabe der Kinder, das tatsächliche Alter überprüfen die Plattformen nicht. Die Grenze von 13 Jahren kommt daher, dass in den USA für Kinder unter diesem Alter strengere Datenschutzbestimmungen gelten – eine «verifizierbare Zustimmung» der Eltern wäre erforderlich, um deren Daten zu verarbeiten. Diese einzuholen, ist den meisten Anbietern zu aufwendig.
Die Altersgrenze von 13 Jahren gilt unter anderem bei Facebook, Whatsapp, Instagram, Snapchat, X, Reddit und Twitch. Auch Tiktok und Youtube haben diese Grenzen, ermöglichen aber Accounts für Jüngere, wenn diese mit denen der Eltern verknüpft sind.
Welche Gesetze gelten in der Schweiz und in Deutschland?
Weder die Schweiz noch Deutschland haben eigene Gesetze zu Altersgrenzen auf sozialen Netzwerken. Deshalb gilt die freiwillige Altersgrenze von 13 Jahren, die sich die Plattformen selbst auferlegen.
Eröffnen Kinder ein Konto auf einem sozialen Netzwerk, gehen sie einen Vertrag mit der Plattform ein. Beim Akzeptieren der Nutzungsbedingungen erlauben sie dem Unternehmen, Daten über sie zu speichern und zu bearbeiten. Die Daten von Kindern sind sowohl in der Schweiz wie auch in Deutschland besonders geschützt.
Das Datenschutzrecht der EU schreibt vor, dass die Eltern der Datenverarbeitung zustimmen müssen. Und zwar sogar bis zu einem Alter von 16 Jahren, ausser ein Land senkt diese Grenze auf bis zu 13 Jahre.
Allerdings ist die EU-Regel eher offen formuliert. Plattformen können die verpflichtende Zustimmung der Eltern vermeiden. Etwa, indem bei Jugendlichen zwischen 13 und 16 weniger Daten verarbeitet werden oder ihre Konten automatisch privat, also weniger sichtbar sind. Trotzdem operieren die Netzwerke mit der Datenverarbeitung von Kindern in einem Graubereich.
Wer diskutiert über Altersgrenzen?
In der Schweiz prüft der Bundesrat gegenwärtig ein Verbot für Jugendliche unter 16, in Deutschland fordern es zwei Ministerinnen.
Auch in vielen anderen europäischen Ländern, etwa in Österreich, Grossbritannien und Spanien, wurden strengere Altersgrenzen in den politischen Prozess eingebracht, sind aber noch nicht final beschlossen. Gleiches gilt für Neuseeland.
Australien, Dänemark, Florida: Wo gibt es bereits strenge Regeln?
Der Vorreiter bei Altersuntergrenzen bei sozialen Plattformen ist Australien. Dort sind Instagram, Tiktok und Co. seit dem 10. Dezember 2025 für unter 16-Jährige verboten. Bei Verstössen sollen nicht die Teenager, sondern die Plattformen gebüsst werden.
Im November 2025 beschloss die Regierung Dänemarks eine ähnliche Altersgrenze: Dort sollen Jugendliche erst ab 15 Jahren Social-Media-Profile anlegen dürfen. Jedoch ist geplant, dass Eltern ihnen die Anmeldung ab 13 Jahren erlauben dürfen. Details und die Einführung stehen noch aus. Auch Norwegen hat eine Altersgrenze von 15 Jahren beschlossen und arbeitet an der Umsetzung. In Malaysia soll noch dieses Jahr die Altersgrenze von 16 Jahren eingeführt werden.
Nach einer langen politischen Debatte hat Frankreich am 21. Juli 2026 als erster EU-Staat ein Verbot sozialer Netzwerke für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren beschlossen. Das Parlament in Paris hat das entsprechende Gesetz mit grosser Mehrheit verabschiedet. Es soll nach den Sommerferien in Kraft treten.
In den USA haben einige Gliedstaaten eigene, strengere Gesetze. In Florida etwa liegt die Altersgrenze bei 14 Jahren. Bis 16 ist eine Zustimmung der Eltern nötig. Das Gesetz gilt seit Anfang Januar, allerdings gibt es Klagen dagegen. In Texas und Utah wurden Gesetze verabschiedet, wonach Jugendliche unter 18 Jahren nur mit der Zustimmung der Eltern die Plattformen benutzen dürfen. Wegen Klagen sind diese aber nur teilweise in Kraft.
Auch in China ist die Nutzung von Social Media unter 18 Jahren streng geregelt. Hier erzwingt die Gesetzgebung für Jugendliche eigene Modi, welche je nach Alter tägliche Zeitlimits vorschreiben.
Wie funktioniert die Altersgrenze technisch?
Es gibt verschiedenste Methoden, das Alter im Internet zu kontrollieren.
Erstens: der Abgleich mit einem staatlichen Identitätsausweis, den man hochladen muss. Das ermöglichen viele Apps, unter anderem Instagram und die Dating-Sparte von Facebook.
Zweitens können digitale Identitätsnachweise eine Lösung sein. In Norwegen etwa könnte die Bank-ID zum Einsatz kommen, ein elektronischer Identitätsnachweis, über den man sich authentifizieren kann. Er wird von den Banken des Landes betrieben und ist bereits weit verbreitet. Datenschützer plädieren für dezentrale Methoden, die möglichst wenig Informationen preisgeben. Beispiele dafür sind die Schweizer E-ID oder das Digital Identity Wallet der EU. Die sind qua Design anonym.
Der dritte Weg sind Algorithmen, welche das Alter anhand biometrischer Merkmale überprüfen. Um das Alter anhand eines Selfies zu schätzen, arbeitet etwa Meta mit der britischen Firma Yoti zusammen. Yoti hat einen Algorithmus entwickelt, der das Alter von Menschen erstaunlich gut einschätzen kann. Bei Minderjährigen liegt die durchschnittliche Abweichung zwischen Schätzung und tatsächlichem Alter laut Eigenangabe bei 1,4 Jahren. Unter 13-Jährige werden mit einer Sicherheit von 97 Prozent erkannt. Eine externe Untersuchung der amerikanischen Behörden bestätigt die Resultate im Grundsatz.
Was sind die ersten Erfahrungen aus Australien?
Australien hat den Plattformen selbst überlassen, wie sie das Alter überprüfen wollen. Seit 10. Dezember 2025 gilt das Gesetz dort. Mitte Januar liess die zuständige Behörde verlauten, dass 4,7 Millionen Nutzerkonten von Kindern unter 16 gesperrt worden seien.
Es gibt jedoch zahlreiche Berichte von Jugendlichen, welche die Plattformen weiter ohne Hürde nutzen konnten. Manche berichten auch, dass sie einfach bestätigen mussten, sie seien über 16, oder dass sie die Foto-Alterskontrolle einer Plattform ausgetrickst hätten, indem sie sich schminkten. Und auch wer lächelt, erscheint dem Algorithmus älter als mit einem ernsten Gesichtsausdruck.
Passend zum Artikel































