
Vom Automechaniker zum Millionär – der Schweizer Mauro Schmid wechselt nächste Saison wohl zum Radteam Pinarello Q36.5
Der 26-jährige Radprofi Mauro Schmid nähert sich in diesem Frühjahr der Weltspitze an. Nun verdichten sich die Anzeichen, dass er diesen Aufschwung ab der nächsten Saison vergolden wird.

Mauro Schmid erlebt die erfolgreichste Saison seiner Karriere.
Jean-Christophe Bott / Keystone
Die Mur de Huy vor drei Wochen. Bis ins Ziel der Halb-Classique Flèche wallonne fehlen noch ein paar hundert Meter. Paul Seixas, das französische Supertalent, attackiert am bis zu 20 Prozent steilen Anstieg, schüttelt die Gegner mühelos ab.
Nur einer vermag dem 19-jährigen Wunderkind des Radsports halbwegs zu folgen: Mauro Schmid, 26 Jahre alt, aus Bülach. Schmid wird Zweiter, es ist einer der grössten Erfolge seiner Karriere. Wenige Tage später an der Tour de Romandie sagt er zur NZZ: «Ich war mir bewusst, dass ich Fortschritte gemacht habe bei der Schnellkraft. Dass es gleich auf das Podest reicht, damit habe ich mich selbst überrascht.»
Sich selbst und die Radsportwelt hat Schmid in seiner Karriere schon oft überrascht. Der Weg zum Profi war bei ihm nicht vorgezeichnet, mehrfach drohte die Karriere zu versanden. Doch jetzt erlebt Schmid das stärkste Jahr in seiner bisherigen Laufbahn als Radprofi. Vor dem Erfolg an der Flèche wallonne entschied er schon das Etappenrennen Settimana Internazionale Coppi e Bartali für sich, ausserdem die Muscat Classic. Hinzu kommen der zweite Rang in der Gesamtwertung der Tour Down Under, Platz sechs am Amstel Gold Race und jüngst der elfte Rang beim Monument Lüttich–Bastogne–Lüttich. Schmid hat sich in diesem Frühjahr der Weltspitze angenähert.
Und die Anzeichen verdichten sich, dass er diesen Aufstieg ab der kommenden Saison vergolden wird. Seit 2024 steht Schmid beim australischen Team Jayco Alula unter Vertrag, gehört dort zu den Teamleadern, vor allem an Eintagesrennen. Am Rande des Giro d’Italia, den Schmid in diesem Jahr auslässt, kursiert nun die Meldung, wonach er in der kommenden Saison für die Schweizer Equipe Pinarello Q36.5 fahren wird. Der in der Szene bestens vernetzte Journalist Daniel Benson berichtet auf seinem Blog, Schmid habe bei der Schweizer Equipe einen Dreijahresvertrag mit einem kolportierten Jahressalär von zwei Millionen Euro unterzeichnet.
Das Wiedersehen mit seinem Entdecker
Schmid oder die Equipe äussern sich bis jetzt nicht zum Transfer; Teamwechsel dürfen im Radsport erst ab dem 1. August kommuniziert werden. Oft einigen sich Profi und Mannschaft aber schon vorher per Handschlag. Der Schweizer habe Jayco Alula in der vergangenen Woche über den Abgang informiert und sich für die Unterstützung und die Zusammenarbeit bedankt. Dem Vernehmen nach hätte Jayco Alula Schmid gerne behalten, es fehlten die finanziellen Mittel, um mit dem Angebot von Pinarello Q36.5 gleichzuziehen.
Bei Pinarello Q36.5 zieht Ivan Glasenberg im Hintergrund die Fäden, der durch den Börsengang des vielkritisierten Rohstoffkonzerns Glencore zum Multimilliardär wurde. Die Equipe verfügt zwar noch über eine zweitklassige Pro-Tour-Lizenz, hat sich allerdings im vergangenen Winter verstärkt, die Mannschaft um den Superstar Tom Pidcock weiter aufgebaut. Pinarello Q36.5 wird in diesem Sommer erstmals an der Tour de France antreten.
Für Schmids Wechsel spricht, dass Douglas Ryder die Mannschaft 2023 gegründet hat und heute deren General Manager ist. Der Südafrikaner Ryder betrieb zuvor Qhubeka Assos, die bisher einzige afrikanische Radsportequipe auf höchster Stufe. 2021 verpflichtete er – auf Empfehlung von Fabian Cancellara – Schmid.
Das Erweckungserlebnis auf den Schotterstrassen des Giro
Qhubeka Assos bestand aus Aussenseitern und Desperados. Vor fünf Jahren gehörte auch Schmid in diese Kategorie, die Karriere stand kurz vor dem Aus. Er stand im Schatten der wenig älteren Fahrer Marc Hirschi und Stefan Bissegger und des 2023 verunfallten Gino Mäder. Im Gegensatz zu den anderen Schweizern fehlte Schmid 2020 ein Vertrag bei einem World-Tour-Team. Stattdessen tingelte er mit einer unterklassigen Equipe von Provinzrennen zu Provinzrennen. Die Pandemie führte obendrein zur Absage der Tour de l’Avenir, des wichtigsten Rennens für junge Talente. Das kostete Schmid die Chance, sich bei potenziellen Arbeitgebern zu empfehlen.
Schmid hatte 2019 eine Lehre als Automechaniker abgeschlossen. Er sorgte für den Fall vor, dass der Traum von der Profikarriere platzt. Schmid sagte einmal zur NZZ: «Ich war ständig am Limit. Manchmal bekam ich Rückenprobleme, das hatte sicher mit dem Job zu tun.» Noch 2020 half er in der Autogarage der Eltern aus, die Swiss Cycling bei der Bereitstellung der Begleitfahrzeuge unterstützte. Schmid wechselte die Reifen der Autos, welche die Schweizer Fahrer an den Weltmeisterschaften 2020 begleiteten. Eine eigene WM-Teilnahme war ein ferner Traum.
Das änderte sich 2021 am Giro d’Italia, an der ersten Grand Tour in seiner Karriere. Im Trikot von Qhubeka Assos sollte Schmid Erfahrungen sammeln. Doch dann kam die elfte Etappe, ähnlich angelegt wie das Eintagesrennen Strade Bianche, mit zahlreichen Schotterabschnitten, vor denen sich die Klassementfahrer fürchteten. Schmid hingegen, einst im Radquer unterwegs, freute sich auf dieses Teilstück. Er schaffte es in die Fluchtgruppe, riskierte viel und triumphierte. Es war das Erweckungserlebnis – von da an ging es in der Karriere stetig aufwärts.

Mauro Schmid während des Prologs zur diesjährigen Tour de Romandie.
Jean-Christophe Bott / Keystone
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