
Seit Jahren erhält ein Hundert-Seelen-Bergdorf in Italien viel Geld aus Brüssel. Nun versiegt die Quelle. Was kommt jetzt?
Das Dorf Trevinano hat mit EU-Geldern überlebt. Jetzt kommt die Zukunft tatsächlich. Aber nicht so, wie man sich das vorgestellt hat. Eine Inspektionsreise.

Leergefegt und fast ausgestorben: So präsentierte sich Trevinano noch im März 2022.
Alessia Pierdomenico / Bloomberg / Getty
Die Zukunft begegnet uns mitten in Trevinano: eine junge Frau mit gewölbtem Bauch, fortgeschrittene Schwangerschaft. «Da wächst ein neues Gemeindemitglied heran», sagt Glauco Clementucci erfreut und grüsst die Frau. Sie nickt, lacht und geht ihres Weges.
Clementucci ist Gemeinderat in Acquapendente und zuständig für die winzige Fraktion Trevinano. Im Hauptberuf ist er Polizeiinspektor im nahen Orvieto.
Es ist eine reiche Gegend: reich an unberührten Landschaften, Weinbergen, Olivenhainen und undurchdringlichen Wäldern. Die Via Francigena schlängelt sich hier durch, der alte Frankenweg, eine der grossen Pilgerstrecken Europas, die auf über 2000 Kilometern von Canterbury nach Rom führt. In der Ferne erhebt sich der Monte Amiata, der grösste Berg in diesem Teil Mittelitaliens.
Gianfranco hat aufgegeben
Aber es liegt ein Schatten über dieser Region, ein Fluch vielleicht sogar, der Fluch der Randlage. Kaum jemand kennt die Gegend, obwohl sie eigentlich zentral im Dreieck zwischen Umbrien, Latium und Toskana liegt.
Doch Toskana-Reisende kommen in der Regel nicht weiter als bis Montalcino mit seinen berühmten Brunello-Weinen, und wer Umbrien erkundet, schafft es vielleicht bis nach Orvieto und seinem riesigen Dom. Aber Acquapendente? Trevinano? Nie gehört.
Entsprechend türmen sich die Probleme: Arbeitsplätze fehlen, die Infrastruktur verfällt, die Menschen ziehen weg. In Trevinano verdichten sich die Sorgen vieler kleiner Dörfer des italienischen Hinterlands.
Vor zwanzig Jahren zählte das Dorf noch um die 600 Einwohner, heute ist es eine gute Hundertschaft. Die Schule wurde längst geschlossen; die kleine Trattoria, letzter Treffpunkt der Dorfbewohner, gibt es nicht mehr, seit Gianfranco, der Wirt, in Pension gegangen ist; und kürzlich verstarb mit Alessandrojacopo Boncompagni Ludovisi auch noch der Schlossherr des Castello, das am Ende des Dorfes liegt. Er, ein Spross einer der ältesten Römer Patrizierfamilien, hatte dafür gesorgt, dass das Anwesen in Schuss blieb.
Trevinano, so schien es, war am Ende. Nun also die Zukunft. Das Kind, das bald eines der Häuser mit neuem Leben erfüllen wird. Gibt es doch noch Hoffnung für den Ort, der auf 600 Metern über Meer auf einem langgezogenen Hügel thront?
Im März 2022 hat in Trevinano eine neue Zeitrechnung angefangen. «Das Wunder von Trevinano», titelten die Zeitungen damals, «Es regnet Geld auf das Dorf». Oder: «Trevinano gewinnt die PNRR-Lotterie».
Was war passiert? 2021 schuf die EU einen gigantischen Wiederaufbaufonds, um die Auswirkungen der Corona-Pandemie in den Mitgliedstaaten zu mildern und die Volkswirtschaften wieder anzukurbeln. Italien war mit gegen 200 Milliarden Euro der grösste Empfänger dieses Fonds, dessen Mittel teils à fonds perdu, teils als Kredite vergeben wurden.
Um die Gelder gemäss der Zweckbestimmung einzusetzen, entwickelte die Regierung in Rom einen umfassenden «Piano Nazionale di Ripresa e Resilienza». Die Abkürzung PNRR ist mittlerweile ein geflügeltes Wort geworden und findet sich auf den meisten Informationstafeln öffentlicher Baustellen in Italien, von Mailand über Rom und Palermo bis in die tiefste Provinz. Erste Tranchen wurden 2022 ausgezahlt, in diesem Sommer geht der Auszahlungszeitraum zu Ende.
Da läuft etwas
Trevinano kam zum Handkuss, weil es sich um jenen Teil der PNRR-Gelder bewarb, die von der damaligen Regierung von Mario Draghi für die Rettung und Wiederbelebung sterbender Dörfer zur Verfügung gestellt wurden. Gesamthaft handelte es sich um 420 Millionen Euro. Jede Region wurde aufgefordert, jeweils ein Projekt auszuwählen, das mit 20 Millionen Euro gefördert werden sollte.
Die Fraktion Trevinano beziehungsweise die federführende Gemeinde Acquapendente überzeugte mit ihrem Plan. Gegen fünfzehn Konkurrenten setzte sie sich durch – und sorgte damit für Schlagzeilen. Auch Neider waren sogleich zur Stelle: Falscher Ort, meinten sie, falsches Projekt, Geldverschwendung pur. Doch das Projekt nahm seinen Lauf. Die Regierung von Giorgia Meloni hat am PNRR zwar da und dort Retuschen angebracht, Trevinano blieb davon aber unberührt.
Dreimal hat die NZZ seither das Dorf besucht und mit Projektverantwortlichen und Einwohnern geredet. Drei Besuche, drei Stimmungslagen:
Mai 2022: Freude herrscht, ja Euphorie; November 2023: Es ist schwierig; Juli 2026: Da läuft etwas.
Tatsächlich ist es ein Kommen und Gehen dieser Tage. Lastwagen fahren vor, Material wird abgeladen, Arbeiter bohren und hämmern, was das Zeug hält. Zahlreiche Gebäude sind eingerüstet, selbst das Castello der Boncompagni Ludovisi.

Farbmuster für die neuen Fassaden: Auf Erkundungstour mit Gemeinderat Glauco Clementucci.
NZZ
Glauco Clementucci hat uns mit dem klapprigen Wagen der Gemeinde von Acquapendente hochgefahren und erklärt den Stand der Arbeiten. Die wichtigste Baustelle befindet sich dort, wo früher die Trattoria von Gianfranco war. «Hier wird alles neu: die Bar, das Restaurant, die Küche, das Gästehaus», sagt er. Bald werde hier eine neue «Squadra» einziehen: ein kleines Team, das für das Wohl der Gäste sorgen werde – mit Caffè, einfachen Mahlzeiten und, so hofft Clementucci, einem kleinen Schwatz, jener unerlässlichen Beilage für ein funktionierendes Dorfleben.
«Ist es nicht nett geworden?», fragt unser Begleiter später, als wir kurz darauf den «Emporio» von Mauro Delli Campi betreten. Es ist ein kleiner Laden, der das Wichtigste feilhält: Lebensmittel, das Nötigste für Haushalt und Küche. Mauro ist gerade daran, Brötchen für die Arbeiter zu belegen, die von den Baustellen kommen, hungrig sind und etwas Abkühlung brauchen.
Eigentlich wollte er in Pension gehen, sagt Delli Campi, seinen alten Laden weiter unten im Dorf habe er schon zugemacht. Doch dann habe ihn die Gemeinde überredet weiterzumachen. «Es ist die letzte Chance für das Dorf», sagt er und serviert den Arbeitern köstlich duftende Bruschette mit Hühnerleber.

In Mauro Delli Campis neuem Laden: Arbeiter decken sich mit Brötchen ein.
NZZ
Fünf neue Arbeitsplätze
Mauro Delli Campi ist jetzt Angestellter der Kooperative, welche die Gemeinde initiiert und mit einer grosszügigen Starthilfe versorgt hat. Die Kooperative soll dafür sorgen, dass all die neuen Initiativen auch längerfristig wirken. Sie ist der eigentliche Motor des Projektes. Wie Delli Campi gehört auch das Personal der Trattoria und Bar zur Kooperative. Fünf Arbeitsplätze seien auf diese Weise schon entstanden, sagt Clementucci. «Für einen Ort mit rund hundert Einwohnern keine schlechte Zahl», fügt er an.
Die Kooperative wird zudem drei Elektrofahrzeuge nutzen können, die von der Gemeinde zur Verfügung gestellt werden. Mit ihnen werden, je nach Bedürfnissen, ältere Einwohner künftig zum Arzt nach Acquapendente gebracht, Medikamente geholt oder kleinere Personen- und Materialtransporte durchgeführt. Am Ende muss die Kooperative aber in Eigenregie entscheiden, was sie tun will und wie sie finanziell über die Runden kommt.
Mit den 20 Millionen aus dem PNRR hat die Gemeinde einen Strauss von Ideen umgesetzt: Sie hat fünfzehn verlassene Häuser in Trevinano gekauft und für künftige Bewohner hergerichtet; einige Wohnungen werden Teil eines ebenfalls von der Kooperative betriebenen sogenannten «Albergo diffuso» – eines Hotelbetriebes, dessen Gästezimmer sich auf verschiedene Häuser verteilen; mit verschiedenen Hochschulen und Forschungszentren hat man Vereinbarungen abgeschlossen, welche auf die Durchführung von Workshops, Praktika oder Summer-Schools in Trevinano zielen; das Begegnungszentrum für die Bevölkerung wurde erneuert; es gibt ein neues Glasfasernetz, eine neue Strassenbeleuchtung; der Campingplatz unterhalb des Dorfes wurde renoviert, und selbst die Kultur kam nicht zu kurz: Ein professioneller Kurator hat verschiedene namhafte Künstler eingeladen, im Ort einige Duftmarken zu hinterlassen.

Letzter Schliff für das rundum erneuerte Begegnungszentrum.
NZZ
Trevinano hat eine Chance erhalten – und sie genutzt. «Es ist ein Anfang und nicht ein Ende», sagt Alessandra Terrosi, Gemeindepräsidentin von Acquapendente. Die Projektphase gehe jetzt zu Ende, bald seien die Arbeiten fertig. «Nun beginnt ein anderes Leben im Dorf.» Das sei die eigentliche Herausforderung: die neuen Möglichkeiten zu nutzen und zum Blühen zu bringen. Dazu brauche es auch das Engagement der Leute vor Ort.
In den italienischen Medien und in der Politik hat derweil eine rege Bewertungsdebatte eingesetzt: Was haben die Milliarden aus Europa bewirkt? Hat der PNRR Italien vorangebracht? Oder zeigt er gar, dass derartige europäische Grossprojekte von vornherein zum Scheitern verurteilt sind?
Der Streit der Ökonomen
Es gibt zwei Denkschulen. Die eine hält ihn für eine vertane Chance. Der PNRR sei zum Akronym geworden für «Proprio nessuna riforma rilevante», zu Deutsch: «Überhaupt keine nennenswerten Reformen», sagt Tito Boeri, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Bocconi-Universität in Mailand. Boeri hat schon 2023 zusammen mit seinem Kollegen Roberto Perotti ein Buch mit dem Titel «PNRR, La grande abbuffata», «das grosse Fressen», herausgegeben und sich darin festgelegt: Es sei zu viel Geld im Spiel, es herrsche zu viel Druck, es um jeden Preis auszugeben, und es sei zu wenig Zeit, es sinnvoll einzusetzen.
Eine andere Meinung vertritt Francesco Giavazzi, ebenfalls an der Bocconi lehrender Ökonom und ehemaliger Berater von Mario Draghi in dessen Zeit als Ministerpräsident Italiens. «Der PNRR hat Italien (ein wenig) aufgerüttelt», lautete der Titel über einer von Giavazzi für den «Corriere della Sera» verfassten Bilanz des Wiederaufbauplans.
Sie fällt weniger schwarz-weiss aus als jene von Tito Boeri. Zwar nennt sie einige Erfolge – etwa die Verkürzung der Gerichtsverfahren –, verschweigt aber auch die Misserfolge nicht, etwa die gescheiterte Verbesserung der Gesundheitsversorgung. «Das vielleicht wichtigste Vermächtnis liegt jedoch in der Methode.» Die zugesprochenen Mittel würden anhand der Zielerreichung bemessen – was «eine epochale Neuerung» für Italien darstelle. Das Geld werde in Tranchen bewilligt. «Wenn die Ziele nicht nach und nach erreicht werden, werden sie nicht ausgezahlt.» Neu für Italien sei zudem, dass die Beträge nicht mehr wie früher pauschal an die Regionen gingen, sondern zumeist direkt an die Gemeinden, die auch für die Umsetzung verantwortlich seien.
Für Trevinano beziehungsweise Acquapendente scheint genau dies – die veränderte Methodik – zuzutreffen. «Wir sind ehrlich gesagt alle ein bisschen mitgenommen», sagt Gemeindepräsidentin Terrosi. Die Transparenz der Verfahren, die ständige Rechenschaftspflicht, die weitgehend digitale Abwicklung des Projektes, das hohe Tempo – all dies hat die kleine Gemeinde und ihre Angestellten an die Grenzen geführt.
«Aber es war für uns alle eine grosse Lektion in guter Verwaltung», sagt Terrosi. Ihre Mitarbeiter hätten sich neue Kompetenzen und Wissen erworben. «Ich hoffe natürlich nicht, dass sie uns verlassen werden, aber wenn sie etwas Neues anpacken wollen, haben sie nun bestimmt viel bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als vorher.»
In der Gemeinde begegne sie unterschiedlichen Haltungen zu dem PNRR und dem Geldregen, der auf Trevinano niedergegangen sei. Neben den Enthusiasten gebe es die Gleichgültigen und diejenigen, die das Ganze für eine Geldverschwendung hielten. «Unser Wirtschaftsmodell, das die Zentren begünstigt und die kleinen Orte vernachlässigt, kann auch ein PNRR nicht ändern», räumt Terrosi ein. Dafür brauchte es eine übergeordnete Strategie.
Aber es sei unzweifelhaft, dass der PNRR ein Abgleiten Italiens in die Stagnation verhindert habe. In Trevinano werde dies augenfällig. «Wenn wir die Investitionen aus eigener Kraft hätten stemmen müssen, hätten wir sie über einen Zeitraum von vielleicht zwanzig Jahren verteilt. Jeder Effekt, jede Sichtbarkeit wäre ausgeblieben.»

Viele geschlossene neben wenigen offenen Fensterläden in Trevinano. Ob es klappt und bald wieder mehr Leben Einzug hält in dem Dorf?
Alessia Pierdomenico / Bloomberg / Getty
Alles umsonst?
Doch mehr als solcherlei Diskussionen plagt die Gemeindepräsidentin derweil ein ganz anderes Thema. Auf der Schlussgeraden des PNRR haben die Gemeindebehörden herausgefunden, dass ein anderes Projekt die grosse Zeitenwende in Trevinano bedroht.
Ein privater Unternehmer möchte am Fuss des kleinen Ortes ein riesiges Feld mit 24 000 Solarpanels realisieren. Es wäre eine Fläche von mehreren Fussballfeldern. «Das würde alles infrage stellen, was wir jetzt in Trevinano aufgebaut haben», sagt Terrosi.
Denn die Landschaft sei Teil des Projektes: Ihre Schönheit, ihre Unberührtheit, ihr Reichtum an Fauna und Flora – es sind zentrale Elemente des Argumentariums, mit dem sich Trevinano profilieren will. «Kommt diese Anlage, wird man vom Dorf aus Felder, Wälder, Olivenhaine sehen – und eine wunderschöne Fläche mit 24 000 Panels», sagt Terrosi sarkastisch.
Aus dem Bergdorf, das eigentlich ein Vorzeigemodell für die nachhaltige Entwicklung abgelegener Orte hätte werden sollen, könnte ein Hotspot für Photovoltaik werden.
Die Zukunft, so scheint es, kommt tatsächlich bis nach Trevinano. Aber möglicherweise nicht so, wie man sich das vorgestellt hat.
3 Kommentare
Kurt Schrader
Politiker (Menschen) können komplexe Problemlagen mit ihren Mitteln nicht steuern…
Die Landflucht ist unaufhaltbar… und auch der jetzt kommunale Pizzabäcker wird wieder verschwinden, wenn das künstliche Interesse für das 100-Selen-Dorf wieder erlischt…..
Marc Anderson
Dass die Rechten die EU melken werden, wenn man sie lässt, halte ich für plausibel. In manchen italienischen Dörfern bekommt man Immobilien geschenkt, wenn man sie renoviert. Dann hock‘ste dort natürlich fest.
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