

Die Süchtigen am Platzspitz vertrauten der Fotografin Gertrud Vogler
Alle Bilder Gertrud Vogler / Schweizerisches Sozialarchiv
Gertrud Vogler hält Zürichs prägendste Jahre fest. Sie ist eine fotografische Fürsprecherin von Menschen am Rand der Gesellschaft: Suchtkranken, 1980er Bewegten, Müttern in Frauenhäusern oder Jenischen.
Es ist ein fragiler Moment im Sommer 1990 im Zürcher «Needle Park». Ein Paar sitzt eng umschlungen auf der Wiese des Platzspitzes. Die Köpfe halten die beiden dicht aneinander. Nur Haare sind zu sehen, die Gesichter sind verborgen. Vielleicht flüstern sie einander etwas zu, vielleicht sind die beiden zu erschöpft dazu. Dass der Mann, ein Drogenkonsument, zahlreiche Einstiche am Bein hat, fällt kaum auf.
Die meisten Bilder, die in dieser Zeit vom Platzspitz um die Welt gehen, sind verstörend und bisweilen voyeuristisch. Sie zeigen die Menschen als Junkies. Doch diese Fotografie ist anders. Sie transportiert trotz allem eine versöhnliche Stimmung. Die Fotografin muss nahe bei dem Paar sitzen oder knien, als sie abdrückt. Die beiden lassen das zu. Gut möglich, dass sie die Frau hinter der Linse kennen: Es ist Gertrud Vogler.

«Platzspitz, 11./12. 8. 1990»: Drogenkonsument mit zahlreichen Einstichen am Bein, Zürich.

«Letten-Dörfli, März 1990»: Drogenkonsumentin bereitet in einer Notschlafstelle eine Spritze vor, Zürich.

«Rondellräumungsaktion, 19. 6. 1990»: Das Rondell am Platzspitz und der davor liegende Platz werden gereinigt.
Gertrud Vogler gilt heute als eine der bedeutendsten Fotografinnen der Schweiz. Sie fotografiert in Libanon, in der Westsahara, im Viertel La Défense in Paris. Doch sie ist vor allem anderen eine Chronistin des Alltags in Zürich und prägt wie keine Zweite das kulturelle Gedächtnis der Stadt. Sie füllt Lücken der Erinnerung – mit einer Art der Dokumentarfotografie, die das Zerbrechliche der Menschen und urbane Brüche zulässt. Zu Letzterem gehört etwa die Aufnahme des besetzten Wohlgroth-Areals, dessen Parolen Zugpassagiere bei der Einfahrt in den Hauptbahnhof zu sehen bekamen: «Zureich» und «Alles wird Gut».
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Gerade anhand der Drogenszene zeigt sich, wie Gertrud Vogler sich von Fachkollegen unterscheidet: Während Fotos von Bildagenturen aus sicherer Distanz an das Elend heranzoomen oder im doppelten Wortsinn von oben herab fotografieren, nimmt Vogler die Suchtkranken auf Augenhöhe auf. Dieser Tage erscheint im Verlag Scheidegger & Spiess eine Monografie mit 237 Schwarz-Weiss-Bildern: «Soziale Brennpunkte. Fotografien aus einer Zeit im Umbruch. 1975–2000».
Wer ist diese Frau, die Drogensüchtigen in ihren Bildern ihre Würde zurückgibt?

«Schienen mit Wohlgroth», Zürich, Mai 1993: «Zureich»- und «Alles wird Gut»-Gebäude.
Alleinerziehende Autodidaktin
Gertrud Brüll wird 1936 in der Walliser Gemeinde Montana geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg zieht die Familie nach Zürich. Gertrud Brüll macht eine Verkäuferinnenlehre und arbeitet in einer Filiale des Schweizer Heimatwerks. 1962 heiratet sie den Bühnenbildner Heini Vogler. Mit ihm hat sie zwei Söhne. Doch 1970 stirbt der noch junge Ehemann an einem Herzinfarkt. Sie muss die Familie allein versorgen und nimmt mehrere Jobs an, unter anderem verträgt sie frühmorgens Zeitungen. Die beiden Buben zieht sie allein gross, sie wohnen beim Albisriederplatz.
In den 1970er Jahren bildet sie sich selbst zur Fotografin aus. 1978 schreibt sie in der «Fraue-Zitig»: «Fotografie ist für mich ein Gegenpol zur Hausarbeit. Ich will etwas machen, was da ist, greifbar, sehbar, etwas Kreatives. Beim Fotografieren gehe ich raus. Setze mich in Beziehung zu anderen Menschen und Dingen.»

Gertrud Vogler, um 1980.
Michel Fries / Schweizerisches Sozialarchiv
Es sind fortan die Ränder dieser wohlhabenden Stadt, entlang deren sich Gertrud Vogler bewegt. Ihr gelingt eine Gratwanderung: Weder gibt sie sich der Sensationslust hin, noch verfällt sie dem Sozialkitsch. Sie rückt schlicht jene in den Blick, die andere übersehen. Es sind neben den Suchtkranken Flüchtlinge und Fahrende. Sie besucht regelmässig Jenische und freundet sich mit ihnen an. An gesellschaftlichen Brennpunkten findet sie Sujets mit Tiefgang, wenn sie Exponenten der 1980er Bewegung und der Hausbesetzerszene fotografiert oder Demonstrantinnen der Frauenbewegung.

«Standplatz Jenische, Oftringen, Januar 1985»: Bub beim Spielen, Baby in einer Schaukel, Mutter auf dem Sessel.

«1. Mai 1996»: ausgebranntes, auf dem Dach liegendes Auto, Zürich.

«Feckerchilbi, Gersau, 19. 5. 1985»: Gäste.

«Butzenstrasse», Zürich, 12. 5. 1993: vermutlich Aktivist, auf einer Hängematte liegend, schwingend.
Ihre in Schwarz-Weiss gehaltenen Fotografien erscheinen bald in der 1981 gegründeten linken Wochenzeitung «WoZ» und in weiteren Medien.
Gertrud Voglers Interesse daran, soziale Brennpunkte zu dokumentieren, ist immens: Als sie 2018 stirbt, hinterlässt sie ein Archiv von 200 000 Negativen. Ein grosser Teil des Nachlasses befindet sich im Schweizerischen Sozialarchiv. Bei den Söhnen lagern darüber hinaus noch Schachteln.
Einer von ihnen ist Thomas Vogler, 63 Jahre alt und Informatiker. Er sagt über seine Mutter: «Sie nahm ihr Gegenüber ernst, ob es Fussball spielte, Fahnen schwang oder Drogen konsumierte. Sie wollte an den Rand gedrängte Menschen sichtbar machen.» Das Dokumentieren von Szenen habe sie fasziniert. Sie sei von der Frage angeleitet gewesen: «Wie bringt man das, was man sieht, auf Papier? Wie hält man etwas fest?»
Die Fotografie einer Demonstration gegen Vergewaltigungen 1983 in Winterthur zeigt eine Antwort darauf. Eine Gruppe von Demonstrantinnen hält eine Tafel mit der Aufschrift «Männer = potenzielle Vergewaltiger, Frauen = potenzielle Opfer». Drei Halbstarke beobachten die jungen Frauen. Die jungen Männer wirken überrascht, irritiert und nachdenklich zugleich. Es braucht ein Auge für Ambivalenzen, um solche spannungsreichen Szenen festzuhalten.
Der Sohn Thomas Vogler hat im Hintergrund an der neuen Monografie mitgewirkt. Herausgegeben wurde sie von Stefan Länzlinger, dem Leiter des Sozialarchivs, und dem Journalisten Silvan Lerch. Die Bilder sind hochaktuell: Drogenkonsumenten sind im Stadtbild wieder sichtbar, etwa in der Bäckeranlage. Auch heute beschäftigen Obdachlosigkeit und Flüchtlinge. Gleiches gilt für die Frauenhäuser, in denen Mütter und junge Frauen vor häuslicher Gewalt Zuflucht suchen.

«Frauenhaus Rotbuchstrasse, Juli 1979», Zürich: zwei lachende Frauen, eine mit einem Baby in den Armen.

«AJZ, 4. 9. 1980»: Polizisten in Kampfmontur und ein Jugendlicher geraten bei der Razzia im AJZ aneinander, Graffito «Freiheit für Grönland», Zürich.

«Antifa-Konzert, Kanzlei, Zürich, 7. 4. 1990»: Mann mit nacktem Oberkörper im Publikum am Pfeifen.

«Asyldurchgangsheim Aarau, 14. 10. 1986»: Männer in einem Raum mit Sofa, Stühlen und Tischen.
André Seidenberg ist in den frühen 1980er Jahren ein junger Notfallarzt. Er arbeitet im Kreis 5 und am Platzspitz. Es ist die Zeit, bevor das HI-Virus entdeckt und Aids als neuartige Krankheit beschrieben wird. Bei den meisten Suchtkranken bricht das Virus aus, sie haben Gelbsucht und Infektionen. Viele sterben daran. In dieser Zeit lernt er Gertrud Vogler kennen. Für ihn ist sie eine fotografische Pionierin. Er sagt, sie habe «schon fast systematisch Fotos von Betroffenen» gemacht, bevor Drogen und Aids von der Öffentlichkeit als Probleme wahrgenommen worden seien.
Seidenberg kennt zahlreiche Bilder von ihr, auch solche, die nie veröffentlicht wurden; 10 000 sind am Platzspitz entstanden. Mit Vogler macht er seine erste grosse Reportage über den «Needle Park». Sie bieten diese dem Magazin «Geo» an, das sie nicht will. Die Geschichte erscheint 1989 in der «Weltwoche» unter dem Titel «Mein Name ist Elvis, habe ich Aids?».
Als Seidenberg die Fotografien betrachtet, sagt der heute 75-Jährige: «Bei mir kommen viele Erinnerungen hoch, etwa der Geruch von damals. Es ist sehr berührend.» Er erzählt, wie er in einen Bretterverschlag am Platzspitzufer gerufen wird. Wie er dort bei einem Süchtigen Fleckfieber diagnostiziert. Eine schwere Infektionskrankheit, die durch Rattenflöhe übertragen wird und im Ersten Weltkrieg viele Opfer forderte. Unglaublich sei ihm das erschienen im Zürich der 1980er Jahre, aber er habe recht gehabt.
Er erinnert sich, dass Gertrud Vogler damals im Autonomen Jugendzentrum oder in der Notschlafstelle an der Zollstrasse Heroinabhängige fotografierte – Menschen, die heute tot sind. Eines der Bilder zeigt André Seidenberg 1987 als jungen Arzt in ebendieser Notschlafstelle, wo er wöchentlich eine unentgeltliche Sprechstunde abhält. Die melancholische Fotografie ist aus der Perspektive der Patientin aufgenommen. Sie wendet sich dem Arzt zu und blickt zu ihm hinunter. Es scheint Abend zu sein und viel auf dem Arzt zu lasten: Seidenberg wirkt müde, während er etwas aufschreibt.

«Notschlafstelle Zollstrasse mit Arzt, 30. 6. 1987»: Dr. med. André Seidenberg behandelt eine Patientin, Zürich.

«Nacht im Shop-Ville, 25./26. 3. 1988»: Mann liegt auf einem Bartisch, Zürich.

«Frauendemo gegen Vergewaltigungen, Winterthur, 2. 6. 1983»: Eine Gruppe von Demonstrantinnen mit einer Tafel, auf der «Männer = potenzielle Vergewaltiger, Frauen = potenzielle Opfer» steht; drei junge Männer in die Demo blickend.
Seidenberg sagt: «Wenn ich die Bilder sehe, spüre ich bis heute, wie nahe Gertrud Vogler den Leuten war. Sie lebte fast mit ihnen zusammen.» Jene Menschen, die im damals repressiven Zürich mit den Konventionen gebrochen hätten, hätten ihr entsprochen. Er fügt an: «Sie lebte auch selber so. Sie war kein angepasster Mensch. Die Jugendunruhen waren ihr immer nahe. Sie war geprägt von der 1968er Bewegung.»
Der Pionier der Drogenpolitik schildert Gertrud Voglers Arbeitsweise: «Sie war sehr zurückhaltend, wenn sie fotografierte. Sie schoss nicht einfach geschwind Fotos, sondern machte intime Porträts.»
«Die gehört ja schon zum Inventar»
Eine Szene charakterisiert dies besonders gut. 1989 gibt es eine Razzia im «Needle Park». Polizisten wollten Gertrud Vogler trotz ihrem Presseausweis hinauswerfen. Da soll der Einsatzleiter seine Leute mit folgenden Worten zurückgepfiffen haben: «Ach, lasst doch die, die gehört ja schon zum Inventar.»
Stets unauffällig gekleidet sein und mit der Umgebung verschmelzen, so dass sich die Porträtierten unbeobachtet fühlen, das ist das Geheimnis von Gertrud Voglers Arbeitsweise. Dank dieser Eigenart und ihrer Empathie den Menschen gegenüber zählt sie zu den wichtigsten Fotografen sozialer Bewegungen des Landes.
Gertrud Voglers Sohn Thomas zieht einen Vergleich zwischen damals und heute. Er sagt: «Es sieht in Zürich 25 Jahre später keinen Deut besser aus. Man lebt weniger miteinander, man will den Bezug zueinander nicht mehr. Noch immer gibt es viele Menschen, die zu Unrecht ausgegrenzt werden. Und der Platz für jene mit wenig Geld schrumpft weiter.»
Platzspitz und Letten als Drogenumschlagplätze sind längst passé. Doch Gertrud Vogler hätte auch heute Sujets für ihre Arbeit als fotografische Fürsprecherin der Menschen am Rand gefunden.

«Hüttisstrasse, 31. 3. und 1. 4. 1990»: Aktivistinnen und Aktivisten vor dem besetzten Haus, Zürich.
Gertrud Vogler: Soziale Brennpunkte. Fotografien aus einer Zeit im Umbruch. 1975–2000. Herausgegeben von Stefan Länzlinger und Silvan Lerch. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2026. 250 S., Fr. 49.–.
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