
Wir halten Freundschaften für selbstverständlich – bis wir in der Lebensmitte plötzlich keine mehr haben. Warum sie so wichtig sind und wie wir sie stärken
Freunde sind die Familie, die wir uns aussuchen. Doch oft vergessen wir später im Leben, sie zu pflegen.
Rabea Zühlke
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Vier Freundinnen wie Pech und Schwefel: Die Hit-Sitcom «Sex and the City» lief von 1998 bis 2004.
MPTV / Imago
Carrie, Charlotte und Samantha lächeln Miranda aufgesetzt an, als sie auf ihrer Hochzeitsfeier zu ihnen stösst. Sofort spürt sie: Etwas stimmt nicht. Ihre drei besten Freundinnen halten etwas zurück und sagen nur, sie solle ihren grossen Tag geniessen. Erst als Miranda darauf beharrt, bricht Samantha das Schweigen. «Ich habe Brustkrebs», sagt sie. «Nun geh zurück zu deinen Liebsten, wir reden morgen darüber», wirft Charlotte ein. Miranda schüttelt den Kopf. «Ihr seid meine Familie – und wir reden jetzt darüber.»
Die Szene aus der Kultserie Sex and the City bringt es auf den Punkt: «Freunde sind die Familie, die wir uns aussuchen.» Das alte Sprichwort trifft auch gut den Kern der psychologischen Forschung zum Thema Freundschaft. Sie beschreibt Freundschaft als positive, wechselseitige Beziehung, die auf Nähe beruht und im Gegensatz zur Familie frei gewählt ist. So teilen wir im Sandkasten die Förmchen miteinander, in der Jugend den ersten Herzschmerz, später ganze Lebensphasen: Trennungen und Verluste genauso wie Neuanfänge.
Entsprechend hoch ist ihr Stellenwert: Für die Mehrheit der Deutschen und Schweizer sind enge Freundschaften ähnlich wichtig wie eine glückliche Partnerschaft, wie Umfragen immer wieder zeigen.
Die Forschung zeigt: Diesen hohen Stellenwert haben Freundschaften absolut verdient. Kaum ein anderer sozialer Faktor hängt so eng mit körperlicher und psychischer Gesundheit zusammen. Mit ihrer Unterstützung begegnen wir zum Beispiel Herausforderungen gelassener, wie eine vielzitierte Studie der University of Plymouth zeigt: Versuchspersonen schätzten einen Hang als weniger steil ein, wenn sie ihn gemeinsam mit einer nahestehenden Person betrachteten – oder nur an sie dachten.
Andere Untersuchungen stützen das: In guter Gesellschaft fühlen wir uns selbstsicherer und Problemen besser gewachsen. Zugleich gibt sie uns das Gefühl von Sinn und Orientierung, stärkt Motivation und sogar andere Beziehungen, etwa zu Familie oder Partnern.
Selbst neurologisch lassen sich Effekte nachweisen: Berna Güroglu, Entwicklungspsychologin an der Universität Leiden, zeigt in einer Überblicksarbeit, dass der Umgang mit Freunden sowohl das Belohnungssystem im Gehirn aktivieren als auch Areale, die für das Verstehen der Gedanken und Gefühle anderer wichtig sind.
Weniger Nähe, mehr Brüche
Doch obwohl wir die Bedeutung dieser Beziehungen immer wieder betonen, werden sie zunehmend brüchiger und verkümmern im Alltag. Zwar wächst der Freundeskreis im Jugend- und im jungen Erwachsenenalter, ab der Lebensmitte schrumpft er jedoch. Das zeigt unter anderem eine grosse Meta-Analyse der Heidelberger Entwicklungspsychologin Cornelia Wrzus.
Ein Grund für diese Entwicklung ist der Verlust von Nähe, dem Herzstück jeder Freundschaft. Früher tanzten wir zusammen durch die Nacht, trösteten einander bei Liebeskummer oder durchlebten stressige Prüfungsphasen. Solche Erfahrungen verbinden. Mit dem Alter fehlt diese Dramatik – und oft die Zeit. Aus durchtanzten Nächten werden gelegentliche Telefonate, aus Wochenend-Trips ein Kaffee oder ein Bier zwischen Job und Familie. Auch die Forschungsergebnisse der Psychologin Eileen Doherty unterstreichen, dass es nicht nur darauf ankommt, Zeit miteinander zu verbringen – sondern vor allem, wie. Status-Updates seien oft nicht mehr als ein reiner Austausch von Informationen. «Sie haben keine emotionale Bedeutung», so Doherty.
Hinzu komme ein weiteres Spannungsfeld: Während Nähe abnimmt, steigen die Erwartungen – besonders bei Frauen. Vor allem in Umbruchphasen wie Trennung, Schwangerschaft, Umzug oder dem Tod eines Elternteils wächst der Wunsch nach Rückhalt. Bleibt dieser aus, schwindet die Verbundenheit. Nachlassende Nähe und fehlende Unterstützung sind die häufigsten Gründe, warum Freundschaften unter Frauen auseinandergehen.
Was Männer verbindet – und was sie trennt
Aber nicht nur Frauen kämpfen mit brüchigen Bindungen. Im Essay «Wo sind all meine tiefen Freundschaften geblieben?» beschreibt der Journalist Sam Graham-Felsen im Magazin der «New York Times» den schleichenden Verlust langjähriger Männerfreundschaften. Eine Umfrage des Survey Center on American Life stützt seinen Eindruck: Seit 1990 ist die Zahl enger Freunde bei Männern deutlich gesunken, 2024 gaben 17 Prozent sogar an, keinen einzigen zu haben.
Auch Graham-Felsen telefoniere kaum noch mit seinen Kumpels, treffe sie selten allein – und wenn, dann um eine Sportübertragung zu schauen. Genau darin liegt gemäss der Forschung der Kern vieler Männerfreundschaften: Gemeinsame Aktivitäten und Interessen bilden das Fundament. Nur: Während auf den Bildschirm geschaut wird, passiere eines so gut wie nie, bedauert Graham-Felsen: «Dass wir uns ernsthaft fragen: ‹Wie geht es dir eigentlich?›»
Tatsächlich zeigen Studien, dass Frauen mehr von sich preisgeben und einander aktiver unterstützen. Sich über Sorgen im Beruf oder Zweifel in der Partnerschaft auszutauschen, schafft Nähe. Männerfreundschaften funktionieren häufig nebeneinander. Das muss kein Qualitätsmangel sein – aber fallen die gemeinsamen Aktivitäten aus Zeitgründen weg, fehlt das verbindende Element und der Kontakt bricht leicht ab.

Für Männerfreundschaften sind gemeinsame Unternehmungen besonders wichtig. Fehlt später im Leben die Zeit dafür, leiden sie besonders.
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Nähe entsteht im Hier und Jetzt
«Um dagegen zu steuern, sollten wir Freundschaften wieder priorisieren und bereit sein, in sie zu investieren», sagt Rebecca Schild, Psychologin und Autorin des Buches «Freunde fürs Leben». Vor allem brauchten sie das Hier und Jetzt: Nähe entstehe durch gemeinsames Erleben. Ein Wochenende ohne Kinder geniessen, einen verregneten Wandertag durchstehen und später lachend im Whirlpool sitzen: Solche Momente verbinden.
Zugleich entstehen so Erinnerungen, die uns in schlechten Zeiten schützen. So zeigt eine Studie mit fast 1500 Teilnehmenden aus Europa und den USA, dass Nostalgie, also das warme Zurückdenken an gemeinsam Erlebtes, in belastenden Zeiten Einsamkeit abfedern kann. Umso wichtiger ist es, solche Momente überhaupt erst zu schaffen.
Ausserdem zeigte sich: Wer gern in Erinnerungen schwelgt, ist eher bereit, langfristig in Beziehungen zu investieren. Alte Lieblingslieder aus Studientagen, gemeinsame Fotos oder die Erinnerung an eine Reise mit der besten Freundin können solche Gefühle wachrufen. Nostalgie, so die Forschenden, erinnert uns daran, was zählt – und kann der Anstoss sein, eingeschlafene Kontakte wieder aufleben zu lassen.
Gute Freundschaften entlasten zudem die Partnerschaft. Problematisch wird es nämlich, wenn der Partner zur einzigen Bezugsperson wird: «Meine einfühlsame Frau erfüllte so ziemlich alle meine emotionalen Bedürfnisse», beschreibt der Journalist Sam Graham-Felsen ein weit verbreitetes Muster. Soll eine Person zugleich Partner, bester Freund und seelische Stütze sein, gerät die Beziehung unter Druck. Und wenn diese Stütze, etwa durch eine Trennung, dann noch wegbricht, fehlt ein soziales Umfeld.
Ohnehin sind es meist Frauen, die sich um dieses Umfeld kümmern. Treffen organisieren, an Geburtstage oder wichtige Termine erinnern: In der Forschung bezieht sich diese unsichtbare Arbeit, die als Kinkeeping bezeichnet wird, vor allem auf das Familiennetzwerk. Aber sie gilt ebenso für Freundschaften. Sich eine Notiz im Kalender eintragen, wenn der Kumpel einen wichtigen Arzttermin hat, einen kurzen Mutmacher vor dem Bewerbungsgespräch schicken oder bei einer Grippe etwas aus der Apotheke mitbringen: Solche Gesten halten Beziehungen zusammen und stärken die emotionale Unterstützung. Das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden, ist laut Forschung ein zentrales Qualitätsmerkmal von Beziehungen.
Konflikte aushalten und Perspektiven wechseln
Bleibt diese Unterstützung hingegen aus, gerät eine Freundschaft schnell ins Wanken. Häufig geht es um unausgesprochene Erwartungen: Hilfe beim Umzug, ein Anruf nach der Kündigung, mehr Verlässlichkeit. Doch statt darüber zu sprechen, ziehen sich viele zurück. Auch Fachleute vermuten, dass gerade dieses Schweigen über Erwartungen schwindende Nähe begünstigt und nicht selten zum Bruch führt. Dinge ansprechen, Konflikte austragen, zuhören und Verantwortung übernehmen – vieles, was in Partnerschaften selbstverständlich ist, fehlt in Freundschaften.
Ebenso entscheidend ist die Fähigkeit, die Perspektive des anderen einzunehmen: Hat der beste Kumpel den Geburtstag vergessen, weil er ohnehin seit Wochen überlastet war? War die spitze Bemerkung wirklich böse gemeint oder nur ein unbedachter Scherz? Wer empathisch reagiert, versöhnt sich leichter.
In einer Forschungsarbeit fand die Psychologin Paola Guariglia jedoch heraus, dass besonders diese kognitive Empathie im Alter abnimmt – und damit das Risiko für Einsamkeit und geringere Lebenszufriedenheit steigt. Sich häufiger mal bewusst in andere hineinzuversetzen, schützt daher nicht nur Beziehungen, sondern ebenso uns selbst.
Freundschaften wie zwischen Miranda, Carrie und Co. zählen zu den wichtigsten Beziehungen unseres Lebens: Sie geben Halt, spiegeln uns, ohne das heikle Terrain einer Partnerschaft zu berühren, und schenken Erinnerungen, die uns bis ins hohe Alter begleiten. Die Psychologen Franz Neyer und Cornelia Wrzus bringen es in einem Aufsatz auf den Punkt: «Keine Freunde zu haben, ist vermutlich ein ernsthaftes Risiko für die Gesundheit.» Nur eines dürfen wir nicht vergessen: Sie müssen gepflegt werden.
Dieser Artikel erschien erstmals am 26.04.2026 in der NZZ. Bei der vorliegenden Version handelt es sich um eine aktualisierte Fassung.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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