
Die US-Banken legen ein starkes Halbjahr hin – dank Elon Musk, den Börsen und einer Wirtschaft, die nicht totzukriegen ist
Der SpaceX-Börsengang und das Auf und Ab am Aktienmarkt halfen den Grossbanken. Die Sorgen um Kunden, die ihre Kreditkartenschulden nicht abbezahlen können, treten vorerst in den Hintergrund.

Händler auf dem Parkett in New York City.
Brendan McDermid / Reuters
Die amerikanische Wirtschaft entzieht sich weiter der Schwerkraft und wächst, als gäbe es keine Kriege, Zölle oder Probleme am Erdölmarkt. Die Wall Street sah sich am Dienstag in ihrem Optimismus bestätigt, als fünf der sechs grössten amerikanischen Banken ihre Halbjahreszahlen vorlegten. Alle von ihnen – JP Morgan, Bank of America, Goldman Sachs, Wells Fargo und Citigroup – konnten einen deutlichen Gewinnsprung verkünden und die Erwartungen der Analysten übertreffen.
Die Banken bieten stets einen nützlichen Schnappschuss davon, wie es um «Corporate America» insgesamt bestellt ist. In unsicheren Zeiten wie heute – die Arbeitslosigkeit ist tief, aber die Konsumenten sind sehr pessimistisch – ist dieser Schnappschuss besonders viel wert.
Die jetzigen Resultate bieten Aufschluss über die Entwicklungen im gesamten Einkommensspektrum Amerikas: von den Armen und dem unteren Mittelstand, der nur mit Mühe seine Kreditkartenrechnung begleichen kann, bis hin zum Börsengang von SpaceX, der aus Elon Musk den ersten Billionär der Geschichte gemacht hat.
Die Kapriolen am Aktienmarkt helfen
Besonders gut ist es für die Banken im Aktienhandel gelaufen. Goldman Sachs, JP Morgan und Bank of America wiesen einen Gewinnsprung von mehr als 70 Prozent auf. Die Aktienmärkte waren durch ein ständiges Auf und Ab geprägt, wegen des Nachrichtenstroms aus dem Iran-Krieg und der Ungewissheit um die Entwicklung der KI-Revolution. Diese Volatilität hilft den Handelsabteilungen der Banken – je unsicherer die Lage, desto eher können sie ihre Klasse ausspielen. Und während die eher hohen Zinsen andere Branchen unter Druck setzen, funktioniert das Zinsdifferenzgeschäft der Banken derzeit auch gut.
Die Eigenkapitalrendite der fünf Banken unterscheidet sich dennoch deutlich: JP Morgan kommt auf sehr starke 24 Prozent, wobei ein einmaliger Milliardengewinn aus der Beteiligung am Kreditkartenunternehmen Visa ins Gewicht fällt. Doch selbst wenn man diesen Sondereffekt herausrechnet, schneidet der Branchenprimus sehr gut ab.
Goldman Sachs erreicht ebenfalls mehr als 23 Prozent, während es der Nachzügler Citigroup immerhin auf über 11 Prozent schaffte und die Erwartungen damit übertraf. Die CEO Jane Fraser hat der einst grössten Bank Amerikas eine tiefgreifende Restrukturierung auferlegt, die nicht allen Citigroup-Mitarbeitern schmeckt, wie die «Financial Times» letzthin berichtet hat. Die jüngsten Zahlen deuten aber auf eine weitere Verbesserung hin.
Börsengänge als Goldgrube
Und dann war da noch der SpaceX-Börsengang – mit Abstand der grösste, den die Wall Street je gesehen hat. Der Zahltag der über zwanzig Investmentbanken, die Musks Raumfahrtunternehmen begleitet hatten, war mit 500 Millionen Dollar zunächst vergleichsweise bescheiden ausgefallen. Die fünf wichtigsten Bankpartner haben für ihre Arbeit jeweils 75 bis 100 Millionen Dollar erhalten.
Wenn eine Aktie nach dem Börsengang an Wert gewinnt, erhalten die Investmentbanken indes noch Kommissionen von Fonds, denen sie die begehrten Aktien zugeteilt haben. Insbesondere für die Investmentbank von Goldman Sachs, die zusammen mit Morgan Stanley beim SpaceX-Börsengang die Führung innehatte, könnte sich das rechnen. Und weil die Aktien des Raumfahrtunternehmens intensiv gehandelt werden, dürften die entsprechenden Handelsabteilungen der Banken profitieren.
Langfristig ins Gewicht fällt auch die Vermögensverwaltung für all die Millionäre und Milliardäre, die das IPO hervorgebracht hat. Auch die guten Beziehungen zu Musk, welche sich die Banken aufgebaut haben, könnten sich weiter bezahlt machen – etwa wenn er beschliesst, «seine» Unternehmen SpaceX und Tesla zu fusionieren.
Darüber hinaus fungierte SpaceX als Korkenzieher: Andere Unternehmen haben miterlebt, wie gut die Stimmung der Anleger derzeit ist und wie viel Kapital sich mit einem Börsengang aufnehmen lässt. Zahlreiche drängen nun an den Aktienmarkt: Vergangene Woche spielte der südkoreanische Speicherchiphersteller SK Hynix mit seiner Zweitkotierung in New York 26,5 Milliarden Dollar ein. Auch die KI-Firmen Anthropic und Open AI bereiten sich auf ein grosses IPO vor.
Nicht nur Tech-Unternehmen werden vom Börsenfieber angesteckt. Anfang Monat hat die ausserhalb der USA unbekannte Sandwich-Kette Jersey Mike’s ihre Unterlagen für einen Börsengang eingereicht. Das Unternehmen verkauft in Amerika zwar viele Sandwiches, ist in letzter Zeit aber nur langsam gewachsen und hat über 2 Milliarden Dollar an Schulden auf den Büchern. Dennoch erhofft sich Jersey Mike’s gemäss Medienberichten eine Bewertung von 12 Milliarden Dollar.
Den Investmentbanken, die all diese Unternehmen an die Börse begleiten dürfen, kommt der Optimismus gelegen. Sie wissen aber aus eigener Erfahrung, wie volatil dieses Geschäft ist: Nach dem letzten Rekordjahr 2021 ist der Markt komplett eingebrochen und hat sich nur langsam wieder erholt.
Die Schuldner halten sich gut
Auch im Geschäft mit Kleinkunden liegen Licht und Schatten immer nahe beieinander. Wells Fargo, Bank of America und JP Morgan, die diesen Massenmarkt über ihr grosses Filialnetz in den ganzen USA abdecken, haben in den vergangenen Monaten davon profitiert, dass der Arbeitsmarkt stabil blieb und die Amerikaner weiterhin in Kauflaune waren.
Bekanntlich nutzen sie für Käufe aber auch gerne ihre Kreditkarte, entsprechend müssen die Banken stets auf die Verschuldung ihrer Kunden achten. Eine vielbeachtete Datenreihe der New Yorker Fed zeigt, dass der Schuldenstand der amerikanischen Privathaushalte seit der Pandemie rasch zugenommen hat, von 14,7 Billionen Dollar im ersten Quartal 2021 auf 18,8 Billionen. 5,2 Billionen davon sind keine Hypotheken, also etwas riskantere Kredite – das sind mehr als 15 000 Dollar pro Kopf.
Die Daten zeigen: Gerade ärmeren Amerikanern fällt es immer schwerer, ihre Kreditkartenschulden zurückzuzahlen. 5,6 Prozent der Amerikaner sind auch mit den Ratenzahlungen für ihren Autokredit mindestens neunzig Tage im Rückstand, ein rekordhoher Wert.
Die CEO und Finanzchefs der Banken haben in Gesprächen mit Analysten jetzt aber vorerst Entwarnung gegeben. Im zweiten Quartal konnten sie ihre Kreditausfallquoten sogar verringern. «Falls die Inflation oder die Zinsen viel höher steigen, als es die Leute erwarten, würde sich das auf die Konsumenten und die Wirtschaft insgesamt auswirken», sagte Mike Santomassimo, der Finanzchef von Wells Fargo, gegenüber Analysten. Aber man habe bisher schlicht nicht gesehen, dass sich dieses Risiko zu materialisieren beginne.
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