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Das Klima in der Formel 1 ist vergiftet wie eh und je – die WM-Entscheidung ist vertagt, jene des letzten Jahres könnte neu aufgerollt werden

Der Weltmeister und WM-Führende Max Verstappen wird im Nachtrennen von Singapur nur Siebenter. Noch grösseres Ungemach könnte ihm am Mittwoch drohen. Dann dürfte sich klären, ob seinem letztjährigen WM-Titel ein Makel anhaftet.

Elmar Brümmer, Singapur
5 Leseminuten

Max Verstappen steht in diesen Tagen unter erhöhtem Druck.

Imago

Crashs und Chaos, Regen und Regeln tragen dazu bei, dass die Entscheidung um den WM-Titel in der Formel 1 um mindestens ein Wochenende verschoben worden ist. Im Grand Prix von Singapur wurde der WM-Leader Max Verstappen nur Siebenter. Der Sieg bei Verhältnissen wie in einer Sauna ging an Verstappens Red-Bull-Teamkollegen Sergio Pérez.

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Erst eine Stunde später als geplant kam das Rennen ins Rollen. Ein Monsunschauer hatte davor ein Fahren auf dem Marina Bay Street Circuit verunmöglicht. Das ganze Rennen über herrschten auf der unebenen Piste heikle Bedingungen, eine Vielzahl der Unfälle und Neutralisierungen waren der Reifenwahl und dem Übereifer auf feuchtem Asphalt geschuldet.

Für klare Verstösse soll es happige Bussen geben, möglicherweise sogar Punktabzüge oder Sperren

Das entscheidende Manöver war dem Sieger Pérez am Start gelungen, als er Charles Leclerc von der Spitze verdrängte. Verstappen war nur als Achter gestartet, weil bei seiner entscheidenden Qualifying-Runde aufgrund eines Strategiefehlers nicht mehr genug Benzin im Auto war. Wie viele Fahrer durchlebte er Höhen und Tiefen im Wirrwarr des Nachtrennens. Mal war er Fünfter, mal Zwölfter. Aber aufgeben kam für Verstappen nicht infrage – bis die unübersichtliche, aber nicht unspektakuläre Rutschpartie nach gut zwei Stunden beendet war. Die Fahrer wurden aufgrund des Zeitlimits vorzeitig abgewinkt. Von den geplanten 61 Runden absolvierten sie deren 59.

Am kommenden Wochenende in Suzuka hat Verstappen seine nächste Titelchance. Wenn er nach jenem Rennen mindestens 112 Punkte Vorsprung auf seinen ersten Verfolger hat, welcher Leclerc oder Pérez heissen wird, ist er zum zweiten Mal Weltmeister.

Der GP von Japan ist nicht der einzige Termin, dem Red Bull Racing in den nächsten Tagen mit gemischten Gefühlen entgegenblickt. Denn am Mittwoch will der Automobilweltverband FIA verkünden, ob sich alle zehn Rennställe im vergangenen Jahr an die erstmals geltende Budgetobergrenze gehalten haben. 148,6 Millionen Dollar wurden den Teams jeweils zugestanden, exklusive Top-Gehälter, Marketing- und Motorenkosten. Und noch vor der Auditierung durch externe Wirtschaftsprüfer sickerte in Singapur durch, dass zwei Rennställe das Limit überschritten hätten. Einer nur ein wenig, einer drastisch.

Bei Verfehlungen um fünf Prozent, so hatte es bei der Einführung der von allen Beteiligten mitgetragenen Regelung geheissen, würden Geldstrafen drohen. Für schwerere Verstösse soll es happige Bussen geben, möglicherweise sogar Punktabzüge oder Sperren, auch rückwirkend. Schliesslich geht es um die Kredibilität der Formel 1. Die Arbeit der Buchprüfer nicht einfacher macht es, dass sie es mit vielen Ausnahmeregelungen zu tun haben. Und mit Grauzonen, in denen Kostenstellen hin- und hergeschoben werden können, da mehrere Teams rechtlich in unterschiedliche Firmen aufgeteilt sind.

Britische Medien frohlocken bereits – bei Red Bull fühlt man sich diffamiert

Sollten die Inspektoren Unregelmässigkeiten aufdecken, wird ein unabhängiges Finanzgericht tagen. Im Fahrerlager aber werden schon Urteile gefällt, und es wird als offenes Geheimnis angesehen, dass der kleine Sünder Aston Martin und der grosse Red Bull Racing heisst. Die geschickt verpackten Anschuldigungen bergen reichlich Gesprächs- und Zündstoff. Schon frohlocken britische Medien, dass eine drakonische Strafe die späte Umkehrung der WM-Entscheidung zur Folge hätte, dass Lewis Hamilton anstelle von Max Verstappen zum letztjährigen Weltmeister ausgerufen werden könnte. Die vergangene Saison war mit einem sportlichen Skandal zu Ende gegangen, indem Hamilton durch einen Entscheid der Rennleitung um den achten WM-Titel gebracht worden war und Verstappen profitierte.

So weit ist es noch lange nicht, dass das WM-Schlussklassement korrigiert wird, aber die alten Feindschaften brechen bereits wieder auf. Das Misstrauen ist zurück in der Formel 1. Der Red-Bull-Statthalter Christian Horner zeigt sich verbittert über die Anschuldigungen und darüber, dass Ferrari und McLaren Informationen durchgestochen hätten. Den Gegenspielern geht es auch darum, dass ein überzogenes Budget 2021 einen Vorteil über drei Rennjahre hinweg bringen kann, der Vorwurf lautet auf Wettbewerbsverzerrung.

Ein paar Millionen mehr oder weniger können Rundenzeiten und Saisonverlauf entscheidend beeinflussen. Insider vergleichen die Verstösse mit Doping in anderen Sportarten. Horner wehrt sich gegen Rufschädigungen, fühlt sich diffamiert. Er beteuert, Red Bull habe zu hundert Prozent die Bestimmungen eingehalten. Gewisse neue Regeln fördern die Vernunft – aber die Atmosphäre in der Formel 1 ist vergiftet wie eh und je.

Singapur. Grand Prix von Singapur (59 Runden à 5,063 km / 298,717 km): 1.* Sergio Pérez (MEX), Red Bull-Honda, 2:02:20,238 (146,537 km/h). 2. Charles Leclerc (MON), Ferrari, 2,595 zurück. 3. Carlos Sainz (ESP), Ferrari, 10,305. 4. Lando Norris (GBR), McLaren-Mercedes, 21,133. 5. Daniel Ricciardo (AUS), McLaren-Mercedes, 53,282. 6. Lance Stroll (CAN), Aston Martin-Mercedes, 56,330. 7. Max Verstappen (NED), Red Bull-Honda, 58,825. 8. Sebastian Vettel (GER), Aston Martin-Mercedes, 60,032. 9. Lewis Hamilton (GBR), Mercedes, 61,515. 10. Pierre Gasly (FRA), AlphaTauri-Honda, 69,676. 11. Valtteri Bottas (FIN), Alfa Romeo-Ferrari, 87,844. 12. Kevin Magnussen (DEN), Haas-Ferrari, 92,610 13. eine Runde zurück: Mick Schumacher (GER), Haas-Ferrari. 14. zwei Runden zurück: George Russell (GBR), Mercedes. – * Zuschlag 5 Sekunden auf Fahrzeit (Missachten des Höchstabstands vom Safety-Car). – 20 Fahrer gestartet, 14 klassiert und am Ziel. – Schnellste Runde: Russell (54.) mit 1:46,458 (171,211 km/h).

Ausfälle. Zhou Guanyu (CHN), Alfa Romeo-Ferrari (6. Runde / 19. Platz): defekte Radaufhängung nach Kollision mit Latifi. Nicholas Latifi (CAN), Williams-Mercedes (7./18.): Reifenschaden nach Kollision mit Zhou. Fernando Alonso (ESP), Alpine-Renault (20./6.): Motor. Alexander Albon (THA), Williams-Mercedes (25./17.): Unfall. Esteban Ocon (FRA), Alpine-Renault (26./12.): Motor. Yuki Tsunoda (JPN), AlphaTauri-Honda (34./12.): Unfall.

WM-Stand (17/22 plus Sprints in Imola und Spielberg). Fahrer: 1. Verstappen 341 (5)*. 2. Leclerc 237 (3)*. 3. Pérez 235 (3)*. 4. Russell 203. 5. Sainz 202 (2)*. 6. Hamilton 170 (2)*. 7. Norris 100 (1)*. 8. Ocon 66. 9. Alonso 59. 10. Bottas 46. 11. Ricciardo 29. 12. Vettel 24. 13. Gasly 23. 14. Magnussen 22. 15. Stroll 13. 16. Schumacher 12. 17. Tsunoda 11. 18. Zhou 6. 19. Albon 4. 20. Nyck De Vries (NED) 2. – * 1 Zusatzpunkt für die schnellste Runde in den Grand Prix (bei Klassierung in den ersten zehn).

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