
NZZ Live
Mehr als Fachwissen: Was junge Menschen wirklich stark macht
An einer Veranstaltung von «NZZ Live» in Zürich wurde darüber diskutiert, welche Fähigkeiten junge Menschen brauchen, um in der Welt von morgen zu bestehen. Bei der Wunschschlüsselkompetenz gehen die Meinungen der vier Bildungsexperten auseinander.

Der Moderator mit den Teilnehmenden an der Veranstaltung von «NZZ Live» (von links nach rechts): Andri Rostetter (NZZ), Dagmar Rösler (Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz), Eva Pauline Bossow (Unternehmerin und Strategin), Andreas Schleicher (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD), Alexandra Cloots (OST – Ostschweizer Fachhochschule).
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Die Debatte über die Schule von morgen kreist oft um neue Technologien, künstliche Intelligenz (KI) und den Wandel der Arbeitswelt. Dahinter steht jedoch eine grundlegendere Frage: Welche Fähigkeiten brauchen junge Menschen, um sich in einer komplexen, unsicheren und sich rasch verändernden Welt zu behaupten? Fachwissen bleibt wichtig, doch es genügt immer weniger, bloss Inhalte zu reproduzieren. Gefragt sind vielmehr Urteilsfähigkeit, Anpassungsfähigkeit, Selbstvertrauen, Resilienz und die Fähigkeit, mit anderen zusammenzuarbeiten. Bildung wird damit zu weit mehr als der Vermittlung von Stoff: Sie soll Orientierung geben, Interesse wecken und junge Menschen befähigen, ihren Platz in einer Zukunft zu finden, die sich erst im Entstehen befindet.
Zwischen Schule, Gesellschaft und Arbeitswelt
An einer «NZZ Live»-Veranstaltung am 18. März 2026 in Zürich hat Andri Rostetter, stellvertretender Ressortleiter Inland der NZZ, mit drei Expertinnen und einem Experten über das Thema «Welche Kompetenzen brauchen junge Menschen für die Welt von morgen?» diskutiert: Eva Pauline Bossow, Unternehmerin und Strategin für zukunftsfähige Arbeit und Organisation, Alexandra Cloots, Leiterin des Unternehmensnetzwerks HR-Panel New Work an der OST – Ostschweizer Fachhochschule, Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, und Andreas Schleicher, Direktor für Bildung und Kompetenzen bei der OECD. Unterstützt wurde das Debattenformat von Presenting Partner wirtschaftsbildung.ch, einem Verein mit Sitz in Zürich, der bei Jugendlichen Verständnis und Interesse für wirtschaftliche Zusammenhänge fördert (siehe Infobox unten).
Schon der Einstieg in die Diskussion zeigte, wie unterschiedlich sich die Frage nach der Wunschschlüsselkompetenz im Alter von 18 Jahren beantworten lässt. Andreas Schleicher sagte, er wünsche sich rückblickend vor allem die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. Eva Pauline Bossow nannte die Kompetenz, zu wissen, wie man lernt. Alexandra Cloots hob den Umgang mit Unsicherheiten hervor, während Dagmar Rösler das kritische Denken ins Zentrum rückte.
Erfahrungsräume, um Neues auszuprobieren
Eva Pauline Bossow machte klar, dass eine starke Schule weiterhin das Fundament bildet. Lesen, Schreiben und Rechnen verlören keineswegs an Bedeutung. «Die Schule darf aber nicht isoliert funktionieren, sondern sie muss mit Unternehmen, Forschungsinstitutionen und dem unmittelbaren Lebensumfeld der Kinder vernetzt sein.» Überfachliche Kompetenzen wie Neugier, Zuversicht, Resilienz und Selbstwirksamkeit entstünden nicht nur im Unterricht, diese Fähigkeiten müssten ebenso im Elternhaus und in ausserschulischen Lernorten gefördert werden, sagte sie. Alexandra Cloots knüpfte daran an und erklärte, junge Menschen bräuchten Erfahrungsräume. Gemeint seien Situationen, in denen sie Neues ausprobieren, sich orientieren und mit Veränderungen umgehen müssten, etwa eine Präsentation vor der Klasse oder eine bewusst veränderte Sitzordnung. Für Andreas Schleicher dürfen Schülerinnen und Schüler nicht zu reinen Konsumenten von Lerninhalten gemacht werden.
Besonders anschaulich wurde die Diskussion, als Andreas Schleicher von einem Kindergarten in Estland erzählte, in dem die Kleinen im Wald Feuer machten, Käfer suchten und dabei lernten, mit Risiko umzugehen. «In Deutschland würden in einer solchen Situation wohl 13 Polizisten und Feuerwehrleute bereitstehen.» Alexandra Cloots griff diesen Gedanken auf und berichtete, dass Kinder in einem konkreten Fall mit der Schule einmal pro Woche im Wald den Umgang mit dem Sackmesser lernten – etwa beim Schnitzen oder Sägen.
Gerade solche Erfahrungen seien prägend, weil Kinder und Jugendliche in einem geschützten Rahmen erlebten, was Selbständigkeit bedeute. Dagmar Rösler ergänzte, man müsse jungen Menschen wieder mehr zutrauen. Fehler dürften nicht als Makel gelten. «Im Gegenteil: Sie müssen Fehler machen», sagte sie. Andreas Schleicher stimmte zu und betonte, Scheitern sei ein Weg des Wachstums. «Viele Kinder werden heute eher unterfordert als überfordert, weil ihnen zu viel vorgegeben wird und zu wenig echte Verantwortung bleibt.»
Den Umgang mit der KI lernen
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion bildete die künstliche Intelligenz. Alexandra Cloots schilderte, wie schnell Studierende heute Antworten aus Sprachmodellen bezögen und wie wichtig es sei, die Geräte auch einmal bewusst wegzulegen. Man müsse lernen, mit diesen Werkzeugen umzugehen, aber ebenso, wann man sie gerade nicht benutze. Andreas Schleicher sah in der KI nicht nur eine Bedrohung, sondern auch eine Chance zur Selbstvergewisserung. «Die grosse Gefahr ist nicht, dass die KI zu Menschen wird. Die grosse Gefahr ist, dass wir Fähigkeiten aufgeben, um ähnlicher zu werden wie die KI», führte er aus. Eva Pauline Bossow ergänzte, zur Zukunftsfähigkeit gehöre deshalb auch mentale Gesundheit. Junge Menschen müssten Selbstwirksamkeit erleben und dürften sich gegenüber technologischen Systemen nicht als unterlegen empfinden. Dagmar Rösler hielt dagegen, man dürfe bei aller Sorge die Stärken der jungen Generation nicht übersehen. Viele Jugendliche seien selbstsicher, kommunikativ und präsentationsstark. «Ich finde es bedenklich, wenn pauschal über die Defizite der Generation Z gesprochen wird.»
Breiten Raum nahm auch die Frage ein, welche Rolle soziale Kompetenzen künftig spielen. Für Eva Pauline Bossow ist klar, dass Empathie und Beziehungsfähigkeit zu den entscheidenden Zukunftskompetenzen zählen. Erfolgreiche Zusammenarbeit setze interpersonelle Fähigkeiten voraus, gerade in einer Arbeitswelt, in der Routineaufgaben zunehmend automatisiert würden. Alexandra Cloots argumentierte ähnlich und sagte, dort, wo Maschinen Tätigkeiten übernähmen, bleibe umso mehr Arbeit mit Menschen zurück: in Beratung, Pflege, Kommunikation und Zusammenarbeit. Dagmar Rösler gab zu bedenken, Empathie sei doch eigentlich angeboren und keine schulische Disziplin, doch die Schule bleibe ein zentraler Ort, um Zusammenleben, Rücksichtnahme und Diskussion zu lernen. Andreas Schleicher wiederum verwies darauf, dass Empathie gerade für Kinder durchaus eine erlernbare Kompetenz sei. «Wo Schule Teamarbeit, gemeinsames Lernen und Verantwortung für die Gruppe ernst nimmt, wird – wie etwa in Portugal und Japan – nicht nur das soziale Lernen gestärkt, sondern häufig auch die fachliche Leistung.»
Grundkompetenzen bleiben wichtig
Das Podium war sich darin einig, dass Grundkompetenzen nicht entwertet werden dürfen. Andreas Schleicher sagte, mathematisches und naturwissenschaftliches Denken blieben entscheidend, nicht nur für einzelne Berufe, sondern für das Verständnis der Welt. Wer exponentielle Entwicklungen nicht nachvollziehen könne, werde etwa auch zentrale Fragen rund um den Klimawandel schlechter erfassen. Dagmar Rösler hielt fest, Lesen, Rechnen und Schreiben seien unverzichtbar, auch wenn man über neue Lernformen diskutiere. Alexandra Cloots erklärte, Fachwissen bleibe notwendig, um Ergebnisse von Sprachmodellen überhaupt einordnen zu können. Und Eva Pauline Bossow verwies darauf, dass auch in zukunftsträchtigen Branchen wie Engineering, Materialwissenschaften oder Pharmazeutik Expertise weiterhin gefragt sei.
Zum Schluss verdichtete sich die Diskussion zu einer gemeinsamen Erkenntnis: Zukunft lässt sich nicht planen, aber junge Menschen können auf sie vorbereitet werden. Eva Pauline Bossow plädierte für mehr Selbstwirksamkeit, mehr Vertrauen in die Lernfähigkeit junger Menschen und dafür, mehr Zuversicht und Freude auf die Zukunft zu wecken. Alexandra Cloots sagte, es brauche Orientierungsrahmen, aber auch Offenheit für das, was noch kommt. Dagmar Rösler betonte, dass man den Kindern wieder mehr zutrauen und ihnen nicht alle Schwierigkeiten im Voraus aus dem Weg räumen sollte. Andreas Schleicher schliesslich forderte mehr Tiefe statt immer mehr Stoff und mehr Mut, den Kindern Verantwortung zu übertragen.
Die nächsten Veranstaltungen von «NZZ Live»

«Welche Kompetenzen brauchen junge Menschen für die Welt von morgen?»: Aufmerksames Publikum während der Veranstaltung von «NZZ Live».
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wirtschaftsbildung.ch lässt junge Menschen Wirtschaft erleben und fördert so Neugierde und Verständnis gegenüber wirtschaftlichen Zusammenhängen und dem Zusammenspiel von Wirtschaft und Gesellschaft. So trägt der Verein dazu bei, dass die wirtschaftspolitische Meinungsbildung der Schweizer Bevölkerung kompetent und faktenbasiert erfolgt. wirtschaftsbildung.ch will als Dialogplattform den Diskurs über eine zeitgemässe Wirtschaftsbildung intensivieren und dabei die eigene fachliche Expertise an der Schnittstelle von Pädagogik und wirtschaftlicher Praxis aktiv einbringen.
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