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Ein Leben für die Honda Gold Wing – auf den Schwingen des Adlers

Seit fünfzig Jahren baut Honda die Gold Wing, seit über vierzig Jahren fährt Reiner Schwarzkopf das grosse Touring-Motorrad aus Japan.

Fabian Hoberg
5 Leseminuten

Reiner Schwarzkopf fährt nicht nur die moderne Honda Gold Wing GL 1800, sondern auch drei frühere Versionen.

PD

Enge Schnürlederhose, enge Lederweste, gestutzter Kinnbart. Wenn Reiner Schwarzkopf auf seine Honda Gold Wing steigt, kleidet er sich standesgemäss. Nicht, weil er muss, sondern weil er will. Der 66-Jährige fährt seit mehr als vierzig Jahren Honda Gold Wing, seit über zehn Jahren bekleidet er zudem die Position des Präsidenten des Gold-Wing-Clubs Deutschland (GWCD). Ein Mann, der das Modell in- und auswendig kennt.

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Denn Reiner – Motorradfahrer duzen sich – besitzt vier Gold Wings, eine frühe GL 1000 von 1978, eine GL 1500, eine GL 1100 DX und eine GL 1800 SC79. Typisch für die Gold Wing ist der Antrieb über eine Kardanwelle statt einer Kette. «Ich wollte nie ein Motorrad mit Kettenantrieb fahren, das macht zu viel Arbeit und zu viel Schmiererei», sagt der ausgebildete Maschinenbautechniker aus Linsengericht in Hessen. Als erstes Motorrad wählt er 1983 daher eine Honda CX 500 mit 50 PS.

Schon nach zwei Jahren sehnt sich Reiner aber nach einem schnelleren und vor allem komfortableren Tourenmotorrad – und wird bei einer Gold Wing GL 1100 DX von 1982 fündig. «Die 1100er mit 83 PS hat mehr Leistung und bietet mit Verkleidung und Koffer entspanntes Reisen», erklärt Reiner.

Nach zwei Jahren baut er seine Maschine zum Seitenwagengespann um, um Platz für Tochter und Frau zu haben. Denn in den Camping-Urlaub geht es immer mit dem Motorrad – quer durch Europa. Irgendwann werden die Zelte grösser, und ein Anhänger kommt hinzu. Mehr Zuladung geht nicht. Bis zum 16. Lebensjahr fährt die Tochter mit im Beiwagen.

Mit der Gold Wing 1100 DX ging Schwarzkopf auf Camping-Reisen.

PD

2000 steigt die Sehnsucht nach einer Solo-Maschine, und Reiner kauft sich eine GL 1500 – den ersten Sechszylinder in der Gold-Wing-Serie. Mit dieser absolviert er in den nächsten Jahren etliche Fahrten, fährt bis zu 30 000 Kilometer im Jahr mit seinen Maschinen. Als Hobby. Im Laufe der Jahre kommen ein paar Gold Wings hinzu, ein paar gehen wieder. 2018 kauft er sich eine GL 1800 SC79, weil er sich vom Automatikgetriebe noch mehr Komfort beim Reisen verspricht.

2017 kommt die GL 1000 K3 hinzu, aus Erstbesitz mit nur 30 000 Kilometer Laufleistung – eine echte Rarität und nun seine Maschine für die kurze Fahrt in die Stadt. Seine 1500er GL hat 190 000 Kilometer auf der Uhr, das Gespann sogar 280 000 Kilometer. Natürlich individualisiert Reiner im Laufe der Jahre seine Maschinen, ändert Sitzbank, Verkleidung und spendiert ihnen jede Menge Chrom und Zusatzlichter. Wartung und Reparaturen bei den historischen Modellen führt er selbst aus, bei Problemen und den neuen Modellen fährt er zum Spezialisten für diese Maschine, dem «Goldwing-Fuchs» in Uslar.

Warum Gold Wing? «Ohne geht bei mir nicht, das Konzept und die Maschinen überzeugen mich immer noch», sagt er. So sehr, dass er 1990 in den Gold-Wing-Club eintritt und 2009 in den Vorstand aufrückt. Ein Überzeugungstäter. Zwischen April und Mitte Oktober ist Reiner fast jedes zweite Wochenende für den Klub unterwegs. Dazwischen produziert er die Klubzeitung und organisiert sechs bis acht Treffen, darunter eine meist zweiwöchige Ausfahrt.

«Viele Gold-Wing-Fahrer lieben neben dem Motorradfahren die Gemeinschaft, das Feiern, das Campen und stressfreies Touren in grossen Gruppen. Unser Klub bietet dafür den idealen Rahmen», sagt Reiner. Rund 450 Mitglieder sind derzeit im GWCD – mit Mitgliedern in Belgien, Österreich, Kroatien, den Niederlanden, Italien und der Schweiz –, treffen sich auch mit anderen Klubs. Tendenz steigend, auch wenn Motorradfahren seit ein paar Jahren nicht mehr so viele Menschen begeistert. Damit sorgt die Honda Gold Wing für eine ähnliche Gemeinschaft wie die amerikanische Marke Harley-Davidson – nur eben mit einem Modell statt einer Marke.

Mit der Gold Wing setzt Honda 1975 Massstäbe

Honda präsentiert 1975 die erste Gold Wing, die GL 1000, und setzt damit neue Massstäbe im Tourenmotorradbau. Der flüssigkeitsgekühlte Vierzylinder-Boxermotor mit Kardanantrieb gilt damals als technische Sensation und macht die Maschine schnell zum Liebling von Langstreckenfahrern – vor allem in den USA, wo rund 80 Prozent der Produktion landen. In den 1980er Jahren wächst die Gold Wing mit den Modellen GL 1100 und GL 1200 weiter, erhält mehr Komfort, grössere Verkleidungen und erstmals ein integriertes Audiosystem. 1988 folgt der grosse Umbruch: Die GL 1500 kommt mit Sechszylindermotor, Rückwärtsgang und einer Ausstattung, die ihr den Ruf als «Luxusliner auf zwei Rädern» sichert.

2001 bringt Honda die GL 1800 auf den Markt, baut erstmals einen Aluminiumrahmen ein, steigert Leistung und Fahrpräzision und ergänzt moderne Sicherheitssysteme wie ABS. 2006 sorgt die Gold Wing als erstes Serienmotorrad weltweit mit Airbag für mehr Sicherheit. 2018 folgt die umfassend überarbeitete GL 1800: leichter, kompakter, mit Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe (DCT), elektronischen Fahrmodi, Infotainment und noch mehr Reisekomfort.

Auf Testfahrt mit der jüngsten Modellgeneration

Der Motor erwacht mit einem tiefen, warmen Klang. Unter dem Fahrer wartet ein 1,8-Liter-Sechszylinder-Boxer, der seine Kraft wie eine sanfte Welle entfaltet. Kaum rollt die Gold Wing Bagger vom Platz, spürt die Maschine den Takt der Strasse. Geschmeidig, ohne Hast, doch jederzeit bereit, in souveräne Beschleunigung überzugehen. Bagger sind grosse, komfortable Reisemotorräder mit viel Stauraum.

Klassisch und souverän zeigt sich auch das Design. Die Linie fliesst vom markanten Bug bis zum schlanken Heck mit integrierten Koffern, die den Touring-Charakter unterstreichen. Das reduzierte Bagger-Design mit der automatisch ausfahrbaren Windschutzscheibe legt den Blick frei auf die vorbeiziehende Landschaft. Mattschwarze Lackflächen treffen auf dezente Chromdetails – ein Auftritt, der Kraft ausstrahlt, ohne laut zu sein.

Die Gold Wing Bagger gleitet über den Asphalt, als würde sie ihn lesen. Die Doppelquerlenker-Vorderradaufhängung filtert Unebenheiten heraus, bevor sie den Fahrer erreichen. Jede Kurve nimmt sie mit ruhiger Präzision – kein Wanken, kein Rucken. Der lange Radstand sorgt für Spurtreue, die breite Front vermittelt Sicherheit. Ein Dreh am Gasgriff, und der Sechszylinder antwortet mit einem gleichmässigen, tiefen Ton. Bei 2500 Touren liegen 120 km/h an, bei 3000 Touren 130 km/h. So geht gleiten.

Die Beschleunigung setzt unmittelbar ein, nicht explosiv, sondern wie ein stetiger, kräftiger Schub, der das Motorrad mühelos auf Reisegeschwindigkeit trägt. Die Siebengang-Doppelkupplungs-Automatik wechselt die Gänge dafür etwas laut und schlagartig. Fahrmodi wie «Tour», «Sport», «Rain» oder «Econ» verändern auf Knopfdruck das Wesen der Maschine – von gelassenem Langstreckengleiter bis zu dynamischem Kurvenfreund. «Tour» zeigt sich für eine entspannte Reise am ausgewogensten.

Elektronische Helfer wie Traktionskontrolle, Berganfahrhilfe und ABS arbeiten im Hintergrund, ohne das Fahrgefühl zu verfälschen. Im Cockpit liefert ein 7-Zoll-TFT-Display mit klaren Farben Navigation, Musik und Kommunikation, kabellos verbunden über Apple Carplay oder Android Auto. Auf der Autobahn hält ein Tempomat die eingestellte Geschwindigkeit.

Der breite Sitz ist für viele Stunden im Sattel geschaffen, die Griff- und Sitzheizung sorgt selbst an kühlen Tagen für Wohlfühlatmosphäre. In den seitlichen Koffern findet reichlich Gepäck Platz, wettergeschützt und leicht zugänglich. Musik aus den integrierten Lautsprechern begleitet die Fahrt, ohne den Motorensound zu übertönen. An jeder Ampel, auf jedem Parkplatz zieht die Bagger Blicke an.

Nicht nur bei Reiner. Am liebsten fährt er zwar mit der GL 1500, weil sie den meisten Komfort bietet. Bei der GL 1800 schätzt Reiner neben dem Doppelkupplungsgetriebe die schmalere und kürzere Karosserie, dazu die Laufruhe und das ausgewogene, verstellbare Fahrwerk. Über fünf Jahrzehnte bleibt die Gold Wing ein Synonym für souveränes, stilvolles Reisen – und 2025 feiert sie als zeitlose Ikone ihr 50-Jahr-Jubiläum.

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