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In Rakka wächst die Unzufriedenheit – und die IS-Nostalgie

In Rakka wächst die Unzufriedenheit – und die IS-Nostalgie

Vor rund einem halben Jahr hatten die Bewohner der Stadt im Nordosten Syriens die neue Regierung noch als Befreier von den Kurden gefeiert. Doch in der einstigen Hauptstadt des sogenannten Islamischen Staats ist die Euphorie verpufft.

Rewert Hoffer (Text), Alice Martins (Bilder), Rakka
7 Leseminuten

Im Zentrum von Rakka, wo einst der sogenannte Islamische Staat (IS) die Köpfe seiner Feinde auf einem Zaun aufgespiesst hatte, weht jetzt die Flagge des neuen Syrien im warmen Frühsommerwind. Denn der Nordosten Syriens wird erst seit rund einem halben Jahr von der Regierung in Damaskus unter Präsident Ahmed al-Sharaa kontrolliert.

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Die beiden Schreiner Ali und Mazen al-Gatea sind darüber allerdings nicht glücklich. «Als die Regierung hierherkam, dachten wir, dass alles besser wird», sagt Ali al-Gatea, der vor der kleinen Werkstatt der Brüder im Zentrum der ehemaligen Hauptstadt des IS steht. Bis vor einem halben Jahr wurde Rakka von den Syrian Democratic Forces (SDF), der Kurdenmiliz, kontrolliert. Als Ahmed al-Sharaas Truppen sie vertrieben, feierten die mehrheitlich arabischen Einwohner der Stadt. Aus ihrer Sicht ging endlich eine unrechtmässige kurdische Besetzung zu Ende.

Die Hoffnung der Brüder Gatea wurde jedoch schnell enttäuscht. Der Grund für ihre Wut: die rasant gestiegenen Preise. Seitdem die Regierung die Macht übernommen hat, verschlingen allein die Kosten für Strom, Benzin und Brot mehr als ein durchschnittliches Monatseinkommen in Rakka. «Als die SDF die Kontrolle hatten, waren wenigstens die Preise stabil», sagt Mazen al-Gatea.

Die Brüder Mazen (links) und Ali al-Gatea besitzen eine Schreinerei in Rakka: Von der syrischen Regierung sind sie enttäuscht.

Ein Mann sortiert Brotfladen auf dem Heck seines Autos in Rakka. Seit die neue syrische Regierung die Macht im Nordosten übernommen hat, sind die Preise fast aller Waren gestiegen.

«Viel besser» sei es unter dem IS gewesen

«Auch das Leben war unter dem IS besser, es gab mehr Arbeit», fügt der ältere Bruder hinzu, an dessen Hemd noch feine Sägespäne haften. Zwischen 2014 und 2017 kontrollierten die fanatischen Islamisten die Stadt, bevor die Kurden sie mit amerikanischer Luftunterstützung verjagten. Schnell bildet sich eine Menschentraube um die Brüder. Sie sprechen vielen hier in Rakka aus der Seele. Einigen geht Mazen mit seiner Feststellung nicht weit genug: Viel besser sei es unter dem IS gewesen, ruft ein Mann aus der Menge.

In Syrien brodelt es – vor allem im fernen Nordosten des Landes. Denn immerhin hielten die sozialistisch angehauchten Kurden durch Subventionen die Lebenshaltungskosten niedrig. Ahmed al-Sharaa verfolgt hingegen eine andere Wirtschaftspolitik: Er will, dass der Markt eine grössere Rolle spielt, und hat die staatlichen Hilfen weitgehend gestrichen.

Was die Schocktherapie in Kombination mit weltweiter Inflation bedeutet, lässt sich am Stadtrand von Rakka beobachten. Vor einer Bäckerei an einer Seitenstrasse stehen rund ein Dutzend Menschen zwischen Plastikmüll und Haushaltsabfällen Schlange.

Der Pensionär Ahmed Kurdi hat gerade einige Fladen ergattert. «Sie haben nicht nur die Preise erhöht, auch die Brotfladen sind kleiner geworden», sagt der 62-Jährige schimpfend. Früher hat Kurdi in der Wasserschutzbehörde für den Euphrat gearbeitet. Seine Rente reiche jetzt nicht einmal, um seine Stromrechnung zu bezahlen. «Wenn sich nicht bald etwas an den Preisen ändert, wird es eine neue Revolution geben.»

Unter den Ärmsten in Rakka wächst der Frust schnell. Der Pensionär Ahmed Kurdi beschwört bereits eine neue Revolution.

Rakka wurde erst zur inoffiziellen Hauptstadt des IS und stand dann jahrelang unter kurdischer Kontrolle: Erstmals seit über zehn Jahren wird die Stadt wieder von der Zentralregierung in Damaskus regiert.

Nur die Sicherheitslage hat sich laut den Stadtbewohnern verbessert, seitdem die Regierung die Kontrolle in Rakka übernommen hat. Als die SDF Rakka noch beherrscht hatten, seien Diebstähle und Einbrüche an der Tagesordnung gewesen.

Zumindest im öffentlichen Raum ist der neue Staat in Rakka präsent. Auf dem Markt stehen alle paar Meter junge bärtige Männer in zusammengewürfelten Uniformen mit alten Sturmgewehren – die Sicherheitskräfte des neuen Syrien. Dazwischen drängen sich in der Mittagshitze Männer in langen Jallabiya, dem traditionellen arabischen Gewand, und voll verschleierte Frauen.

Gute Geschäfte mit den Jihadisten

Neben den Ständen für Gewürze, Süssigkeiten und Kleidung hat Hussein al-Lami seinen kleinen Laden, in dem er Goldschmuck und Uhren verkauft. Für den 47-Jährigen war die Herrschaft des IS im wahrsten Sinne des Wortes eine goldene Zeit. «Damals habe ich täglich fast 2000 Dollar Umsatz gemacht, jetzt sind es nur rund 200.»

Der Goldschmied Hussein al-Lami hatte sich mit den Jihadisten des IS arrangiert – trotzdem glaubt er an Ahmed al-Sharaa.

Ein Gemüsestand in Rakka: Alle Produkte sind teurer geworden, seit Syriens Regierung die Macht im Nordosten übernommen hat.

Viele ausländische Jihadisten, die damals dem Ruf des Kalifats gefolgt seien, hätten Gold mitgebracht, erzählt er mit leuchtenden Augen und ausladenden Handbewegungen. Ihren Schmuck verkauften viele dann zu guten Preisen in dem kleinen, holzvertäfelten Laden von Hussein al-Lami.

Zu Beginn, als die Ausländer mit den vermummten Gesichtern und den Waffen in die Stadt gekommen seien, hätten viele Menschen in Rakka Angst gehabt, erzählt der Goldschmied. «Die IS-Kämpfer haben angefangen, Menschen öffentlich zu köpfen», so erinnert sich Lami.

Doch nach dem ersten Blutbad sei allen Bewohnern von Rakka klar gewesen, wie sie sich zu verhalten hätten: «Du musstest ehrlich sein und das islamische Recht befolgen», erklärt Lami. Wer sich daran gehalten habe, dem hätten die fanatischen Gotteskrieger nichts getan, meint er. «Die Menschen hatten Angst, aber jeder hat sich gut verhalten.» Niemand habe es gewagt, die Stimme zu erheben.

Zwar kommen immer wieder Kunden in den kleinen Schmuckladen von Hussein al-Lami, um goldene Ohrringe oder einen Verlobungsring zu kaufen. Doch die finanzielle Lage sei sehr schlecht, sagt er, während er den kleinen Raum mit dem Rauch seiner dünnen Zigarette füllt: «Wenn die Leute kaum noch genug Geld für Essen haben, dann werden sie erst recht kein Gold kaufen.» Der Goldschmied muss für insgesamt zwölf Kinder aufkommen, die er mit seinen zwei Ehefrauen hat.

Dass sich die Menschen trotz der Nostalgie für den IS wieder den Extremisten zuwenden, hält Hussein al-Lami jedoch für ausgeschlossen. Man müsse nur Geduld haben, bald würden die von Sharaa versprochenen Investitionen in das zerstörte Syrien fliessen. «Die Effekte davon werden wir erst in drei bis fünf Jahren sehen.» Hussein al-Lami könne so lange warten. Wie als Beweis für seine Zuversicht erwähnt er kurz vor der Verabschiedung noch, dass er derzeit gemeinsam mit seinen zwei Frauen nach einer dritten Ehefrau suche. «Ich möchte noch mehr Kinder haben.»

Verhaftet vom IS und von der Kurdenmiliz

Es ist Abend geworden in Rakka. Langsam geht die Sonne über dem Euphrat unter. Viele junge Männer sind zur staubigen Schotterstrasse am Fluss gekommen, ihre Autos haben sie im Wasser parkiert, um sie so zu waschen. Einen öffentlichen Personenverkehr gibt es in Rakka kaum, fast jeder ist auf sein eigenes Auto angewiesen. Bei einem kleinen Café am Fluss hat sich Abud Hammam auf einem Plastikstuhl niedergelassen.

Hammam hat alles aus nächster Nähe erlebt. Noch zu Asad-Zeiten arbeitete der Fotograf für die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana. Nachdem Rakka im Jahr 2013 als erste Provinzhauptstadt Syriens an die Rebellen gefallen war, schlug er sich in seine Heimatstadt durch und dokumentierte dort die Revolution. Als der IS im Folgejahr die Kontrolle übernahm, blieb Abud Hammam – und arbeitete weiter als Fotograf.

«Es war schwierig damals», erzählt der 61-Jährige, während er versucht, die Mückenschwärme mit einer Handbewegung zu vertreiben. Die notorisch paranoiden Islamisten hätten jeden Journalisten für einen Spion gehalten, er habe nur durch persönliche Kontakte zur lokalen IS-Führung überlebt. Im Jahr 2016 wurde es dann zu gefährlich. Nachdem Hammam einmal vom IS verhaftet worden war, erhielt er von einem Mitglied der Terrorgruppe einen Hinweis: «Es ist besser, wenn du gehst.»

Abud Hammam floh nach Idlib und dann weiter in die Türkei, kehrte nach der Schlacht um Rakka im Jahr 2017 zurück und fotografierte weiter, als die Kurden die Kontrolle über die Stadt übernommen hatten. Zweimal wurde der Journalist von den SDF verhaftet, kam aber beide Male frei. Heute leitet Hammam die Medienabteilung der Stadt Rakka, will aber explizit nur als Privatmann zitiert werden.

Der Fotograf Abud Hammam wurde vom IS und von der Kurdenmiliz SDF in Rakka verhaftet – jetzt ist er zurückgekehrt, um für die Stadt zu arbeiten.

Ein Junge lotst sein Pferd durch den Euphrat in Rakka.

Der IS hat der Regierung schon den Krieg erklärt

Die Unzufriedenheit sei normal, so Hammam. «Die Menschen hier schauen nicht als Erstes auf die politische Agenda einer Regierung», sagt der Fotograf. «Ihnen ist ihre eigene wirtschaftliche Lage am wichtigsten.» Die Wirtschaftslage sei zu Zeiten des IS auch besser geworden, weil die Grenze nach Irak offen gewesen sei und der Handel floriert habe, fügt Hammam hinzu. Ausserdem dürfe man nicht vergessen, dass die Bewohner der Stadt zum ersten Mal seit vielen Jahren frei ihre Meinung sagen könnten. Sie protestierten gegen vieles, weil das weder unter dem IS noch unter kurdischer Kontrolle möglich gewesen sei.

Hammam plädiert für Geduld. Die Probleme in Rakka überstiegen die Möglichkeiten der noch jungen Regierung, meint er. Zu Zeiten der SDF sei Rakka von Drogen überschwemmt worden, vor allem Crystal Meth sei weit verbreitet gewesen. Es gebe immer noch viele Süchtige. Auch sei wegen der vielen Kämpfe und Machtwechsel das Bildungssystem zerstört. Zum ersten Mal seit 2013 werden die Schüler von Rakka in diesem Jahr eine syrische Abschlussprüfung ablegen. «Hier ist die ganze Gesellschaft kollabiert.»

Kaum eine andere syrische Stadt steht so sinnbildlich für die blutige und verworrene Vergangenheit des Landes wie Rakka. Und fast nirgendwo anders sind die Herausforderungen für Syriens neue Regierung so gross. Viel Zeit haben die Machthaber in Damaskus aber nicht, um die Probleme der Menschen im fernen Nordosten zu lösen. Der IS hat vor einigen Monaten geschworen, den «neuen Despoten» Ahmed al-Sharaa zu bekämpfen. Zumindest in Rakka können die IS-Jihadisten auf einige Sympathisanten zählen.

Einst enthaupteten die Jihadisten des IS öffentlich Menschen in Rakka. Jetzt gehören die Greueltaten der Vergangenheit an – doch die Herausforderungen in der syrischen Stadt sind enorm.

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