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Korea, Zypern, Nagorni Karabach: was die Ukraine aus eingefrorenen Konflikten lernen kann

Wenn die Waffen in der Ukraine endlich schweigen, wird der Konflikt nicht zu Ende sein. Statt Friede könnte ein prekärer Waffenstillstand die kommenden Jahrzehnte prägen, wie die Erfahrung aus anderen Kriegen zeigt.

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Soldaten einer Uno-Mission bewachen die Demarkationslinie («Green Line») zwischen Zypern und Nordzypern im September 1974.

Bettmann / Getty

Der Begriff stammt aus der Zeit nach dem Zerfall des sowjetischen Imperiums: «Eingefrorene Konflikte» nannte man die prekäre Lage zwischen Krieg und Frieden, die nach heftigen Kämpfen am Südrand der ehemaligen UdSSR zu Beginn der 1990er Jahre herrschte.

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Dort hatten vormals autonome Gebiete (Transnistrien in der Moldau, Nagorni Karabach in Aserbaidschan, Südossetien und Abchasien in Georgien), die den neuen unabhängigen Nationalstaaten misstrauten, ihre Eigenständigkeit erklärt. Sie wurden dabei von Russland unterstützt. Dank seinem Einfluss auf die Separatisten schwächte es die unabhängig gewordenen Staaten und versuchte sie so in seinem Einflussbereich zu halten. Der imperiale Instinkt des Kreml hatte nie aufgehört zu funktionieren.

Vom Krieg unterscheidet sich der eingefrorene Konflikt darin, dass es höchstens vereinzelt zu Gewaltausbrüchen kommt. Vom Frieden trennt ihn das Fehlen eines völkerrechtlichen Vertrags zwischen den beiden Seiten. Politikwissenschafter betonen, dass das Einfrieren eines Konflikts keinen stabilen Zustand schaffe. Der Konflikt kann auftauen und wieder ausbrechen. Zudem spielen in eingefrorenen Konflikten Drittstaaten meist eine wichtige Rolle: als «Patrons» einer Seite, als Verbündete oder als Vermittler.

Forscher der Universität Prag listen weltweit über vierzig eingefrorene Konflikte seit 1949 auf. Über einzelne Einträge mag man sich streiten, aber jedenfalls handelt es sich nicht nur um ein postsowjetisches Phänomen, sondern um einen globalen Konflikttyp.

Viele Beobachter rechnen damit, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine – der zwischen der Annexion der Krim 2014 und dem Grossangriff 2022 zeitweise einfror – ohne Sieger endet. Viel wahrscheinlicher ist, dass er entlang einer Waffenstillstandslinie eingefroren wird. Es lohnt sich deshalb, einen Blick auf drei ganz unterschiedliche eingefrorene Konflikte zu werfen. Daraus lassen sich Schlüsse für die Zukunft der Ukraine ziehen.

Nagorni Karabach: Strategische Geduld zahlt sich aus

Zu sowjetischen Zeiten war die mehrheitlich armenisch besiedelte Region Nagorni Karabach ein Autonomiegebiet auf dem Territorium der aserbaidschanischen Sowjetrepublik. Während des Zerfalls der Sowjetunion erklärte sie sich für unabhängig. Nagorni Karabach konnte sich militärisch mit armenischer Hilfe gegen die aserbaidschanischen Truppen behaupten und die Enklave sogar vergrössern. Zwischen den christlichen Armeniern und den muslimischen Aseri kam es zu Vertreibungen und Massakern. 1994 fror ein von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa vermittelter Waffenstillstand den Konflikt ein.

Aserbaidschan hatte faktisch Territorium verloren, aber die Unabhängigkeit Karabachs wurde international nicht anerkannt. Trotz Spannungen und gelegentlichen Scharmützeln hielt der Waffenstillstand ein Vierteljahrhundert. Russland spielte in jenen Jahren für beide Seiten eine wichtige Rolle, sie waren militärisch und teilweise wirtschaftlich stark von Moskau abhängig.

Doch die aserbaidschanische Führung wollte sich nicht mit der Lage abfinden. Sie setzte auf Zeit, wirtschaftlichen Fortschritt und Aufrüstung – sie übte sich in strategischer Geduld. Anders als im isolierten Binnenland Armenien kam der Aufschwung dank Erdgas- und Erdölexporten: Zwischen 1995 und 2022 wuchs die Wirtschaft um den Faktor 45 (Armenien: Faktor 15), die Militärausgaben stiegen auf das 29-Fache (in Armenien auf das 13-Fache).

Die Armee wurde mit israelischer und türkischer Hilfe modernisiert, unter anderem mit Kampfdrohnen. 2020 eroberte Aserbaidschan Teile des abtrünnigen Gebiets zurück. 2023 – Russland, die Schutzmacht der Armenier, war in der Ukraine gebunden – folgte der zweite Schlag. Der Rest von Nagorni Karabach wurde in kurzer Zeit eingenommen. Die armenische Niederlage war vollständig und verheerend. Die gesamte armenischstämmige Bevölkerung der Region floh oder wurde vertrieben. Auch wenn ein Friedensvertrag zwischen Aserbaidschan und Armenien noch aussteht, ist zumindest der Konflikt um Karabach entschieden.

Etwa 100 000 Armenier verlassen ihre Siedlungen in Nagorni Karabach nach der Rückeroberung der Enklave durch die aserbaidschanische Armee im September 2023.

Anatoly Maltsev / EPA

Zypern und die verpasste Chance der EU

1974 scheiterte ein Putsch nationalistischer Griechen auf Zypern, die die Insel mit dem Mutterland vereinigen wollten. Auf Zypern lebten damals wie heute etwa 80 Prozent griechischstämmige und 20 Prozent türkischstämmige Zyprioten.

Um die Vereinigung der Insel mit Griechenland zu verhindern, landeten im Juli 1974 türkische Truppen auf Zypern und besetzten den nördlichen Teil der Insel (37 Prozent). Es kam beidseits zu Vertreibungen. Seither leben Griechen und Türken weitgehend segregiert im Süden beziehungsweise im Norden, der Konflikt ist eingefroren.

In einem Waffenstillstandsabkommen wurde noch im gleichen Jahr eine Demarkationslinie («Green Line») gezogen, die von einer militärischen Uno-Mission überwacht wird. Nachdem Lösungsvorschläge verschiedener Staaten und der Uno gescheitert waren, rief das Parlament des besetzten Nordens im November 1983 die Türkische Republik Nordzypern aus.

In dem halben Jahrhundert seit der Teilung scheiterten verschiedene Anläufe für eine Wiedervereinigung. Am aussichtsreichsten war der Annan-Plan, benannt nach dem damaligen Uno-Generalsekretär. Entscheidend dafür war, dass in den 1990er Jahren gleichzeitig die ganze Insel eine reale Perspektive für einen EU-Beitritt hatte.

Die Kommission ging zu Recht davon aus, dass diese Aussicht in beiden Teilen der Insel die Kompromissbereitschaft verstärken würde. Der Plan Annans sah eine Konföderation vor (Vereinigte Republik Zypern), deren Konstituenten über grosse Autonomie verfügen sollten. Doch in Referenden in den beiden Landesteilen stimmten nur die Türkisch-Zyprioten dem Kompromiss zu (mit 65 Prozent). Der Süden lehnte klar ab (75 Prozent). Den meisten Griechisch-Zyprioten ging die Gleichberechtigung der bloss 20 Prozent zählenden Minderheit zu weit. Sie befürchteten den Einfluss von Ankara und politische Blockaden.

Für das Scheitern war entscheidend, dass das Beitrittsversprechen Brüssels in jedem Fall galt, sowohl für eine Wiedervereinigung als auch bloss für den Süden, die Republik Zypern. Seither hat Brüssel kaum mehr Einfluss auf die Beilegung des Konflikts. Gerade weil es weiterhin ruhig ist entlang der Pufferzone, haben sich die beiden Landesteile immer mehr verselbständigt. Die Teilung der Insel scheint auf lange Zeit zementiert.

Ein Beobachtungsposten der Uno-Truppe auf Zypern in der Pufferzone der geteilten Stadt Nikosia.

Petros Karadjias / AP

Korea: Die Atomwaffe verlängert die Eiszeit

Noch älter als jener auf Zypern ist der eingefrorene Konflikt auf der koreanischen Halbinsel. Dennoch ist die Lage dort fragiler als im östlichen Mittelmeer. Korea war jahrhundertelang ein einheitlicher politischer Raum gewesen, bis die Halbinsel 1910 von den Japanern annektiert wurde.

Nach der Kapitulation Tokios 1945 wurde das Land in eine sowjetische Besatzungszone im Norden und eine amerikanische im Süden aufgeteilt. Daraus wurden 1948 zwei Staaten, die sich im beginnenden Kalten Krieg in den gegnerischen Lagern befanden: die kommunistische Demokratische Volksrepublik Nordkorea und die autoritär geführte, proamerikanische Republik Korea (Südkorea).

Im Juni 1950 griff Nordkorea den Süden an, um die Wiedervereinigung zu erzwingen. Eine Koalitionsarmee, angeführt von den USA und legitimiert durch ein Uno-Mandat, setzte sich zur Wehr. Der Krieg forderte drei bis vier Millionen Todesopfer und endete 1953 mit einem Waffenstillstand – am Ausgangsort der Kämpfe, dem 38. Breitengrad.

Entlang dieser Linie wurde eine Pufferzone von 250 Kilometern Länge und 4 Kilometern Breite eingerichtet. Der Waffenstillstand wurde von den USA, China und Nordkorea unterzeichnet, Südkorea verweigerte die Unterschrift, da es die Teilung ablehnte. Es hat seitdem amerikanische Truppen auf seinem Territorium stationiert und schloss 1953 ein Beistandsabkommen mit Washington.

Nur schon dieser Waffenstillstand zeigt, dass der Konflikt keine innerkoreanische Angelegenheit war. Die Halbinsel war im Kalten Krieg zu einem wichtigen Schauplatz des geopolitischen Ringens der Grossmächte geworden. Das setzt sich fort bis heute: Nordkorea ist Teil einer Allianz mit China und Russland, die den westlichen Einfluss wo immer möglich zurückzudrängen versucht: 2024 schickte das Land Soldaten in den Krieg gegen die Ukraine.

Das Engagement der Grossmächte als «Patrons» einer Seite verfestigt die Frontstellungen, weil es beide Seiten von einem gewaltsamen oder auch diplomatischen Auftauen des eingefrorenen Konflikts abhält. Das gilt erst recht seit 2006, als Nordkorea zur Nuklearmacht wurde. Sanktionen und Verhandlungen haben seither am Status quo kaum etwas geändert.

Südkoreanische Soldaten patrouillieren an der Demarkationslinie, die den Süden vom Norden der Halbinsel trennt.

Chung Sung-Jun / Getty

Was bedeutet das für die Ukraine?

Der Fall von Nagorni Karabach zeigt: Wenn sich mit der Zeit die Machtbalance zwischen den Gegnern verschiebt, steigt das Risiko, dass ein eingefrorener Konflikt auftaut und die stärkere Seite die Entscheidung sucht. Aserbaidschan nutzte seine überlegene Wirtschaftskraft, um den Feind nach 26 Jahren mit einer modernisierten Armee aus dem umstrittenen Territorium zu vertreiben. Die Ukraine weiss deshalb, dass sie einen Waffenstillstand nutzen müsste, um in ihr Abwehrdispositiv gegen Russland zu investieren. So kann das Risiko eines neuen Überfalls vermindert werden.

Zyperns Teilung macht klar, dass eine gedeihliche Entwicklung durchaus möglich ist, solange der Konflikt eingefroren bleibt. Der südliche Teil der Insel hat – vor allem dank dem Beitritt zur EU – grosse wirtschaftliche Fortschritte gemacht. Zypern könnte der Ukraine auch insofern Hoffnung machen, als es der Union beitreten konnte, obwohl ein Teil des Territoriums besetzt war.

Der Fall Korea schliesslich macht klar: Je stärker die Grossmächte in den eingefrorenen Konflikt eingebunden sind, desto unwahrscheinlicher ist sein Auftauen. Aber auch eine friedliche Einigung ist schwieriger, wenn viele und mächtige Akteure involviert sind. Das Nuklearpotenzial auf beiden Seiten macht eine gewaltsame Wiedervereinigung hochriskant und unwahrscheinlich.

Für die Ukraine (die keinen Atomschirm hat) bedeutet das: Eine Rückeroberung des von der Nuklearmacht Russland annektierten Territoriums ist nicht realistisch. Der bestmögliche Ausgang aus dieser Tragödie im Osten Europas heisst wohl Koexistenz, nicht Friede.

4 Kommentare

Marc Anderson

1 Empfehlung
Südkorea blüht, Westdeutschland hatte das auch getan, eine „Ehe“ in der nicht direkt miteinander gesprochen wird und sich beide hassen, kann dennoch ziemlich stabil sein. Wahrscheinlich war das früher sogar der Normalfall ist also im besten Sinne erzkonservativ.

Rolf Jeker

1 Empfehlung
Putin wird den Traum nicht aufgeben die Ukraine wieder ins Orbit von Russland ( mindestens wie Weissrussland) zurückzuführen. Die Ukraine selbst wird nicht mehr in der Lage sein einmal jenseits der Friedenslinie gelegene Gebiete wieder zurückzugewinnen. Mit einem EU Beitritt ( light) und Aufrechterhaltung eigener Streitkräfte dürfte die Chance recht gross sein zukünftige weitere Invasionen zu vermeiden. Die EU selbst muss sich selbst absichern, dass ein Urbanähnlicher Coup in der Ukraine den Beitritt rückgängig machen kann ( deshalb light). Die Augen sollten sich zusehends auf Transnistrien richten; könnte nächster von Russland bearbeiteter Brennpunkt werden- auch deshalb müsste EU gegenüber Moldawien Fortschritte zu deren Sicherheit machen.

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