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Dana von Suffrin ist die witzigste Autorin der deutschen Gegenwartsliteratur

In «Toxibaby» erzählt Dana von Suffrin mit gnadenlosem Witz von Beziehungsdramen – und vom deutsch-jüdischen Gedächtnistheater

Caspar Battegay
2 Leseminuten

Dana von Suffrin ist die witzigste Autorin der deutschen Gegenwartsliteratur.

Gunter Glücklich

«Es ist eine alte Geschichte, / Doch bleibt sie immer neu; / Und wem sie just passieret, / Dem bricht das Herz entzwei.» Bereits Heinrich Heine wusste, dass man zumindest in der Literatur nur leidet, «um nachher eine lustige Geschichte zu erzählen». Auch die stürmisch scheiternde On-off-Romanze von Herzchen Goldberg und Toxibaby «ist traurig, aber es ist auch alles daran witzig», wie Herzchen selbst während eines der unzähligen Krisengespräche feststellt.

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Tatsächlich ist Dana von Suffrin die wohl witzigste Autorin der deutschen Gegenwartsliteratur. Ihre Romane «Otto» und «Nochmal von vorne» loten, grotesk und einfühlsam zugleich, die Neurosen europäisch-jüdischer Familien aus. Ihr neuer Roman «Toxibaby» wechselt vermeintlich das Genre und behandelt die Liebesdramen urbaner Anfangsvierziger. Allerdings bleibt die Autorin ihrem wichtigsten Motiv treu: den Aporien der jüdischen Gegenwart.

Die Ich-Erzählerin, eine deutsch-jüdische Autorin namens Herzchen Goldberg, jammert so eloquent und lästert so amüsant-fies (zum Beispiel über «Agentur-Arschlöcher» und «Rennrad-Idioten» in Szene-Cafés oder über ältere deutsche Philosemitinnen, die von Sex mit Yitzhak Rabin träumen), dass sie wie eine weibliche Variante eines Philip-Roth-Helden klingt. Stellenweise erinnert der Ton sogar an den kalt-schneidenden Sarkasmus Maxim Billers.

Der Titelheld Toxi erscheint als Urbild jenes narzisstischen Mannes, der lebenslang ein bedürftiges Baby bleibt und wie ein Baby ganz natürlich davon ausgeht, die Welt wäre bloss erschaffen worden, um ihn zu ärgern. Toxi ist ein Marxist mit Geschmack für teures Parfum und hippe Mode, ständig pleite und weiss alles besser. Gutaussehend, eitel und dauerdepressiv bildet er das ideale Rettungsprojekt für Herzchen. Diese träumt seit ihrer Kindheit davon, nicht nur verunfallte Vögelchen, sondern auch ihre Familienmitglieder aus Todesgefahren zu retten. Toxi passt zu ihr, weil seine «schizophrene Paranoia oder paranoide Schizophrenie sich manchmal genauso anfühlte wie mein Leben in der sogenannten Diaspora».

Der Kern des Buches ist also weniger das Liebesdesaster als vielmehr die Traumata einer jüdischen Autorin in Deutschland. Den ambivalenten Erwartungen der Öffentlichkeit, die zwischen stereotyper Shoah-Erinnerung und ebenso stereotyper «Israelkritik» schwankt, kann sie nicht gerecht werden. «Toxisch» ist dieses Beziehungsdrama, aber «toxisch» ist eben auch das Gedächtnistheater, auf dessen Bühne jüdische Autorinnen und Autoren zwangsweise auftreten.

Dabei ist gerade Herzchen eine mehr als unzuverlässige Erzählerin. Der Verdacht, dass sie – Autorin eines Familien-Holocaust-Bestsellers mit dem Titel «Omama’s Madhouse» – in ihrer Egomanie den armen Toxi bei weitem übertrifft, wird im Verlauf der Geschichte immer unabweisbarer. Schliesslich wird sie als Fellow einer Kulturstiftung in ein Baumhaus in die Schweiz eingeladen, wo alles wohldesignt und gutfinanziert ist. Sie nötigt Toxi zur Mitreise. Doch der Traum einer grossen Rettung in der Idylle zerplatzt. Denn Toxi ist gar nicht so abgebrüht, wie man immer dachte.

Bis zum bitteren Ende stellt dieses Buch damit glänzende Unterhaltung dar, darüber hinaus aber auch eine sarkastische Meistererzählung über die Trostlosigkeit jüdischer Gegenwart.

Dana von Suffrin: Toxibaby. Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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