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Reich an sch�nen T�lern ist die Schweiz, wer z�hlte sie wohl auf? In keinem Lehrbuch stehn sie alle verzeichnet. Wenn auch nicht eins der sch�nsten, so doch eines der reichsten ist das Tal, in welchem Heimiswyl liegt und das oberhalb Burgdorf ans rechte Ufer der Berner Emme sich m�ndet. Gro�artig sind die Berge nicht, welche es einfassen, in absonderlichen Gestalten bieten sie dem Auge sich nicht dar; es sind m�chtige Emmentaler H�gel, die unten heitergr�n und oben schwarzgr�n sind, unten mit Wiesen und �ckern eingefa�t, oben mit hohen Tannen bewachsen. Weit ist im Tale die Fernsicht nicht, da es ein Quertal ist, welches in nordwestlicher Richtung ans Haupttal st��t; die Alpen sieht man daher nur auf beiden Eggen, welche das Tal umfassen, da aber auch in heller Pracht und gewaltigem Bogen am s�dlichen Himmel. Herrlich ist das Wasser, das allenthalben aus Felsen bricht, einzig sind die reichbew�sserten Wiesen und trefflich der Boden zu jeglichem Anbau, reich ist das Tal und sch�n und zierlich die H�user, welche das Tal schm�cken. Wer an den ber�hmten Emmentaler H�usern sich erbauen will, der findet sie zahlreich und ausgezeichnet in genanntem Tale.
Auf einem der sch�nen H�fe lebte im Jahr 1796 als Magd Elsi Schindler (dies soll aber nicht der rechte Name gewesen sein); sie war ein seltsam M�dchen, und niemand wu�te, wer sie war und woher sie kam. Im Fr�hjahr hatte es einmal noch sp�t an die T�re geklopft, und als der Bauer zum L�ufterli hinausguckte, sah er ein gro�es M�dchen drau�en stehen mit einem B�ndel unter dem Arme, das �ber Nacht fragte,[105] nach altherk�mmlicher Sitte, nach welcher jeder geldlose Wanderer, oder wer sonst gerne das Wirtshaus meidet, um Herberge fr�gt in den Bauernh�usern und nicht nur umsonst ein Nachtlager erh�lt, bald im warmen Stall, bald im warmen Bette, sondern auch abends und morgens sein Essen und manchmal noch einen Zehrpfennig auf den Weg. Es gibt deren H�user im Bernbiet, welche die Gastfreundschaft t�glich �ben den Morgenl�ndern zum Trotz und deren Haus selten eine Nacht ohne �bern�chtler ist. Der Bauer hie� das M�dchen hereinkommen, und da sie eben am Essen waren, hie� er es gleich zuechehocke. Auf der B�urin Gehei� mu�te das Weibervolk auf dem Vorstuhl sich zusammenziehen, und zu unterst auf selbigen setzte sie die �bern�chtlerin.
Man a� fort, aber einige Augenblicke h�rte man des Redens nicht viel, alle mu�ten auf das M�dchen sehen. Dasselbe war n�mlich nicht nur gro�, sondern auch stark gebaut und sch�n von Angesicht. Gebr�unt war dasselbe wohl, aber wohl geformt, l�nglicht war das Gesicht, klein der Mund, wei� die Z�hne darin; ernst und gro� waren die Augen, und ein seltsam Wesen, das an einer �bern�chtlerin besonders auffiel, machte, da� die Essenden nicht fertig wurden mit Ansehen. Es war eine gewisse adeliche Art an dem M�dchen, die sich weder verleugnen noch annehmen l��t, und es kam allen vor, als s��e sie da unten als des Meisters Tochter oder als eine, die an einem Tische zu befehlen oder zu regieren gewohnt sei. Es verwunderten sich daher alle, als das M�dchen auf die endlich erfolgte Frage des Bauern: �Wo chunst und wo wottsch?� antwortete: Es sei ein arm Meitli, die Eltern seien ihm gestorben, und es wolle Platz suchen als Jungfere da in den D�rfern unten. Das M�dchen mu�te noch manche Frage ausstehen, so ungl�ubig waren alle am Tisch. Und als endlich der Bauer mehr zur[106] Probe als im Ernste sagte: �Wenn es dir ernst ist, so kannst hier bleiben, ich mangelte eben eine Jungfere�, und das M�dchen antwortete, das w�re ihm gerade das Rechte, so brauchte es nicht l�nger herumzulaufen, so verwunderten sich alle noch mehr und konnten es fast nicht glauben, da� das eine Jungfere werde sein wollen.
Und doch war es so und dem M�dchen bitterer Ernst, aber freilich dazu war es nicht geboren. Es war eine reiche M�llerstochter aus vornehmem Hause, aus einem der H�user, von denen ehedem, als man das Geld nicht zu nutzen pflegte, die Sage ging, bei Erbschaften und Teilungen sei das Geld nicht gez�hlt, sondern mit dem M�� gemessen worden. Aber in der letzten H�lfte des vergangenen Jahrhunderts war ein grenzenloser �bermut eingebrochen, und Viele taten so �berm�tig wie der verlorne Sohn, ehe er zu den Trebern kam. Damals war es, da� reiche Bauerns�hne mit Neutalern in die Wette �ber die Emme warfen und machten �Welcher weiter?�. Damals war es, als ein reicher Bauer, der zw�lf F�llim�hren auf der Weide hatte, an einem starkbesuchten Jahrmarkt austrommeln lie�: Wer mit dem Rifersh�userbauer zu Mittag essen und sein Gast sein wolle, der solle um zw�lf Uhr im Gasthause zum Hirschen sein. So einer war auch des M�dchens Vater gewesen. Bald hielt er eine ganze Stube voll Leute zu Gast, bald pr�gelte er alle, die in einem Wirtshause waren, und leerte es; am folgenden Morgen konnte er dann ausmachen um schwer Geld dutzendweise. Er war imstande, als Dragoner an einer einzigen Musterung hundert bis zweihundert Taler zu brauchen und ebenso viel an einem Markt zu verkegeln. Wenn er zuweilen recht einsa� in einem Wirtshause, so sa� er dort acht Tage lang, und wer ins Haus kam, mu�te mit dem reichen M�ller trinken, oder er kriegte Schl�ge von ihm. Auf diese Weise ersch�pft man eine Goldgrube, und der M�ller ward nach[107] und nach arm, wie sehr auch seine arme Frau dagegen sich wehrte und nach Verm�gen zur Sache sah.
Sie sah das Ende lange voraus, aber aus falscher Scham deckte sie ihre Lage vor den Leuten zu. Ihre Verwandten hatten es ungern gesehen, da� sie den M�ller geheiratet, denn sie war von braven Leuten her, welchen das freventliche Betragen des M�llers zuwider war; sie hatte es erzwungen und auf Besserung gehofft, aber diese Hoffnung hatte sie betrogen – wie noch manche arme Braut – und statt besser war es immer schlimmer gekommen. Sie durfte dann nicht klagen gehen, und darum merkten auch die Leute, g�b wie sie sich wunderten, wie lange der M�ller es mache k�nnte, den eigentlichen Zustand der Dinge nicht, bis die arme Frau, das Herz vom Geier des Grams zerfressen, ihr Haupt neigte und starb. Da war nun niemand mehr, der sorgte und zudeckte; Geldmangel ri� ein, und wo der sichtbar wird, da kommen wie Raben, wenn ein Aas gefallen, die Gl�ubiger gezogen und immer mehrere, denn einer zieht den andern nach, und keiner will der letzte sein. Eine ungeheure Schuldenlast kam an Tag, der Geltstag brach aus, verzehrte alles, und der reiche M�ller ward ein alter, armer Hudel, der in der Kehr gehen mu�te von Haus zu Haus gar manches Jahr, denn Gott gab ihm ein langes Leben. So aus einem reichen Mann ein armer Hudel zu werden und als solcher so manches Jahr umgehen zu m�ssen von Haus zu Haus, ist eine gerechte Strafe f�r den, der in Schimpf und Schande seine Familie st�rzt und sie so oft noch um mehr bringt als um das leibliche Gut. So einer ist aber auch eine lebendige Predigt f�r die �berm�tige Jugend, ob welcher sie lernen mag das Ende, welches zumeist dem �bermute gesetzet ist.
Zwei S�hne hatte der M�ller, diese waren schon fr�her der v�terlichen Roheit entronnen, hatten vor ihr im fremden Kriegsdienst Schutz gesucht. Eine Tochter war geblieben im[108] Hause, die sch�nste, aber auch die stolzeste M�llerstochter das Land auf und ab. Sie hatte wenig teilgenommen an den Freuden der Jugend; sie gefielen ihr nicht, man hielt sie zu stolz dazu. Freier hatten sie umlagert haufenweise, aber einer gefiel ihr so schlecht als der andere, ein jeder erhielt so wenig ein freundlich Wort als der andere. Ein jeder derselben ward ihr Feind und verschrie ihren �bermut. Zu einem aber ward sie nie zu stolz erfunden, zur Arbeit n�mlich und zu jeglicher Dienstleistung, wo Menschen oder Vieh derselben bedurften. Von Jugend an war sie fr�h auf, griff alles an, und alles stund ihr wohl, und gar oft waren es die Eltern, die ihren Willen hemmten, ihr dies und jenes verboten, weil sie meinten, einer reichen M�llerstochter zieme solche Arbeit nicht. Dann schaffte sie gar manches heimlich, und oft, wenn ihre kranke Mutter des Nachts erwachte, sah sie ihre Tochter am Bette sitzen, w�hrend sie doch einer Magd zu wachen befohlen, ihre Tochter aber mit allem Ernst zu Bette gehen gehei�en hatte.
Als nun die Mutter gestorben war und das Ungl�ck ausbrach, da wars, als wenn ein Blitz sie getroffen. Sie jammerte nicht, aber sie schien stumm geworden, und die Leute hatten fast ein Grausen ob ihr, denn man sah sie oft stehen auf hohem Vorsprung oder an tiefem Wasser und ob den M�hlr�dern am Bache, und alle sagten, es gebe sicher ein Ungl�ck, aber niemand reichte die Hand, selbigem auf irgend eine Weise vorzubeugen. Alle dachten, und Viele sagten es, es geschehe Elsi recht, Hochmut komme vor dem Falle, und so sollte es allen gehen, die so stolz wie Elsi t�ten; und als dasselbe am Morgen, als alles aufgeschrieben werden sollte, verschwunden war, sagten alle: Da h�tte mans, und sie h�tten es l�ngst gesagt, da� es diesen Ausweg nehmen w�rde. Man suchte es in allen B�chen, an jungen Tannen, und als man es nirgends fand, da deuteten Einige darauf hin, da� einer sei, der schon Viele geholt und absonderlich Stolze und[109] �berm�tige, und noch nach manchem Jahre ward stolzen M�dchen darauf hingedeutet, wie einer sei, der gerade Stolze am liebsten nehme; sie sollen nur denken an die reiche M�llerstochter, die so ungesinnet verschwunden sei, da� man weder Haut noch Haar je wieder von ihr gesehen.
So �bel war es indes Elsi nicht ergangen, aber B�ses hatte es allerdings in den ersten Tagen im Sinne gehabt. Es war ihm gewesen, als klemme jemand ihm das Herz entzwei, als t�rmten sich M�hlsteine an seiner Seele auf; es war ein Zorn, eine Scham in ihm, und die brannten ihns, als ob es mitten in der H�lle w�re. Allen Leuten sah es an, wie sie sein Ungl�ck ihm g�nnten, und wenn man ihm alle Sch�tze der Welt geboten h�tte, es w�re nicht imstande gewesen, einem einzigen Menschen ein freundlich Wort zu geben.
Indessen wachte �ber dem armen Kinde eine h�here Hand und lie� aus dessen Stolze eine Kraft emporwachsen, welche demselben zu einem h�hern Entschlusse half; denn so tut es Gott oft, eben aus dem Kerne, den die Menschen verworfen, l��t er emporwachsen die edelste Frucht. Der Stolz des M�dchens war ein angeborner Ekel gegen alles Niedere, geistig Hemmende, und wer es einmal beten gesehen h�tte, h�tte auch gesehen, wie es sich dem�tigen konnte vor dem, in dem nichts Niederes, nichts Gemeines ist. Aber sein Inneres verstund es nicht, sein �u�eres beherrschte es nicht, und darum geb�rdete es sich wie eine reiche M�llerstochter, welcher die ganze Welt nicht vornehm genug ist. Da weg wollte es, aber vor der Untat schauderte es; die Schande wollte es seiner Familie nicht antun, wollte nicht die Seele mit dem Leibe verderben, aber wie sich helfen, wu�te es lange nicht. Da, in stiller Nacht, als eben seine Angst um einen Ausweg am gr��ten war, �ffnete ihm Gott denselben. Weit weg wollte es ziehen, Dienst suchen als niedere Magd an einsamem Orte, dort in Stille und Treue unbekannt sein[110] Leben verbringen, solange es Gott gefalle. Wie in starken Gem�tern kein langes Werweisen ist, wenn einmal ein Weg offen steht, so hatte es noch in selber Nacht sich aufgemacht, alle Hoffart dahinten gelassen, nur mitgenommen, was f�r eine Magd schicklich war, keinem Menschen ein Wort gesagt und war durch einsame Steige fortgegangen aus dem heimischen Tale. Manchen Tag war es gegangen in die Kreuz und Quere, bald gefiel es ihm nicht, bald gedachte es an bekannte Namen, die hier oder dort wohnten, und so war es gekommen bis ins Heimiswyltal. Dort hinten im heimeligen Tale gefiel es ihm, es suchte Dienst und fand ihn.
Die rasche Aufnahme desselben war anfangs der B�urin nicht recht; sie kapitelte den Mann ab, da� er ihr da eine aufgebunden habe, die so zimpfer aussehe und zu hochm�tig, um sich etwas befehlen zu lassen. Des tr�stete sie der Bauer, indem das M�dchen ja nicht f�r eine bestimmte Zeit gedungen sei, man also dasselbe schicken k�nne, sobald es sich nicht als anst�ndig erweise. Auch dem �brigen Gesinde war die Aufnahme des M�dchens nicht recht, und lang ging dasselbe um ihns herum wie H�hner um einen fremden Vogel, der in ihrem Hof absitzt.
Aber bald erkannte die B�urin, da� sie in Elsi ein Kleinod besitze, wie sie keines noch gehabt, wie es mit Geld nicht zu bezahlen ist. Elsi verrichtete, was es zu tun hatte, nicht nur meisterhaft, sondern es sinnete auch selbst, sah, was zu tun war, und tat es ungehei�en rasch und still, und wenn die B�urin sich umsah, so war alles schon abgetan als wie von unsichtbaren H�nden, als ob die Bergm�nnlein dagewesen w�ren. Das nun ist einer Meisterfrau unbeschreiblich anst�ndig, wenn sie nicht an alles sinnen, allenthalben nachsehen mu�, wenn sie nicht nur das Schaffen, sondern auch das Sinnen �bertragen kann; aber sie findet selten einen Dienst, bei welchem sie dieses kann. Viele Menschen scheinen[111] nicht zum Sinnen geboren, und Viele wiederum haben ihre Gedanken nie da, wo es n�tig w�re, und Wenige sind, die wache Sinne haben, geleitet und geh�tet von klarem Verstande, und aus diesen Wenigen sind wiederum Wenige, die zum Dienen kommen, oder dienen selten lange, denn das sind geborene Meisterleute. Daneben hatte Elsi nichts auf Reden, mit niemand Umgang, und was es sah im Hause oder h�rte, das blieb bei ihm; keine Nachbarsfrau vernahm davon das Mindeste, sie mochte es anstellen, wie sie wollte. Mit dem Gesinde machte es sich nicht gemein. Die rohen Sp�sse der Knechte wies es auf eine Weise zur�ck, da� sie dieselben nicht wiederholten, denn Elsi besa� eine Kraft, wie sie selten ist beim weiblichen Geschlechte, und dennoch ward es von demselben nicht geha�t. Niemanden verklagte es, und wenn es Knecht oder Magd einen Dienst tun konnte, so sparte Elsi es nicht, und manches tat es ab in der Stille, was die Andern verga�en und deshalb hart gescholten worden w�ren, wenn die Meisterleute es gesehen h�tten.
So ward Elsi bald der rechte Arm der Meisterfrau, und wenn sie etwas auf dem Herzen hatte, so war es Elsi, bei dem sie es erleichterte. Aber eben deswegen �rgerte es sie an Elsi, da� es nicht Vertrauen mit Vertrauen vergalt. Nat�rlich nahm es sie wunder, wer Elsi war und woher es kam, denn da� es nicht sein Lebtag gedient hatte, sondern eher befohlen, das merkte sie an gar vielem, besonders eben daran, da� es selbst dachte und alles ungehei�en tat. Sie schlug daher oft auf die Stauden und frug endlich geradeaus. Elsi seufzte wohl, aber sagte nichts und blieb fest dabei, wie auch die Meisterfrau ansetzte auf Weiberweise, bald mit Z�rtlichkeit und bald mit Giftigkeit. Heutzutage h�tte man es k�rzer gemacht und nach den Schriften gefragt, absonderlich nach dem Heimatschein, den man hinterlegen m�sse, wenn man nicht in der Bu�e sein wollte; damals dachte man an solche[112] Dinge nicht, und im Bernbiet konnte man sein Lebtag inkognito verweilen, wenn man nicht auf irgend eine absonderliche Weise der Polizei sich bemerkbar machte.
Wie sehr dies auch die Frau verdro�, so l�hmte es doch ihr Vertrauen nicht, und wenn sie Donnstags nicht nach Burgdorf auf den Markt konnte, wohin schon damals die Heimiswyler Weiber alle Donnstage gingen, so sandte sie Elsi mit dem, was Verk�ufliches bei der Hand war, und Auftr�gen wie des Hauses Bedarf sie forderte. Und Elsi richtete aufs Treulichste alles aus und war heim, ehe man daran dachte, denn nie ging es in ein Wirtshaus, weder an Markttagen noch an Sonntagen, wie ihm auch zugeredet ward von Alt und Jung. Anfangs meinte man, sein Weigern sei nichts als die �bliche Ziererei, und fing an, nach Landessitte zu schrei�en und zu zerren; aber es half nichts, Elsi blieb standhaft. Man sah es mit Erstaunen; denn ein solch M�dchen, das sich nicht zum Weine schrei�en lie�, war noch Keinem vorgekommen. Am Ende setzte man ab mit Versuchen und kriegte Respekt vor ihm.
Wenn aber einmal die jungen Leute vor einem sch�nen M�dchen Respekt kriegen, da mag es wohl nach und nach sicher werden vor denen, welche M�dchen wie Blumen betrachten, mit denen man umgehen kann nach Gel�sten. Aber nun erst kommen die herbei, welche Ernst machen wollen, welche eine sch�ne Frau m�chten und eine gute. Deren waren nun damals im Heimiswylergraben Viele, und sie waren einstimmig der Meinung, da� nicht f�r jeden eine im Graben selbst zu finden sei. Freilich wollten die Meisten zu guten und sch�nen noch reiche Weiber. Aber man wei�, wie das beim jungen Volke geht, welches alle Tage eine andere Rechnung macht und immer das am h�chsten in Rechnung stellt, was ihm gerade am besten gef�llt. Darum war Elsi vor diesen alle Tage weniger sicher; sie sprachen es[113] an auf dem Kirchweg und auf dem M�ritweg, und des Nachts hoscheten sie an sein Fenster, sagten ihm Spr�che her, und wenn sie hintenaus waren, fingen sie sie wieder von vornen an, aber alles umsonst. Elsi gab auf dem Wege wohl freundlichen Bescheid, aber aus dem Gaden denen vor den Fenstern nie Geh�r. Und wenn, wie es im Bernbiet oft geschieht, die Fenster eingeschlagen, die Gadent�re zertr�mmert wurde, so half das seinen Liebhabern durchaus nichts. Entweder schaffte es sich selbsten Schutz und r�umte das Gaden wieder, oder es stieg durchs Ofenloch in die untere Stube hinab; dorthin folgt kein Kiltbub einem M�dchen.
Unter denen, welche gerne eine sch�ne und gute Frau gehabt h�tten, war ein Bauer, nicht mehr ganz jung. Aber noch nie war eine ihm sch�n und gut genug gewesen, und wenn er auch eine gefunden zu haben glaubte, so brauchte die nur mit einem andern Burschen ein freundlich Wort zu wechseln, so war er fertig mit ihr und sah sie nie mehr an. Christen hie� der Bursche, der von seiner Mutter her einen sch�nen Hof besa�, w�hrend sein Vater mit einer zweiten Frau und vielen Kindern einen andern Hof bewirtschaftete. Christen war h�bsch und stolz, keinen sch�nern Kanonier sah man an den Musterungen, keinen t�chtigern Bauer in der Arbeit und keinen kuraschierteren Menschen im Streit. Aber allgemach hatte er sich aus den Welth�ndeln zur�ck, gezogen. Die M�dchen, welche am Weltstreit vordem die Hauptursache waren – jetzt ist es das Geld –, waren ihm erleidet; er hielt keines f�r treu, und um ihn konnte der Streit toben, konnten Gl�ser splittern neben ihm und Stuhlbeine krachen, er bewegte sich nicht von seinem Schoppen. Nur zuweilen an einem Burgdorfmarkt, wenn die Heimiswyler mit ihren Erbfeinden, den Krauchthalern, nicht fahren mochten und Bott um Bott kam, ihn zu entbieten und zuletzt dr tusig Gottswillen, stund er auf und half mit wackeren[114] Streichen seinen bedr�ngten Kameraden wieder auf die Beine.
Mit M�gden hatte er sich, wie es einem jungen Bauer ziemt, nat�rlich nie abgegeben; aber Elsi hatte so etwas Apartes in seinem Wesen, da� man es nicht zu den M�gden z�hlte und da� alle dar�ber einig waren, von der Gasse sei es nicht. Um so begieriger forschte man, woher denn eigentlich, aber man erforschte es nicht. Dies war zum Teil Zufall, zum Teil war der Verkehr damals noch gar sparsam, und was zehn Stunden auseinander lag, das war sich fremder, als was jetzt f�nfmal weiter auseinander ist. Wie allenthalben, wo ein Geheimnis ist, Dichtungen entstehen, und wie, wo Weiber sind, Ger�chte umgehen, so ward gar mancherlei erz�hlt von Elsis Herkommen und Schicksalen. Die Einen machten eine entronnene Verbrecherin aus ihm, Andere eine entlaufene Ehefrau, Andere eine Bauerntochter, welche einer widerw�rtigen Heirat entflohen, noch Andere eine unehliche Schwester der B�urin oder eine unehliche Tochter des Bauern, welche auf diese Weise ins Haus geschmuggelt worden. Aber weil Elsi unwandelbar seinen stillen Weg ging, fast wie ein Sternlein am Himmel, so verloren all diese Ger�chte ihre Kraft, und eben das Geheimnisvolle, Besondere in seiner Erscheinung zog die junge Mannschaft an und absonderlich Christen. Sein Hof war nicht entfernt von Elsis Dienstort, das Land stie� fast aneinander, und wenn Christen ins Tal hinunter wollte, so m��te er an ihrem Hause vorbei. Anfangs tat er sehr kaltbl�tig. Wenn er Elsi zuf�llig antraf, so sprach er mit ihm, stellte sich wohl auch bei ihm, wenn es am Brunnen unterm breiten Dache Erd�pfel wusch oder was anderes. Elsi gab ihm freundlichen Bescheid, und ein Wort zog das andere Wort nach sich, da� sie oft gar nicht fertig werden konnten mit Reden, was andern Leuten aber eher auffiel als ihnen selbst. Auch Christen wollte Elsi Wein[115] zahlen, wenn er es in Burgdorf traf oder mit ihm heimging am Heimiswyler Wirtshause vorbei. Aber ihm so wenig als Andern wollte Elsi in ein Wirtshaus folgen, ein Glas Wein ihm abtrinken. Das machte Christen erst bitter und b�s; er war der Meinung, da� wenn ein junger Bauer einer Magd eine Halbe zahlen wolle, so sei das eine Ehre f�r sie, und �bel an st�nde es ihr, diese auszuschlagen. Da er aber sah, da� sie es allen so machte, h�rte, da� sie nie noch ein Wirtshaus betreten, seit sie hier sei, so gefiel ihm das und zwar immer mehr. Das w�re eine Treue, dachte er, die nicht lieb�ugelte mit jedem T�rlistock, nicht um einen halben Birenstiel mit jedem hinginge, wo er hin wollte; wer so eine h�tte, k�nnte sie zur Kirche und auf den Markt schicken oder allein daheim lassen, ohne zu f�rchten, da� jemand anders ihm ins Gehege k�me. Und doch konnte er die Versuche nicht lassen, so oft er Elsi auf einem Wege traf, dasselbe zum Weine zu laden oder ihm zu sagen, am n�chsten Sonntag gehe er dorthin, es solle auch kommen, und allemal ward er b�se, da� er einen Abschlag erhielt.
Es ist kurios mit dem Weibervolke und dem M�nnervolk. Solange sie ledig sind, blo� werben oder Brautleute sind, da ist das Weibervolk liebensw�rdig aus dem ff und das M�nnervolk freigebig, da� einem fast �bel wird, und zwar gleich zu Stadt und Land. So ein Bursche zum Beispiel l��t Braten aufstellen oder wenigstens einen Kuchen, und sollte er ihn unter den N�geln hervorpressen, versteigt sich zu rotem Weine, gegenw�rtig sogar zu Champagner aus dem Welschland, und nicht oft genug kann er sein M�dchen zum Wein bestellen; er tut, als ob er ein Kr�sus w�re und sein Vater daheim nicht mehr Platz h�tte zum Absitzen vor lauter Z�pfen und P�cklein. Ist derselbe aber einmal verheiratet, dann hat die Herrlichkeit ein Ende, und je freigebiger er gewesen, desto karger wird er, und allemal wenn sein Weib[116] mit ihm ins Wirtshaus will, so setzt es Streit ab, und wenn das Weib es einmal im Jahr erzw�ngt, so h�lt der Mann es ihr sieben Jahre lang vor. �hnlich haben es die M�dchen mit der Liebensw�rdigkeit, wenn sie Weiber werden. Eins zahlt immer das Andere, hei�t es, aber schwer ists, zu entscheiden, ob der Mann zuerst von der Freigebigkeit l��t oder das Weib von der Liebensw�rdigkeit. Es wird halt auch so sein wie mit dem Speck, mit welchem man die M�use f�ngt; ist die Maus gefangen und der Speck gefressen, so w�chst auch nicht neuer Speck nach und der alte ist und bleibt gefressen.
Aus diesem Grunde wahrscheinlich k�mmt es, da� die meisten st�dtischen V�ter ihren T�chtern ein Sackgeld vorbehalten, welches aber sehr oft nicht ausgerichtet wird; auf dem Lande ist man noch nicht so weit und namentlich im Heimiswylgraben nicht.
Trotz dem B�sewerden ward Elsi dem Christen doch immer lieber, immer mehr drang sich ihm die �berzeugung auf: die oder keine. Ihm zu Lieb und Ehr tat er manchen Gang, war oft zu Abendsitz in des Bauern Haus und immer �fters vor des M�dchens Fenster, doch immer vergeblich, und allemal nahm er sich vor, nie mehr zu gehen, und nie konnte er seinen Vorsatz halten. Elsi kam, wenn es seine Stimme h�rte, wohl unters Fenster und redete mit ihm, aber weiter brachte Christen es nicht. Je z�rtlicher er redete, desto mehr verstummte das M�dchen; wenn er von Heiraten redete, so brach es ab, und wenn er traulich wurde, die eigenen Verh�ltnisse auseinandersetzte und nach denen von Elsi forschte, so machte dasselbe das Fenster zu. Dann ward Christen sehr b�se; er ahnete nicht, welchen Kampf Elsi im Herzen bestand.
Anf�nglich war es Elsi wohl in der Fremde, so alleine und ohne alles Kreuz vom Vater her, aber allgemach ward eben dieses Alleinestehen ihm zur Pein, denn ohne B�rde auf der Welt soll der Mensch nicht sein. So niemand zu haben auf[117] der Welt, zu dem man sich fl�chten, auf den man in jeder Not bauen kann, das ist ein Weh, an dem manches Herz verblutet. Als Christen der stattlichen Maid sich nahte, tat es Elsi unendlich wohl; Christen war ja eine Br�cke in seine alten Verh�ltnisse, von der Magd zur Meisterfrau. Aber um zu heiraten, mu�te es sagen, wer es war, mu�te seine Verh�ltnisse offenbaren, mu�te in der Heimat sagen, wohin es gekommen; das wars, was es nicht konnte. Es war �berzeugt, da� Christen, sobald er wu�te, wer es war, ihns sitzen lie�e, und das wollte es nicht ertragen. Es wu�te zu gut, wie �bel ber�chtigt sein Vater war Land auf, Land ab und da� man in diesem Tale hundertmal lieber ein arm S�hniswyb wollte als eines von �bel ber�chtigter Familie her. Wie manches arme Kind sich eines reichen Mannes freut seiner Eltern wegen, weil es hofft, Sonnenschein bringen zu k�nnen in ihre tr�ben alten Tage, so kann ein Kind schlechter Eltern sich nicht freuen. Es bringt nichts als die Schande mit in die neue Familie; den schlechten Eltern kann es nicht helfen, nicht helfen von ihrer Schande, nicht helfen von ihren Lastern. So wu�te auch Elsi, da� seinem Vater nicht zu helfen war, auf keine Weise. Geld war nur �l ins Feuer, und ihn bei sich ertragen, das h�tte es nicht vermocht und h�tte es viel weniger einem Manne zugemutet, was die leibliche Tochter nicht ertrug. Das ist eben der Fluch, der auf schlechten Eltern liegt, da� sie das Gift werden in ihrer Kinder Leben; ihr schlechter Name ist das Gespenst, das umgeht, wenn sie selbst schon lange in ihren Gr�bern modern, das sich an die Fersen der Kinder h�ngt und unheilbringend ihnen erscheinet, wenn Gl�ck sich ihnen nahen, bessere Tage ihnen aufgehen wollen.
Es k�mpfte hart in dem armen M�dchen, aber sein Geheimnis konnte es nicht offenbaren. Wenn Christen je gesehen h�tte, wie der Kampf Elsi Tr�nen auspre�te, wie es[118] seufzte und betete, er w�re nicht so b�se geworden, er h�tte vielleicht in verdoppelter Liebe das Geheimnis entdeckt; aber was da innen in uns sich reget, das hat Gott nicht umsonst dem Auge Anderer verborgen. Es kam Elsi oft an, wegzuziehen in dunkler Nacht, wieder zu verschwinden, wie es in seiner Heimat verschwunden war, und doch vermochte es dasselbe nicht. Es redete sich ein, die Leute w�rden ihm B�ses nachreden, es sei mit dem Schelmen davongegangen oder noch Schlimmeres; aber es war etwas anderes, welches ihns hielt, was es sich aber selbst nicht gestand. So litt das arme M�dchen sehr, das h�chste Gl�ck ihm so nahe und doch ein Gespenst zwischen ihm und seinem Gl�ck, das ihns ewig von selbigem schied. Und dieses Gespenst sahen andere Augen nicht; es durfte nicht schreien, es mu�te die bittersten Vorw�rfe ertragen, als ob es schn�de und �berm�tig das Gl�ck von sich stie�e.
Diese Vorw�rfe machten ihm nicht nur Christen, sondern auch die B�urin, welche Christens Liebe sah und ihrer Magd, welche ihr lieb wie eine Schwester war, dieses Gl�ck wohl g�nnte, was nicht alle Meisterfrauen getan h�tten, aufs�tzig. Bei diesen Anl�ssen konnte sie recht bitter werden in den Klagen �ber Mangel an Zutrauen, ja manchmal sich des Deutens nicht enthalten, da� Elsi wohl etwas B�ses zu bewahren h�tte, weil es dasselbe nicht einmal ihr, welche es doch so gut meine, anvertrauen wolle.
Das f�hlte Elsi mit Bitterkeit, es sah recht elend aus, und doch konnte es nicht fort, konnte noch viel weniger das Gespenst bannen, das zwischen ihm und seinem Gl�cke stand. Da geschah es am alten Neujahr, das hei�t an dem Tage, auf welchen nach dem alten Dato, nach russischem Kalender, das Neujahr gefallen w�re und welches, so wie die alte Weihnacht, ehedem noch allgemein gefeiert wurde auf dem Lande, jetzt nur noch in einigen Berggegenden, da�[119] Elsi mit der B�urin nach Burgdorf mu�te. Der Tag war auf einen Markttag gefallen, es war viel Volk da, und lustig ging es her unterm jungen Volk, w�hrend unter den Alten viel verkehrt wurde von den Franzosen, von welchen die Rede war, wie sie Lust h�tten an das Land hin, wie man sie aber b�rsten wollte, bis sie genug h�tten. Nur vorsichtig lie�en hier und da Einige verbl�mte Worte fallen von Freiheit und Gleichheit und den gestrengen Herren zu Bern, und sie taten wohl mit der Vorsicht, denn Teufel und Franzos war denen aus den Bergen ungef�hr gleichbedeutend.
Als die B�urin ihre Gesch�fte verrichtet hatte, steuerte sie ihrem �blichen St�bli zu, denn z'leerem ging sie von Burgdorf nicht heim und namentlich am alten Neujahr nicht. Sie wollte Elsi mitnehmen, welches aber nicht wollte, sondern sich entschuldigte, es h�tte nichts n�tig, und wenn sie Beide hineingingen, so m��ten sie pressieren, weil niemand daheim die Sache mache; gehe es aber voran, so k�nne die B�urin bleiben, solange es ihr anst�ndig sei, bis sie Kameradschaft f�nde f�r heim oder gar eine Gelegenheit zum Reiten.
Wie sie da so m�rteten mit einander, kam Christen dazu, stund auf Seite der Meisterfrau und sagte Elsi, jetzt m�sse es hinein; das w�re ihm doch seltsam, wenn ein Meitschi wie es in kein Wirtshaus wollte, es w�re das erste. Elsi blieb fest und lehnte manierlich ab: Es m�ge den Wein nicht erleiden, sagte es, und daheim mache niemand die Haushaltung. Es m�sse kommen, sagte Christen; trinken k�nne es, so wenig es wolle, und gehen, wenn es wolle, aber einmal wolle er wissen, ob es sich seiner versch�me oder nicht.
Das sei einf�ltig von ihm, sagte Elsi, er solle doch denken, wie eine arme Magd eines Bauern sich versch�men sollte, und z�rnen solle er nicht, aber es sei sein Lebtag sein Brauch gewesen, sich nicht eigelich zu machen, sondern erst zu sinnen, dann zu reden, dann bei dem zu bleiben, was geredet worden.[120] Die gute B�urin, welche wenig von andern Gr�nden wu�te als von M�gen und nicht M�gen, half dr�ngen und sagte, das sei doch wunderlich getan, und wenn zu ihrer Zeit sie ein ehrlicher, braver Bursche zum Weine habe f�hren wollen, so h�tte sie sich gesch�mt, es ihm abzusagen und ihm diese Schande anzutun.
Es ist nun nichts, welches den Zorn des Menschen eher entz�ndet, sein Begehren st�hlt als ein solcher Beistand; darum ward Christen immer ungest�mer und wollte mit Gewalt Elsi zwingen. Aber Elsi widerstand. Da sagte Christen im Zorn: �He nun so denn, du wirst am besten wissen, warum du in kein Wirtshaus darfst; aber wenn du nicht willst, so gibt es Andere.� Somit lie� er Elsi fahren und griff rasch nach einem andern Heimiswyler M�dchen, welches eben vor�berging und willig ihm folgte. Die B�urin warf Elsi einen b�sen Blick zu und sagte: �Gell, jetzt hast's�, und ging nach. Da stund nun Elsi, und fast das Herz wollte es ihm zerrei�en, und der Zorn �ber Christes verd�chtige Worte und die Eifersucht gegen das willige M�dchen h�tten fast vollbracht, was die Liebe nicht vermochte, und es Christen nachgetrieben. Indessen hielt es sich, denn vor den Wirtsh�usern, in welchen ihre Familienehre, ihr Familiengl�ck zugrunde gegangen, hatte es einen Abscheu, und zugleich floh es sie, weil es in denselben am meisten Gefahr lief, erkannt zu werden oder etwas von seinem Vater vernehmen zu m�ssen. In den Wirtsh�usern ists, wo die Menschen zusammenstr�men und sich Zeit nehmen, zu betrachten und heimzuweisen, was beim fl�chtigen Begegnen auf der Stra�e unbeachtet vor�bergeht.
Es ging heim; aber so finster war es in seinem Herzen nie gewesen seit den Tagen, an welchen das Ungl�ck �ber sie eingebrochen war. Anfangs konnte es sich des Weinens fast nicht enthalten, aber es unterdr�ckte dasselbe mit aller[121] Gewalt, der Leute wegen. Da nahm ein bitterer, finsterer Groll immer mehr Platz in demselben. So ging es ihm also; so sollte es nicht nur nie gl�cklich sein, sondern noch eigens geplagt und verd�chtigt werden, mu�te das sich gefallen lassen, konnte sich nicht rechtfertigen; so gingen die Leute mit ihm um, um welche es das am wenigsten verdient hatte, welche es am besten kennen sollten! Wie ehedem in gewaltigen Revolutionen die Berge aus der Erde gewachsen sein sollen, so wuchs aus den Wehen seines Herzens der Entschlu� empor, von allen Menschen mehr und mehr sich abzuschlie�en, mit niemand mehr etwas zu haben, nicht mehr zu reden, als es mu�te, und so bald m�glich da wegzugehen, wo man so gegen ihns sein k�nne.
Als die Meisterfrau heimkam, st�rkte sie diesen Entschlu�; sie beabsichtigte freilich das Gegenteil, aber es ist nicht allen Menschen gegeben, richtig zu rechnen, nicht einmal in Beziehung auf die Zahlen, geschweige denn in Bezug auf die Worte. Sie erz�hlte, wie Christen sich lustig mache in Burgdorf, und sicher gehe er mit dem M�dchen heim, und was es dann gebe, k�nne niemand wissen, das M�dchen sei h�bsch und reich und pfiffig genug, einen Vogel im L�tsch zu fangen. Das w�rde Elsi recht geschehen, und sie m�chte es ihm g�nnen, denn das sei keine Manier f�r eine Magd, mit einem Bauer so umzugehen. Aber sie fange auch an zu glauben, da m�sse was dahinter sein, das nicht gut sei; anders k�nne sie es sich nicht erkl�ren, oder sei es anders, so solle es es sagen. Diesem setzte Elsi nichts als trotziges Schweigen entgegen.
In trotzigem Schweigen ging es zu Bette und wachte in ihm auf, als es an sein Fenster klopfte und Christes Stimme laut ward vor demselben. Derselbe hatte es doch nicht �bers Herz bringen k�nnen, einen neuen Tag aufgehen zu lassen �ber seinem Zwist mit Elsi. Er trank, wie man sagt, guten Wein, und je mehr er trank, desto besser ward er. Je mehr[122] der Wein auf dem Heimweg �ber ihn kam, desto mehr zog es ihn zu Elsi, mit ihm Frieden zu machen. Im Wirtshaus zu Heimiswyl kehrte er mit seinem Meitschi ein, aber nur um desselben loszuwerden mit Manier, lie� eine Halbe bringen, bestellte Essen, ging unter einem Vorwand hinaus, bezahlte und erschien nicht wieder. Das M�dchen war, wie gesagt, nicht von den Dummen eines, es merkte bald, woran es war, jammerte und schimpfte nicht, hielt nun mit dem, was Christen bezahlt hatte, einen Andern zu Gast, und so fehlte es ihm an einem Begleiter nach Hause nicht. Dem armen Christen ging es nicht so gut. Elsi, durch die B�urin neu aufgeregt, hielt an seinem Entschlu� fest und antwortete nichts, g�b wie Christen bat und sich unterzog; es mu�te den Kopf ins Kissen bergen, damit er sein Weinen nicht h�re, aber es blieb fest und antwortete nicht einen Laut. Christen tat endlich wild, aber Elsi bewegte sich nicht; zuletzt entfernte sich derselbe halb zornig und halb im Glauben, Elsi habe zu hart geschlafen und ihn nicht geh�rt. Er ward aber bald inne, wie Elsi es meine. Die fr�here Freundlichkeit war dahin; Elsi tat durchaus fremd gegen ihn, antwortete ihm nur das Notwendigste, dankte, wenn er ihm die Zeit w�nschte, in allem �brigen aber war es unbeweglich. Christen ward fuchswild darob und konnte Elsi doch nicht lassen. Hundertmal nahm er sich vor, an dasselbe nicht mehr zu sinnen, sich ganz von ihm loszumachen, und doch stund es best�ndig vor seinen Augen; seine wei�en Hemde�rmel am Brunnen sah er durch sieben Z�une schimmern, und an allen Haaren zog es ihn, bis er unter dessen Fenster stand. Hundertmal nahm er sich vor, rasch eine Andere zu freien und so dem Ding ein Ende zu machen; aber er konnte mit keinem M�dchen freundlich sein, und wenn eines gegen ihn freundlich war, so ward er b�se, es war ihm, als tr�gen alle andern M�dchen die Schuld, da� Elsi sich so gegen ihn verh�rte.[123] W�hrend Christen sein Weh im Herzen wuchs als wie ein b�s Gew�chs, wuchs auch der L�rm mit den Franzosen von Tag zu Tag. Schon lange waren Soldaten auf den Beinen, viele Bataillone standen gesammelt den Franzosen bereits gegen�ber, welche an den Grenzen lagen und im Waadtlande. Immer mehr bildete sich beim Volk der Glaube aus, der Franzos f�rchte sich, d�rfe nicht angreifen, und unterdessen schlichen Viele herum, die das Ger�cht zu verbreiten suchten: die Herren wollten das Volk verraten; w�re dieses nicht, der Franzos w�re l�ngstens abgezogen, aber er passe auf die Gelegenheit und bis er mit den Herren einig sei. Das echte Landvolk ha�te den Franzos wie den Antichrist, �rger als einen menschenfressenden Kannibalen, daher �rgerte es sich schwer an dem Werweisen der Herren auf dem Rathause; das Schwanken und Z�gern dort war eben nicht geeignet, jene Verleumdungen L�gen zu strafen. Eine schauerliche Nachricht jagte die andere. Da kam pl�tzlich die Botschaft, losgebrochen sei der Krieg, und die Postboten flogen durch die T�ler, alle noch �brige eingeteilte Mannschaft auf die Sammelpl�tze zu entbieten. Es war den ersten M�rz sp�t abends, als Christen den Befehl erhielt. Alsobald r�stete er sich und bestellte sein Haus, und Nachbar um Nachbar kam, bot seine Dienste an, und keiner verga� die Mahnung: �Schont sie nicht, die Ketzere, la�t Keinen entrinnen, schie�t ihnen K�pfe und Beine ab, verbrennt sie dann noch lebendig! Sie wissen es dann in Zukunft, da� sie uns ruhig lassen sollen, die Mordiot�fle.�
Christen mochte nicht warten, bis der Letzte fort war und er die abgesch�sselet hatte, welche ihn begleiten wollten, denn ohne Abschied von Elsi wollte er nicht fort. Als er an dessen Fenster kam, ging es ihm wie fr�her; er erhielt auf Reden und Klopfen keine Antwort. Da sprach er: �H�r, Elsi, ich bin da eben in der Montur und auf dem Weg in den Krieg, und[124] wer wei�, ob du mich lebendig wieder siehst, einmal wenn du so tust, gewi� nicht. Komm hervor, sonst k�nntest du dich reuig werden, so lang du lebst.� Die Worte drangen Elsi ins Herz, es mu�te aufstehen und zum Fenster gehen. Da sagte Christen: �So kommst du doch noch, aber jetzt gib mir die Hand und sag mir, du z�rnest mir nicht mehr, und wenn mich Gott gesund spart, so wollest du mein Weib werden, versprich mirs.� Elsi gab seine Hand, aber schwieg. �Versprichst mirs?� fragte Christen. Es wollte Elsi das Herz abdr�cken, und lange fand es keinen Laut, und erst als Christen noch einmal sagte: �So red doch! Sag mir, du wollest mich, da� ich auch wei�, woran ich bin�, antwortete es: �Ich kann nicht.� �Aber Elsi, besinn dich�, sagte Christen; �mach nichts L�tzes, denk, du k�nntest reuig werden, sage Ja.� �Ich kann nicht�, wiederholte Elsi. �Elsi, besinn dich!� bat Christen drungelich, �sag mir das nicht zum drittenmal; wer wei�, ob du mir dein Lebtag noch etwas sagen kannst. Sag Ja, dr tusig Gottswille bitt ich dich.� Ein Krampf fa�te Elsis Brust, endlich hauchte es: �Ich kann nicht.� �So sieh, was machst�, antwortete Christen, �und verantworte es dann vor Gott!� Mit diesen Worten st�rzte er fort; Elsi sank bewu�tlos zusammen.
Still ging der zweite Tag M�rz �ber dem Tale auf. Die meisten Bewohner waren am Abend vorher lange aufgewesen, hatten Abziehenden das Geleit gegeben, und so begann erst sp�t des Tages Ger�usch. Elsi war bet�ubt und ging herum wie ein Schatten an der Wand. Die Meisterfrau hatte wohl gemerkt, da� Christen oben am Fenster Abschied genommen, aber nichts verstanden. Sie hoffte, da� sie sich verst�ndigt, und f�hlte Mitleid mit Elsis Aussehen, welches sie der Angst um Christens Leben zuschrieb. Sie tr�stete, so gut sie konnte, und sagte, es sei noch nicht gewi�, da� es Krieg g�be, vielleicht sei es wieder nur blinder L�rm. Und[125] wenn schon, so h�tte sie geh�rt, unter hundert Kugeln treffe nicht eine einzige, und Christen sei alt genug, um aufzupassen, da� ihn keine treffe, und nicht so wie ein Sturm dreinzurennen, ohne sich zu achten wohin. Elsi solle nur nicht Kummer haben, es werde noch alles gut gehen, und ehe Pfingsten da sei, k�nne es ein sch�n Hochzeit geben.
Dieser Trost wirkte aber wiederum umgekehrt, und Elsi begann, ganz gegen seine bisherige Gewohnheit, laut aufzujammern. �Er kommt nicht wieder, ich wei� es, und ich bin schuld daran!� rief es verzweiflungsvoll. �Aber, mein Gott�, sagte die Frau, �hast du es denn nicht mit ihm ausgemacht und ihm das Wort gegeben? Er wird doch expre� deswegen gekommen sein und vielleicht dir den Hof noch lassen verschreiben, ehe er von Burgdorf ausr�ckt.� �Nein habe ich gesagt�, versetzte Elsi, �und er hat gesagt, lebendig werde ich ihn nicht wiedersehen.� Da schlug die B�urin die H�nde �ber dem Kopfe zusammen und sagte: �Aber, mein Gott, mein Gott, bist du verr�ckt oder eine Kindsm�rderin oder eine Schinderstochter? Eins von diesen dreien mu� sein, sonst h�ttest du es nicht �bers Herz gebracht, einen solchen Burschen von der Hand zu weisen, der dir noch so anst�ndig ist, wie ich es wohl gesehen. Bist eine Schinderstochter oder eine Kindesm�rderin? Seh, red, ich will es jetzt wissen!� �Keins von beiden bin ich�, sagte Elsi, tief verletzt �ber solchen Verdacht; �von vornehmen Leuten bin ich her, wie hier in der ganzen Kirchh�re keine wohnen, und was mein Vater getan hat, dessen vermag ich mich nichts.� �So, was hat der gemacht?� fragte die Frau, �er wird jemand gemordet haben oder falsches Geld gemacht und ins Schallenwerk gekommen oder gar gerichtet worden sein.� �Nein, Frau�, sagte Elsi, �ich wei� nicht, warum Ihr mir das W�steste alles ansinnet.� �Aber etwas mu� es doch sein, das dir im Weg ist wegen einer Heirat; so wegen nichts schl�gt man[126] einen solchen Mann nicht aus. Vielleicht hat er falsche Schriften gemacht, oder er wird sich selber gemordet haben und nicht im Kirchhof begraben worden sein.� �Nein, Frau�, sagte Elsi, �selb ist nicht wahr; aber geltstaget hat er und mu� jetzt in der Kehre gehen. Ich will es gleich heraussagen, sonst meint man, wie schlecht ich sei, und es wird ohnehin bald alles aus sein, und da m�chte ich nicht, da� man mir Schlechtes ins Grab redete.� �Was, geltstaget hat er, und deswegen willst du nicht heiraten, du Tropf du? Und das darfst du nicht sagen – Je weniger du hast, desto einen reichern Mann bedarfst du. Wenn ja Keins heiraten wollte, wenn jemand in der Familie geltstaget hat, denk nur, wie viel doch ledig bleiben m��ten, denen das Heiraten so wohl ansteht.� �O Frau�, sagte Elsi, �Ihr wi�t darum nicht, wer wir gewesen sind und was unser Ungl�ck f�r mich war.� �Oh, doch �ppe nicht unserem Herrgott seine Geschwister.�
�O Herr, o Herr, o Mutter, o Mutter, sie kommen, sie kommen!� schrie drau�en ein Kind. �Wer,� schrie die Frau. �Die Franzosen, sie sind schon im Lochbach oder doch in Burgdorf; h�r, wie sie schie�en!� �O Christen, o Christen!� schrie Elsi; alle liefen hinaus. Drau�en stand alles vor den H�usern, so weit man sehen konnte, und �Pung, Pung!� t�nte es Schu� um Schu� dumpf �ber den Berg her. Ernst horchten die M�nner, bebend standen die Weiber, und wom�glich stund jedes neben oder hinter dem Mann, r�hrte ihn an oder legte die Hand in seine, und gar manches Weib, das lange dem Mann kein gut Wort gegeben, ward z�rtlich und bat: �Verla� mich nicht, dr tusig Gottswille, verla� mich nicht, mein Lebtag will ich dir kein b�ses Wort mehr geben.� Endlich sagte ein alter Mann am Stecken: �Gef�hrlich ist das nicht, es ist weit noch, jenseits der Aare, wahrscheinlich am Berg. Wenn sie in Grenchen mustern, h�rt man das Schie�en akkurat gleich. In Lengnau stehen die[127] Berner, und oben auf dem Berg sollen auch deren sein; da werden die Franzosen probieren wollen, aber warten die nur, die sind gerade am rechten Ort, in Solothurn wird man es ihnen sch�n machen; das sind die Rechten, die Solothurner, an den Schie�eten immer die Lustigsten.� Das machte den Weibern wieder Mut, aber manchem Knaben, der Gabel oder Hellbarde in der Hand schon auf dem Sprunge zum Ablauf stand, war der Ausspruch nicht recht. �Wir gehen gleich�, sagte einer, �und sollte es bis Solothurn gehen. Wenn wir gleich ablaufen, so kommen wir vielleicht noch zur rechten Gauzeten.� �Ihr wartet!� befahl der Alte. �Wenn einer hier l�uft, der Andere dort, so richtet man nichts aus, mit einzelnen Tropfen treibt man kein M�hlerad. Wenn in Solothurn die Franzosen durchbrechen, dann ergeht der Sturm, die Glocken gehen, auf den Hochwachten wird geschossen, und die Feuer brennen auf; dann l�uft alles mit einander in Gottes Namen drauf, was Hand und F��e hat, dann gehts los, und der Franzos wird erfahren, was es hei�t, ins Bernbiet kommen. Bis dahin aber wartet!� Das war manchem wilden Buben nicht recht, er dr�ckte sich auf die Seite, verschwand, und mehr als einer kam nie wieder. �Du glaubst also nicht, da� unsere Leute schon im Krieg seien?� frug bebend Elsi an des Alten Seite. �O nein�, sagte der Alte, �die werden wohl erst jetzt von Burgdorf ausr�cken gegen Fraubrunnen oder B�tterkinden zu; was f�r Befehl sie bekommen, wei� ich nicht. Aber schaden w�rde es nicht, wenn jemand auf Burgdorf ginge, um da zu h�ren, was geht.� Aber in Burgdorf war es nicht viel besser als hinten im Heimiswylgraben; ein Ger�cht jagte das andere, eines war abenteuerlicher als das andere. Die Franzosenfeinde wu�ten zu erz�hlen, wie die Feinde geschlagen worden, und die, wo nicht tot seien, seien doch schon mehr als halb tot; die Franzosenfreunde wu�ten das Umgekehrte: das ganze[128] Bernerheer geschlagen, gefangen oder verraten, und predigten laut, man solle sich doch nicht wehren, man gewinne nichts damit als eine zerschossene oder zerstochene Haut. So wogten die Ger�chte hin und her, wie vor einem Gewitter die Wolken durcheinandergehen.
Gegen Abend hatte das Schie�en aufgeh�rt, es war ruhig geworden auf der Landschaft; man hoffte, die Franzosen seien in Solothurn gefangen genommen worden gleich wie in einer Falle von denen vom Berge her und von B�ren. Elsi war auch ruhiger geworden auf diese Hoffnung hin. Es hatte der B�urin sagen m�ssen, wer es eigentlich sei, und da hatte diese wiederum die H�nde ob dem Kopf zusammengeschlagen. Von dem M�ller hatte sie geh�rt, von seinem Tun und Reichtum, und da ihr nur dieser recht in die Augen schien, so betrachtete sie Elsi mit rechtem Respekt. Keinem Menschen h�tte sie geglaubt, sagte sie, da� so eine reiche M�llerstochter sich so stellen k�nne, aber da� es nicht seiner Lebtag Magd gewesen, das h�tte sie ihm doch gleich anfangs angesehen. �Und das, du Tr�pflein, hast du ihm nicht sagen d�rfen? Du vermagst dich ja der ganzen Sache nichts, und wenn dein Vater schon ein Hudel ist, so ist deine Familie doch reich und vornehm und sonst nichts Unsauberes darin, und da mu� einer eins gegen das andere rechnen. Oh, wenn ich Christen doch das nur gleich sagen k�nnte; du w�rdest sehen, das machte Christen nicht nur nichts, er n�hme noch den Vater zu sich, nur da� er ab der Gemeinde k�me.� �Das begehre ich nicht� sagte Elsi, �ich begehre nicht mehr mit dem Vater zusammenzukommen, und Christen kann ich doch nicht heiraten; ich will gar nicht heiraten, nie und nimmermehr. Ich m��te mir doch meinen Vater vorhalten lassen, oder da� ich arm sei. Ich weiss wohl, wie das Mannevolk ist, und das m�chte ich nicht ertragen, ich hintersinnete mich; wie nahe ich dem schon war, wei� niemand besser als[129] ich. Aber wenn Christen nur nicht im Zorne tut, was unrecht ist, und den Tod sucht, ich �berlebte es nicht.� �Du bist ein Tr�pflein�, sagte die B�urin, �so etwas ihm nicht zu sagen; das war nur der Hochmut, der dich plagte. Aber wart, wir wollen ihm morgen Bescheid machen, es wird wohl der eine oder der andere Alte seinen S�hnen, die bei den Soldaten sind, etwas schicken wollen, K�s oder Hamme oder Kirschenwasser; ich will mich eine Hamme f�r Christen nicht reuen lassen, und da kann man ihm ja Bescheid machen dazu, es sei daheim ander Wetter und er solle machen, da� er so bald als m�glich heimk�me, aber gesund und gerecht. Er wird schon merken, was gemeint ist.�
Elsi wollte davon lange nichts h�ren, klagte, wie reuig es sei, da� es ein Wort gesagt, drohte, es laufe fort, jammerte, da� es nicht schon lange gestorben, und wenn Christen nur lebendig heimkomme, so wolle es gerne auf der Stelle sterben, aber heiraten wolle und k�nne es nicht. Die B�urin lie� sich aber nicht irre machen; sie hatte die Heirat im Kopf, und wenn eine Frau eine Heirat auf dem Korn hat, so ists schwer, sie davon abzubringen. Ein Hammli mu�te herunter, und sie ruhte nicht, bis sie einen aufgefunden, der mit Proviant den Soldaten nachgeschickt wurde von einer sorgsamen Mutter, und scharf sch�rfte sie dem es ein, wem er das Hammli zu geben und was er dazu zu sagen h�tte. Was die B�urin getan, go� Balsam in Elsis Herz, aber es gestund es nicht ein. Es zankte mit der B�urin, da� sie ihns verraten h�tte, es zankte mit sich, da� es sein Geheimnis vor den Mund gelassen, es wu�te nicht, sollte es bleiben oder gehen; es mochte ihm fast sein wie einem Festungskommandanten, der erst von Verteidigung bis in den Tod, von in die Luft sprengen gesprochen und dem allgemach die �berzeugung k�mmt, das tr�ge nichts ab, und leben bleiben sei doch besser.
Der dritte M�rz lief ab ohne Kanonendonner, aber Ger�chte[130] kamen, Freiburg sei �ber und Solothurn, die Stadt, B�ren sei verbrannt, die Herren wollten das Land �bergeben ohne Krieg. Dieses Ger�cht entz�ndete furchtbaren Zorn, so weit es kam. Da wollten sie doch auch noch dabei sein, sagten die Bauern, aber erst m��ten die Schelme an den Tanz, die Dinge verkauften, welche ihnen nicht geh�rten. Gegen Abend wollte man Soldaten gesehen haben, die, von Wynigen kommend, quer durchs Tal gegangen seien. Die sollten gesagt haben, sie k�men vom Wei�enstein und alles sei aus; die Einen h�tten kapituliert, die Andern seien sonst auseinandergegangen, und die Franzosen w�rden dasein, ehe man daran denke.
Dieser Bericht ging mit Blitzesschnelle durchs ganze Tal, regte alles auf, aber wie ein Blitz verschwand er auch; am Ende wu�te man nicht, wer die Soldaten gesehen hatte, man wu�te nicht mehr, waren es eigentliche Soldaten gewesen oder Spione, welche das Land auskundschaften sollten; denn es seien viele Deutsche bei den Franzosen, hie� es, die akkurat gleich redeten, wie man hier rede, und �berhaupt beschaffen seien wie andere Menschen. Diese Nachricht hinterlie� nichts als vermehrte Unschl�ssigkeit; man wu�te nicht, sollte man die ausger�ckten Leute zur�ck erwarten oder sollte man nachr�cken. Man stund umher, packte auf, packte ab; es war akkurat, als ob es eigens dazu angelegt w�re, den Volksmut wirkungslos verpuffen und verrauchen zu lassen.
Der Bursche, der ausgesandt worden war, kam erst am zweiten Tag, am vierten M�rz, zur�ck, ohne Hammli, aber mit b�sem Bescheid. Christen h�tte er nicht finden k�nnen, sagte er aus. Es h�tte gehei�en, er sei gegen B�tterkinden zu ger�ckt mit seiner Batterie, dahin habe er ihm nicht nach wollen; es hei�e, ungesinnet trappe man in die Franzosen hinein wie in ein Hornissennest, und ihre Dragoner k�men[131] daher wie in den L�ften; wenn man meine, sie seien noch eine Stunde weit, so h�tte man sie schon auf dem Hals. Er habe daher das Hammli in Fraubrunnen abgegeben mit dem Befehle, es dem Christen zuzustellen, wenn man ihn sehe. Zur�ck k�men die Leute aber nicht; sie wollten den Franzosen warten, hei�e es, und Andere meinten, man warte nur auf Zuzug und wolle dann auf die Franzosen zDorf, welche sich nicht aus Solothurn hervorlassen d�rften. Bald werde es losgehen, darauf k�nne man z�hlen.
Dieser Bescheid regte Elsi f�rchterlich auf. Also Krieg gabs, und zvorderist war Christen und sicher expre�, von Elsis Nein gejagt, und niemand bes�nftigte ihn, und die gute Botschaft hatte er nicht vernommen; lebendig s�h es ihn also nicht wieder! Es dr�ngte ihns, ihm die Botschaft selbst zu bringen, aber es wu�te keinen Weg und f�rchtete, so alleine in die Franzosen zu laufen, und die B�urin tr�stete es, der Landsturm werde allweg bald ergehen, da gehe alles, da k�nne es mit; sie wolle f�r ihns daheim bleiben, denn von wegen dem Vieh k�nne doch nicht alles fort. So werde es fr�h genug kommen, denn man werde dSach doch nicht lassen angehen, bis alles bei einander sei.
Alles r�stete sich, jeder suchte seine Waffe sich aus; eine t�chtige zweizinkichte Scho�gabel an langem Stiele, mit welcher man in der Ernte die Garben ladet, stellte Elsi sich zur Hand und wartete mit brennender Ungeduld des Aufbruchs.
Am f�nften M�rz wars, als der Franzos ins Land drang, im Lande der Sturm erging, die Glocken hallten, die Feuer brannten auf den Hochwachten, die B�ller krachten und der Landsturm aus allen T�lern brach, der Landsturm, der nicht wu�te, was er sollte, w�hrend niemand daran dachte, was er mit ihm machen sollte. Aus den n�chsten T�lern str�mte er Burgdorf zu; dort hie� es, man solle auf Fraubrunnen,[132] die Nachricht sei gekommen, da� die Franzosen von Solothurn aufgebrochen; auf dem Fraubrunner Felde sollte geschlagen werden, dort warteten die Berner und namentlich F�siliere und Kanoniere aus dieser Gegend. Der Strom w�lzte sich das Land ab, Kinder, Greise, Weiber bunt durcheinander; an eine Ordnung ward auch nicht von ferne gedacht, dachte doch selten jemand daran, was er eigentlich machen sollte vor dem Feinde. Von einem wunderbaren fast unerkl�rlichen Gef�hle getrieben, lief jeder dem Feinde zu, so stark er machte, als ob es g�lte, eine Herde Schafe aus einem Acker zu treiben. Das beginnende Schie�en minderte die Eile nicht, es schien jedem angst zu sein, er k�me zu sp�t.
Unter den Vordersten war immer Elsi, und jeder Schu� traf sein Herz, und es mu�te denken: Hat der Christen getroffen? So wie sie aus dem Walde bei Kernenried kamen erblickten sie den beginnenden Kampf am �u�ersten Ende des Fraubrunner Feldes gegen Solothurn zu. Kanonen donnerten, Bataillonsfeuer krachten, jagende Reiter wurden sichtbar, Rauchmassen w�lzten sich �ber das Moos hin. Erstaunt standen die Landst�rmer, sie hatten nie ein Gefecht gesehen wenigstens unter Hunderten nicht einer. Wie das so f�rchterlich zuging hin und her, und von weitem wu�te man nicht einmal, wer Feind, wer Freund war! Je l�nger sie zusahen, desto mehr erstaunten sie, es begann ihnen zu grusen vor dem wilden Feuer mit Flinten und Kanonen, und alles scharf geladen; sie fanden, man m�sse warten und zusehen, welchen Weg es gehe, wenn man da so aufs Geratewohl zumarschiere, so k�nne man unter die L�tzen kommen. Kein Mensch war da, sie zu ordnen, zu begeistern, rasch in den Feind sie zu f�hren. Es waren in jenen Tagen die Berner mit heilloser Blindheit geschlagen. Das Feuer der Soldaten lie� man auf die gr��lichste Weise erkalten, und wenns erkaltet war ob dem langen, nutzlosen Stehen, manchmal lange Zeit[133] ohne F�hrer, liefen sie halt auseinander. Das einzige Mal, wo die Soldaten vorw�rts gef�hrt wurden statt zur�ck, erfuhren die Franzosen, was Schweizerkraft und -mut noch dato kann, bei Neuenegg erfuhren sie es.
Elsi ward es himmelangst, als man so m��ig und werweisend dastand, als gar hier und da eine Stimme laut wurde: �Ihr guten Leute, am besten w�rs, wir gingen heim, wir richten da doch nichts aus.� Und wenn niemand da zu H�lfe wolle, so gehe es; wof�r man dann bis hierher gekommen, sagte es. Wenn es nur den k�rzesten Weg �bers Moos w��te. Sie k�men mit, riefen einige junge Bursche, und die Masse verlassend, eilten sie auf dem n�chsten Weg Fraubrunnen zu. Als sie dort auf die Landstra�e kamen, war ein hart Gedr�nge, eine Verwirrung ohnegleichen. Mit Gewalt fast mu�te es sich dr�ngen durch Berner Soldaten, die auf der Stra�e standen und m��ig zusahen, wie vorw�rts ein ander Bataillon mit dem Feinde sich schlug. Auf die wunderlichste Weise stund man da vereinzelt, schlug sich vereinzelt mit dem Feind oder wartete geduldig, bis es ihm gefiel, anzugreifen. Keiner unterst�tzte den Andern, h�chstens wenn ein Bataillon vernichtet war, gab ein anderes zu verstehen, es sei auch noch da und harre des gleichen Schicksals.
Das alles sah Elsi im Flug, und wenn die Soldaten, die es mit P�ffen nicht schonte, schimpften und ihm zuriefen, es solle heimgehen und Kuder spinnen, so sagte es, wenn sie dast�nden wie die Tr�pfe, so m��te das Weibervolk voran, um das Vaterland zu retten, und wenn sie was nutz w�ren, so gingen sie vorw�rts und h�lfen den Andern. Elsi hatte vom Moos weg eine gro�e Linde auf dem Felde gesehen, und bei derselben sah es den Rauch von Kanonen; dort mu�te sein Christen sein, dorthin eilte es mit aller Hast. Als es auf die H�he kam, hinter welcher von Fraubrunnen her die ber�hmte Linde liegt, donnerten die Kanonen noch; aber Elsi sah,[134] wie rechts zwischen Stra�e und Moos, vom Rande des Raines bedeckt, Reiter dahergesprengt kamen wie der Byswind, fremdl�ndisch anzusehen. �Franzosen! Franzosen!� rief es, so laut es konnte, aber seine Stimme verhallte im Kanonendonner. Die Reiter wu�ten, was sie wollten, sie wollten die Batterie, welche ihnen l�stig geworden war. Ebenfalls die Linde im Auge, lenkten sie, sobald sie unter ihr waren, auf die Stra�e herauf und st�rzten sich auf die Kanoniere. Diese, ohne n�here Bedeckung, suchten zwischen ihren Kanonen sich zu verteidigen, aber einer nach dem andern fiel. Einen einzigen sah Elsi noch, der mit seinem kurzen S�bel ritterlich sich wehrte; es war sein Christen. �Christen! Christen! Wehre dich, ich komme!� schrie Elsi mit lauter Stimme. Den Schrei h�rte Christen, sah sein Elsi, sank aber im gleichen Augenblick zum Tode getroffen zwischen den Kanonen nieder. Elsi st�rzte mit der Wut einer gereizten L�win auf die Franzosen ein, diese riefen ihm Pardon zu, aber Elsi h�rte nichts, rannte mit seiner Gabel den Ersten vom Pferde, rannte an, was zwischen ihm und Christen war, verwundete Pferde und Menschen; da fuhren zischende Klingen auf das M�dchen nieder, aber es rang sich durch, und erst zwischen den Kanonen fiel es zusammen. Vor ihm lag Christen. �O Christen, lebst du noch?� rief es mit dem Tode auf den Lippen. Christen wollte sich erheben, aber er vermochte es nicht; die blutige Hand reichte er ihm, und Hand in Hand gingen sie hin�ber in das Land, wo nichts mehr zwischen den Seelen steht, die sich hier gefunden.
Die Franzosen sahen ger�hrt diesen Tod, die wilden Husaren waren nicht unempf�nglich f�r die Treue der Liebe. Sie erz�hlten der Liebenden Schicksal, und so oft sie dasselbe erz�hlten, wurden sie wehm�tig und sagten, wenn sie gewu�t h�tten, was Beide einander w�ren, Beide lebten noch; aber im wilden Gefecht habe man nicht Zeit zu langen Fragen.[135]
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Elsi, die seltsame Magd
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