
© dpa/Tom Weller
Diese WM hinterlässt ein Gefühl des Unbehagens: Das Versprechen vom Fußball für alle ist längst überholt
Die große Trump-Show ist bei der WM ausgeblieben. Im Mittelpunkt standen die vielen kleinen und großen Stars – zum Glück. Und doch bleibt ein Gefühl der Ernüchterung, das für die Fifa eine Warnung sein sollte.

Stand:
nun bevorzugt anzeigen lassen. Mehr erfahren oder direkt aktivieren.
48 Mannschaften, 39 Tage, 104 Spiele – und trotzdem ist sie jetzt vorbei. Denn auch die gigantischste WM aller Zeiten geht irgendwann zu Ende. Obwohl Fifa-Chef Gianni Infantino sicher noch Lust auf mehr hätte.
Dabei hat dieses Turnier der Superlative eines gezeigt: Die Fußball-WM bleibt das größte Sportereignis der Welt, ganz egal, wie beharrlich Infantino und sein Kumpel Donald Trump versuchen, sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Die Begeisterung der Fans für den Sport als solchen ist nicht so leicht kaputtzubekommen.
Natürlich schwangen bei diesem Turnier gesellschaftliche und politische Probleme mit: der Krieg des Gastgebers USA gegen den Iran, die vielen Visaprobleme, die überteuerten Tickets, und schließlich rief Präsident Trump auch noch bei Infantino an, um die Aufhebung der Sperre gegen US-Star Balogun zu erwirken. Ein schwerwiegendes Eingreifen der Politik in die Autonomie des Sports, das zu Recht für einen großen Aufschrei sorgte.
Immer wieder mischten sich Misstöne in die WM-Euphorie vieler Fans, die sich fragten: Kann ich noch mitfiebern? Kann ich mich für den Fußball begeistern, trotz alledem, was ringsherum passiert?
Doch mit den Spielern zu fiebern, bedeutet nicht, diese Aspekte beiseitezuschieben oder gar zu ignorieren. Im Gegenteil, es war die WM der Gleichzeitigkeiten: Euphorie für die Mannschaften einerseits, Kritik an den Umständen andererseits. Beides funktionierte zusammen, das Spannungsverhältnis ließ sich aushalten.
Zumal sich die große Befürchtung nicht bewahrheitete, dass Trump die WM zu seiner Show macht. Vor dem Finale war er kein einziges Mal im Stadion, womöglich auch, weil er Sorge hatte, von den Fans ausgebuht zu werden.
Die Show stahlen dem US-Präsidenten die vielen großen und kleinen Stars dieser WM. Etwa Torwart Vozinha aus Kap Verde, der mit seinen Paraden zum Social-Media-Hit wurde. Oder Kongos lebende Fanstatue „Lumumba Vea“. Viele von ihnen verkörpern all jene Werte, für die Trump nicht steht: Offenheit, Gemeinschaft über Grenzen hinweg und Vielfalt.
Großteil der Fans akzeptiert das Kommerzspektakel
Auch hierzulande waren es die Underdogs, die berührten, begeisterten und dafür sorgten, dass Menschen um vier Uhr nachts aufstanden. Die Euphorie hing nicht allein vom Erfolg der deutschen Nationalmannschaft ab. Zwar sanken nach deren Ausscheiden im Sechzehntelfinale gegen Paraguay auch die Einschaltquoten. Doch die Halbfinalpartien verfolgten jeweils über zwölf Millionen Menschen, und die Biergärten waren zum Public Viewing weiterhin gut gefüllt.
Das zeigt, wie stark die Fans am Fußball festhalten, der immer noch eine faszinierende und emotionalisierende Wirkung wie kaum ein anderer Sport hat. Selbst das eigentlich unbeliebte Spiel um Platz drei wurde dank England und Frankreich zu einem wahren Torspektakel.
Es wird zunehmend schwieriger, ein unbeschwertes Fußballfest zu feiern, dafür sind die Störgeräusche ringsherum einfach zu laut.
Inga Hofmann
Der Großteil der Fans akzeptiert das Kommerzspektakel, das der Weltverband Fifa ihnen alle vier Jahre präsentiert. Die neu eingeführten Trinkpausen, die faktisch als Werbepausen dienen, wurden zwar kritisiert, mehr als ein kleiner Aufreger blieben sie letztlich aber nicht. Und größere wie die Visaprobleme von Spielern oder Schiedsrichtern aus Ländern, die den USA nicht genehm sind, wurden schnell von neuen Themen überlagert.
Und doch hinterlässt diese WM ein Gefühl der Ernüchterung und des Unbehagens, das noch eine ganze Weile zu spüren sein wird: Der Fall Balogun hat gezeigt, wie tiefgreifend der Einfluss mächtiger Männer wie Trump und Infantino im globalen Fußball ist.

© Imago/Ulrich Hufnagel
Der Einfluss der Fans hingegen schwindet stetig: Wer sich die horrenden Ticketpreise nicht leisten kann oder wer aus Sicht des Gastgeberlandes den falschen Reisepass besitzt, wird ausgeschlossen. Damit ist das Versprechen eines Fußballs für alle längst überholt. Es wird zunehmend schwieriger, ein unbeschwertes Fußballfest zu feiern, dafür sind die Störgeräusche ringsherum einfach zu laut.
Noch finden die meisten ein schmales Fenster innerhalb des WM-Wahnsinns, das für sie persönlich attraktiv ist. Weil sie mit einer Mannschaft mitfiebern, weil ihnen ein Spieler besonders imponiert oder weil die Spannung der Partien sie packt. Doch dieses Fenster wird immer kleiner, mit jedem neuen Superlativ und mit jeder neuen Intervention von Infantino und seiner Fifa-Bande.
Bei der nächsten WM könnte die Teilnehmerzahl auf 64 Mannschaften erhöht werden. Das Turnier soll außerdem nicht nur in drei Ländern, sondern gar auf drei Kontinenten stattfinden. Das wäre dann die nächste WM der Superlative. Viele Fans hatten schon dieses Mal Schwierigkeiten, alle Spiele mitzuverfolgen. Und wer es doch geschafft hat, dem dürfte jetzt der Kopf schwirren.
Die Fifa sollte diese Begeisterungsfähigkeit nicht als selbstverständlich erachten – sie ist zwar stark, aber sie hat auch Grenzen. Die WM 2026 war in dieser Hinsicht ein absoluter Härtetest.
- showPaywall:
- false
- isSubscriber:
- false
- isPaid:
- false