
Eines Tages rief sie an und sagte: «Jetzt bin ich bereit!»
Conrad (65) stellte Regula (65) mit der NZZ auf die Probe.

Illustration Clifford Cliffordson
Anfangs haben wir nicht geredet, obwohl ich eigentlich ein Plauderi bin. Wir begegneten uns jeweils über Mittag im Café Promenade in Frauenfeld. Regula arbeitete an ihrem Geschichts-Liz und trank immer Tee, ass einen gemischten Salat und las dazu den «Tagi». Ich machte ein Praktikum bei einem Tiefbauer und bestellte stets Thunfischbrötchen und ein Glas Milch. Dazu las ich die NZZ.
Sie war mir sofort aufgefallen, eine Schönheit mit schwarzen Haaren und keckem Blick. Aber mit ihrem roten Halstuch und der abgewetzten Lederjacke sah sie aus wie eine linke Gumsle. Also fragte ich sie, ob sie meine ausgelesene NZZ wolle. Wäre sie streng links, so meine Klischeevorstellung, würde sie dieses böse bürgerliche Blatt ablehnen. Doch sie griff zu. Von da an gab ich ihr die Zeitung regelmässig weiter.
Am letzten Tag meines Praktikums kamen wir endlich ins Gespräch. Danach ging es schnell. Wir verabredeten uns für Spaziergänge, bald darauf trafen wir uns abends an einer Metzgete und wanderten von da zum Bauernhof ihrer Mutter und der Geschwister. Dort gab es zum zweiten Znacht Tilsiter und Brot. Und ich fragte nach Emmentaler, weil ich Tilsiter nicht so mag – in der Ostschweiz, im Tilsiterland!
Bei der Mutter und den Geschwistern hinterliess ich zwei bleibende Eindrücke: Conrad isst keinen Tilsiter, nicht mal aus Höflichkeit. Und: Conrad redet wie ein Zürcher – also ohne Punkt und Komma. Sie nahmen mich trotzdem herzlich auf. Und auch mir ging bei ihnen das Herz auf.
Man könnte sagen, dass Regula und ich danach «miteinander gingen». Wobei: Ich wünschte mir etwas Festes mit Zukunft, sie scheute davor zurück. Eines Tages verkündete sie, sie wolle für ein halbes Jahr zum Arabischlernen nach Ägypten. Für mich brach eine Welt zusammen. Ein halbes Jahr ohne sie war für mich undenkbar! Aber ein guter Freund sagte: «Wenn du sie wirklich gernhast, lass sie gehen.» Diesen Satz beherzige ich bis heute.
Ich bat Regula um ein Bekenntnis, dass wir zusammengehören. Wir verlobten uns vor ihrer Abreise. Und schrieben lange Liebesbriefe. Ihre waren witzig und wunderschön, aber sie berichtete darin etwas zu oft von Abdou, einem ägyptischen Scheich und Billardmeister. Das gefiel mir gar nicht.
Schliesslich geschah etwas Seltsames: Wir erfuhren unabhängig voneinander von einem Projekt in Ägypten, dem Ramses-Wissa-Wassef-Kunstzentrum. Dieser Ort, wo gewöhnliche Leute aus Dörfern bei Gizeh ganz aussergewöhnliche Teppiche webten, faszinierte uns beide, noch bevor wir darüber gesprochen hatten. Das schien eine Art Zeichen zu sein. Bald darauf rief Regula an und sagte: «Jetzt bin ich bereit.» Und ich war das ja eigentlich seit dem ersten Tag.
Wir heirateten 1991 in der Schweizer Botschaft in Kairo, mit dem Botschafter und einer Putzfrau als Trauzeugen. Abends lud uns Scheich Abdou zum Essen am Nil ein und servierte gebratene Tauben, «für die Manneskraft». Auf der Hochzeitsreise kauften wir im Zentrum Wissa Wassef einen riesigen Teppich.
Heute hängt er in unserer Stube. Auch Regulas Briefe und ihr rotes Halstuch aus dem Café habe ich aufbewahrt. Wir sind nun seit 35 Jahren verheiratet, haben eine Tochter und zwei Söhne; bald kommt unser erstes Enkelkind zur Welt. Die NZZ haben wir immer noch abonniert.
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Ein Artikel aus dem «NZZ Folio»
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