Fortsetzung von Seite 45 Sie hat ja auch vier Kinder. Aber die sind nun schon ziemlich groß, so daß die Schokoladen-Osterhasen, die ihre Großeltern gekauft haben, immer noch dastehen. Und ehrlich gesagt sind sogar noch ein paar Weihnachtsmänner da, die niemand abgeholt hat. Hildegard Missall verläßt ihren Sessel, um ein paar Familienfotos zu suchen. Inzwischen erklärt Paul Missall, daß er froh sei, daß es nun wieder wärmer wird, weil die Wand hinter ihm ja eine reine Außenwand sei, "halber Stein". Deswegen stopfe er sich auch immer das alte Sofateil hinter den Kopf. Im Sommer könne man es auch zwischen die Fenster klemmen, damit man es beim Rausgucken bequemer habe. "Aber noch ist ja kein Sommer. Ich muß vorsichtig sein mit dem Unterwäschewechsel. Ich hab's mit den Nieren. "Hildegard Missall kommt schnaufend ins Zimmer zurück und legt ein paar alte Fotos auf den Tisch. "Hier, ick als Trümmerlieschen im Ulbrichtstadion. Und da war ick mit meinem Paul im Cöllnischen Park spazieren." Zwei lächelnde junge Menschen schauen von den kleinen Fotografien. "Kennengelernt haben wir uns ja uffn Schwarzmarkt Markusstraße", sagt Paul Missall gerührt. ", Woll'n Se bisken Süßstoff koofen, Frollein`, hat er mich gefragt", ergänzt seine Frau stolz. Im Fernsehen leitet eine RTL-Nachrichtenansagerin vom Nahen Osten zu einer Frau über, die auf einem Kölner Spielplatz vergiftete Schokoladeneier verteilt hat. "Nu hör dir dit an", sagt Hildegard Missall. Und ihr Mann versucht automatisch, mit der Fernbedienung die Lautstärke zu erhöhen. Aber die ist schon am Anschlag. Die Straße dort draußen stört die beiden höchstens beim Fernsehen. So wie sie die Sonne, die am Nachmittag ins Zimmer flutet, beim Fernsehen stört. Sie sitzen und trinken und rauchen und schauen fern. Bevor sie ins Bett gehen, dreht Paul Missall immer noch den Kalender, der neben dem Ofen hängt, einen Tag weiter. Ganz oben unterm Dach wohnen zwei junge Menschen, die es der Welt zeigen wollen. Sie ist 22 Jahre alt, ihr Verlobter 19 und ihre Tochter sechs Wochen. Das Paar ist in der Schule immer gehänselt worden, weil sie dick und unsportlich waren. Aber dann haben sie abgenommen. Er hat zusätzlich angefangen, eine Art Kampfsport zu betreiben. "So was zwischen Karate, Kickboxen und Tai Chi", sagt er, und die junge Mutter bestätigt schwärmerisch, daß er "vom Körper her schon soweit ist wie van Damme". Der junge Mann ist zwar erst neunzehn, hat noch Pubertätspickel auf der Stirn, noch keinen Beruf und seine Lieblingsfloskeln sind "voll seltsam", "voll gut", aber er hat relativ klare Vorstellungen, wo ihr Leben hinführen soll. Erst mal beginnt er einen Job als Fahrradmechaniker, und später ziehen sie nach Florida. Deutschland nämlich empfinden sie ein bißchen wie das Haus, in das sie vor einem halben Jahr zogen. Laut, dreckig und kriminell. "Unsere Nachbarn spannen in unser Schlafzimmer, ganz unten wohnt ein Spinner, dazwischen Trinker, und im Treppenhaus drücken sich Fixer rum", erklärt der junge Vater. "Der Straßenlärm ist eine Zumutung", sagt seine Freundin, "und nach sechs Monaten kannst du dir einen neuen Kinderwagen kaufen, so schlimm sind die Bürgersteige." Es hilft nichts, sie müssen nach Florida. "Vielleicht machen wir aber auch eine Boutique für Babysachen auf", sagt er . "Mein Schatz kann nämlich voll gut nähen." Sie sehen sich verliebt an. Im Schlafzimmer von Frauke und Andreas Noak hängt ein Stück Tapete, auf dem in roten, schwungvollen Buchstaben steht: "Haut an Haut verbrennenmich von Dir nicht trennendiese Nacht lebt ewigin Dir und mir".Die Worte stammen aus einem Lied von Roland Kaiser. Andreas Noack hat sie aufgeschrieben und seiner Frau zum Hochzeitstag geschenkt. Zu welchem, wissen sie nicht. Es muß schon ein bißchen her sein. Als sie vor genau drei Jahren das erstemal die Wohnung betraten, haben sie den Lärm da draußen nicht gehört. Die Wohnung war groß und hell, sie gefiel ihnen. Sie waren beeindruckt, weil sie aus einer kleinen, feuchten Wohnung in der Bergstraße kamen. Erst später, als sie sich das Video ansahen, das sie beim Renovieren aufgenommen hatten, hörten sie, daß die Brückenstraße damals schon so laut war, wie sie ihnen heute vorkommt. Sehr laut. Und sehr dreckig. Was besonders schlimm ist, weil ihre vierjährigen Zwillinge an einer allergischen Hautkrankheit leiden und an Asthma. Aber die Sorge um die Kinder hatten sie wenigstens gemeinsam.Vielleicht fing es damit an, daß Frauke Noak der Krach, der aus allen Richtungen in die Wohnung drang, beim Schlafen mehr störte als ihren Mann, der "schläft, wenn er schläft". Wer weiß. Jedenfalls trennte der Lärm da draußen sie immer mehr. Andreas Noak, der in Berlin-Mitte aufgewachsen war, ertrug ihn besser. Er hat Freunde in der Stadt, er kennt das Klima in einem Berliner Mietshaus. Frauke Noak aber war auf dem Land großgeworden. In einem kleinen Ort bei Wittenberg. Sie sehnt sich nach der Ruhe zurück. Für ihren Mann ist es "zu weit vom Schuß". Sie arbeitet als Nachtschwester in Reinickendorf. Er arbeitet als Erzieher in Hohenschönhausen. Er ist 33, sie 26. Er steht auf Oldies, sie auf die aktuellen Hits aus den Charts. Er liest die Berliner Zeitung, sie den Berliner Kurier. "Ich würde gern nach Griechenland fahren", sagt sie. "Zu heiß", sagt er."Wir sind schon sehr verschieden", sagt Andreas Noak. "Aber früher haben wir das gar nicht so gemerkt", sagt seine Frau. Draußen lärmt die Brückenstraße. Vor ein paar Wochen ist Margot Doernbrack aus dem ersten Stock weggezogen. Ganz überraschend und ganz schnell. Sie wohnt jetzt in Eggersdorf. "Es ist ruhig hier", sagt sie. "Es ist so ruhig." Denkt sie noch manchmal an die Brückenstraße? Immerhin war sie es damals, die gegen den Senat geklagt hat. "Nein, das ist vorbei", sagt Margot Doernbrack schnell. Zu schnell. Wahrscheinlich fahren immer noch Lastkraftwagen durch ihre Träume. +++
Von Alexander Osang